Arbeitsleben: Geld oder Sinn – Was wählst Du?

Steve Koukoulas (CC BY-NC-ND 2.0)

Viele Menschen, die im Arbeitsleben stehen oder kurz davor sind, den Einstieg zu schaffen, suchen nach Sinn und Bedeutung bei ihrer Beschäftigung. Manchmal aber klappt der Karriereeinstieg nicht wie erhofft und man muss sich mit sowohl intellektuell als auch praktisch stumpfsinnigen Jobs abfinden – die Rechnungen müssen schließlich gezahlt werden. Der britisch-schweizerische Schriftsteller Alain de Botton, der die „School of Life“ samt hübschem Blog – „The Book of Life“, YouTube-Channel und Eventplattform gründete, prägte in Bezug auf diese Art der Beschäftigung das Wort „misemployment“. Das sind Menschen, die weder unter- noch unbeschäftigt sind – eine holprige Übersetzung dafür wäre „Missbeschäftigung“. Oder so.

Überqualifiziert und unterschätzt

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Dieser als Maskottchen gekleideter Mensch wäre „missbeschäftigt“. Foto: Suzanne Hanlon (CC BY-NC-ND 2.0)

De Botton bezieht sich bei diesem Konzept auf die moderne Arbeitswelt. Er behauptet, dass die Arbeitslosenzahlen zwar langfristig sinken und immer mehr Menschen eine eigene Beschäftigung finden, aber dass es auch unter diesen neuen Stellen sehr viel Quatsch gibt – Arbeit, die kein Mensch braucht, sondern die nur dem Profit eines Unternehmens dient. Als Beispiel führt Menschen auf, die als Flyer-Verteiler oder als Maskottchen verkleidet, versuchen andere für ein Casino, ein Restaurant oder einen Laden zu begeistern. Der Logik nach, wäre dieser Mensch „missbeschäftigt“ und verschwendet seine Zeit.

Für de Botton gibt es sinnlose Arbeit – das ist die Art der Beschäftigung, die dem Wohlergehen von Mensch und Umwelt dient – und Missbeschäftigung – also die Art der Beschäftigung, die nur dem Selbstzweck dient. Er plädiert in einer anderen Ausführung zur Wichtigkeit von künstlerischen Studiengängen dafür, dass Kunstschaffende, Politologen und Autoren viel mehr geschätzt werden sollten, da sie Lösungskonzepte und gesellschaftliche Reflexion anbieten, anstatt sie in stupide Jobs zu stecken. Allerdings gehen gerade Absolventen dieser Richtungen Kompromisse bei der Jobsuche ein. Die Krux sei dabei, dass man „positive Nachfrage“ für solche Berufe in der Breite der Gesellschaft stimulieren müsse.

Eingriff in persönliche Präferenzen und den Markt?

De Botton erkennt zwar ein großes Problem moderner Beschäftigung – der Entstehung von „künstlichen Jobs“, die scheinbar keinen tieferen Nutzen für die Gesellschaft haben und so fragmentiert sind, dass sie nur Nischenaufgaben bedienen –, erwähnt aber drei wichtige Kritikpunkte nicht:

  1. Nicht alle Menschen streben nach Sinn, manche wollen durch ihre Arbeit tatsächlich nur ein gesichertes Einkommen erzielen. Wie Menschen Prioritäten in ihrem Leben setzen, welchen Wert sie ihren Jobs beimessen und ob für sie der gesellschaftliche Nutzen überhaupt relevant ist, ist von jedem Individuum selbst abhängig. Man könnte sich jetzt fragen, ob die soziale Dynamik heutzutage so verkümmert ist, dass sie Ignoranz kultiviert, aber das würde auch nur einen Teil des Gesamtbildes erklären.
  2. Der Begründer der Nationalökonomie Adam Smith wies bereits im 18. Jahrhundert auf einen wichtigen Punkt hin: es ist nicht der „böse Kapitalismus“, der Menschen dazu bringt, ungesundes Fastfood in uns reinzustopfen, bizarre Luxusobjekte zu kaufen oder eben Dienstleistungen anzubieten, die eigentlich sinnbefreit sind – Menschen in einem Kapitalismus reagieren auf die Nachfrage anderer Menschen. Es sind unsere Geschmäcker, Hierarchiestrukturen, unsere Ignoranz und Begierden, die dazu führen, dass erwachsene Menschen sich z.B. ein Hotdog-Kostüm anziehen und winkend durch die Straßen wandern. Ob das absurd ist? Ja. Funktioniert es? Ja, auch.
  3. Arbeit gewinnt durch Exklusivität an Wert. Je weniger Menschen eine Tätigkeit ausführen können, umso teurer wird die Arbeitskraft – das behaupte ich jetzt als sehr stark vereinfachte These zur Preisbildung an dieser Stelle. Dies fing schon während der Industrialisierung an. Die Spitzenklöpplerinnen schufen in minutiöser Kleinarbeit kleine Kunstwerke aus hochwertigen Stoffen, aber diese Fähigkeiten haben sich mit der Zeit viele Frauen angeeignet. Man sieht es auch heute – gesellschaftlich wichtige Berufe wie in der Pflege oder Erziehung werden nicht sehr hoch vergütet, weil jemand anders die Arbeit auch verrichten könnte, Fußballer, Manager oder Auftragskiller erhalten hingegen hohe Löhne, weil es nur wenige Menschen mit ihrem Wissens- und Erfahrungsschatz oder Talent und Konzentration gibt. Auch das Personal von Stadtreinigungen und Müllentsorgung erhält ein faires Gehalt – warum wohl? Nur wenige möchten sich regelmäßig mit Abfall auseinandersetzen.
    Wie sollte man es also schaffen, Berufe so umzuwandeln, dass sie gemeinnützig UND gut bezahlt sind, wenn es doch so viele potenzielle Arbeitnehmer für diese Aufgaben gibt? Vor allem wenn Familienpflichten dazwischenfunken, wird man es sich zwei Mal überlegen, ob man die gesellschaftlich sinnvolle oder gut bezahlte Arbeit wählt. Und wieder gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Abfinden oder boykottieren?

Ich denke, dass jeder irgendwann einmal einen schlechten Job gemacht hat, nur um sich etwas dazuzuverdienen. Während meiner Studienzeit gab es eine Phase, in der ich an einem Club den ankommenden Gästen Eintrittsbändchen am Handgelenk festgebunden habe – war blöd, war aber ganz in Ordnung bezahlt. Was soll also mit solchen Jobs geschehen? Sollte man sie boykottieren und somit für unausgebildete oder desinteressierte Arbeitskräfte Chancen beschneiden? Oder findet man sich lieber damit ab, dass nun einmal nicht jeder Job aufregend und sinnvoll ist? Wie erging es euch bisher?

 

 

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