Was bedeutet eigentlich Gerechtigkeit?

Häufig sprechen wir mit Freunden, Kollegen oder der Familie darüber, dass viele Dinge im Alltag „unfair“ sind. „Es trifft immer die Guten“ heißt es häufig, wenn einem „guten Menschen“ etwas Schlechtes widerfährt, wir bewerten es als ungerecht, wenn man sich die Kapitalverteilung in Deutschland und der Welt anschauen und wundern uns, warum so viele Menschen von der Gesellschaft sozial abgehängt werden. Auch in der Politik spricht man häufig über Gerechtigkeit – man kann über Generationen-, Geschlechter-, Bildungsgerechtigkeit und noch weiteren Facetten schwadronieren, ohne eigentlich zu wissen, was wirklich gemeint ist.

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John Rawls

John Rawls, einer der bedeutendsten US-amerikanischen politischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, stellte sich ebenfalls die Frage, was Gerechtigkeit ist und er entwickelte ein einfaches Gedankenexperiment in seinem 1971 erschienenen Buch „Eine Theorie der Gerechtigkeit“, damit jeder eine Antwort für sich findet. Rawls glaubte nicht an den American Dream. Als Statistik-Experte wusste er, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch war, arm zu bleiben, wenn man arm geboren wurde. Die vereinzelten aufgebauschten Erfolgsgeschichten von Menschen, die vom Tellerwäscher zum Millionär aufgestiegen, sind so selten, dass sie statistisch vernachlässigbar sind.

Bei dem Gedankenexperiment fordert Rawls seine Leser auf, sich Grundprinzipien für eine gesellschaftliche Ordnung zu überlegen, wenn man diese von Null auf modellieren könnte. Diese Grundsätze sollen widerspruchsfrei und für jede Person anwendbar sein. Man soll sich dann vorstellen, man würde sich einem „Urzustand“ ohne seinen Körper befinden und wäre kurz davor geboren zu werden. Als Hilfestellung kann man sich an einem spirituelles Bild für diesen Zustand bedienen: die Seele, die im Kosmos schwebt. Wesentlich ist dabei, dass der „Schleier des Nichtwissens“ über dem Menschen liegt.

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Anna (CC BY 2.0)

Durch diesen Schleier weiß man nicht, welche Familie man haben wird, wie intelligent, attraktiv, reich, arm, gesund, talentiert man auf die Welt kommt. Man hat ebenfalls keine Vorstellung davon, welche Hautfarbe, Religionszugehörigkeit oder Geschlecht man haben wird. Rawls möchte sichergehen, dass alle Eigenschaften, die ein Mensch unverdient innehat, ausgeblendet werden. Entscheidend ist auch, dass emotionale Einflüsse – wie Liebe, Hass oder Neid anderen gegenüber – ignoriert werden. Nichtsdestotrotz hat man nach wie vor sein Verständnis über wirtschaftliche Zusammenhänge und ein Allgemeinwissen.

Nun lautet die Gretchenfrage: „Wie sieht eine gerechte Gesellschaft aus, wenn eine Lotterie darüber entscheiden würde, wie und unter welchem Umstanden du geboren wirst?“ Daraus leitet sich aber noch viel mehr ab: Welches politische System wäre das richtige? In welcher Gesellschaftsform würdest du dich sicher fühlen? Welche Rolle würde es spielen, wenn man auf einmal eine andere Hautfarbe oder ein anderes Geschlecht hätte? Was wäre, wenn man keine Eltern hätte? Den Lesern wird bewusst, wie viele Privilegien, aber auch Diskriminierung es gibt.

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Rai Duarte (CC BY-NC 2.0)

Rawls greift bei dem Gedankenexperiment vor. Im Kern wollen alle Menschen ähnliche Dinge: die Sicherung ihrer Grundbedürfnisse, einen gleichen Zugang zu Krankenhäusern, Bildungseinrichtungen, Rechtsschutz und dem Arbeitsmarkt wie alle anderen. Er modelliert einen demokratischen Sozialstaat, der Menschen die Hand reicht, wenn sie in Not sind und blind gegenüber Vorurteilen ist. Natürlich hängt es von jedem Land und jeder Region von den Ursachen der Ungerechtigkeit ab. Manch einer wünscht sich vielleicht bessere Schulen, andere wiederum mehr Naturschutz und bessere Luftqualität.

Es klingt im Grunde gar nicht so kompliziert – warum ist es dann so unfassbar schwierig, eine gerechte Gesellschaft zu schaffen? Zwei offensichtliche Gründe: 1. Menschen haben Vorurteile, sie finden es herausfordernd, mit „Andersartigkeit“ umzugehen. Dieser Punkt ließe sich aber stetig ändern. 2. Es gibt zu viele Gesellschaftsmitglieder, die von Ungerechtigkeit profitieren. Dieser wesentliche Aspekt hingegen, lässt sich nur sehr langsam und mit viel Mühe abschwächen. Der Philosoph fügt ebenfalls hinzu, dass Gerechtigkeit nicht mit rationalen Argumenten allein erreicht werden kann. Es bedarf auch einen moralischen Unterbau, um das Ziel zu erreichen. Rawls kritisiert daher „egoistische“ Strömungen, wie den Utilitarismus, der den Fokus auf Nutzenmaximierung legt. Die eigenen blinden Flecken wird man schließlich nur los, wenn man es für sinnvoll erachtet, diese zu hinterfragen.

Ich wundere mich was für euch Gerechtigkeit bedeutet? Was würdet ihr ändern, wenn ihr könntet?

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