Wahlkampf: Das Prinzip Hoffnung

Flickr.com; Franz Ferdinand Photography (CC BY-NC 2.0)

In Berlin herrscht der Wahlkampf für die Abgeordnetenwahl im September. Ich gebe es zu – ich bin noch nicht lange genug in dieser Stadt, um mich mit ihrer Politik und den Wirrungen der Verwaltungen gut genug auszukennen oder zu behaupten, dass ich mich „voll mit meinem Kiez identifiziere“. Aber gerade macht der Wahlkampf aus der Beobachtung Spaß, weil endlich wieder der Optimismus aufzukeimen scheint, den ich immer mit Deutschland verbunden habe – und das ist auch gut so. Diese Wahl ist deswegen für mich mehr als nur lokales Klein-Klein in einer urbanen Blase.

Feel-Good-Kampagnen statt Angst

Zugegeben, als die ersten Wahlplakate in der Stadt verteilt wurden, war ich von keiner Kampagne wirklich überzeugt. Eigentlich war alles wie immer – grinsende Lokalpolitiker mit ihren besten Absichten. Manchmal auch ein Seitenhieb gegen andere. Manchmal auch geschmacklose Wortwitze – dafür ist besonders die NPD prädestiniert. In der zweiten Welle sind vor wenigen Tagen die Wahlwerbespots veröffentlich worden und ich wurde angenehm von der SPD und der FDP überrascht. Warum? Weil ich keine Lust mehr auf Endzeitstimmung habe.

Auf YouTube sehe ich häufiger als vorgeschaltete Werbung einen Wahlwerbespot, der die AfD bewirbt und bekomme sofort schlechte Laune – „Deutschland wird zerstört“, heißt es. Der Spot besteht aus Einblendungen von Terroranschlägen, Gewalt, Chaos und der Aussage, dass Deutschland Ordnung bräuchte. Im Hintergrund: ein Brand und darauf starrende Menschen – um einen Terrorakt kann es sich also nicht handeln. Wenn man sich über längere Zeit solche Inhalte anschaut, überkommt einen dennoch das Gefühl, dass Deutschland sich in einem fragilen, gewaltüberfluteten und wirren Zustand befindet, dabei habe ich mich hier stets sicher gefühlt. Kurzer Reality-Check: ich schaue aus dem Fenster des Büros, Geschäftsleute eilen zu Terminen, Touristen machen Selfies zwischen den grauen Blöcken des Denkmals für die ermordeten Juden. Alles wie immer. Berlin ist nicht Sodom und Gomorra. Smarter Trick: Es wirkt so, als sei der Spot nicht von der AfD selbst, sondern von einer dubiosen Organisation geschaltet, dem unparteilichen „Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten“, der lediglich die Partei empfiehlt. Hätte ich aber nicht genau hingeschaut, hätte ich den Spot aber auch als Original der AfD zugeschrieben.

Angenehm erfrischend ist im Vergleich dazu der SPD-Spot: Berliner Sommerabend, so wie er ist. Unterschiedliche Leute auf den Straßen, entspannte Stimmung in Mitte, der Versuch den hölzernen Bürgermeister Michael Müller menschlich wirken zu lassen– die Idee geht gut auf. Dass Selfies mit Bürgern gut ankommen, hat man schon bei Angela Merkel gesehen. „Berlin bleibt frei, bunt, menschlich“ trifft die entspannte Grundgesinnung, die sich hinter manch mürrischem Spruch im Kern der Stadt befindet. Das ist die Attitüde, die Start-Ups, Touristen, Künstler und viele mehr in diese Stadt gezogen hat – warum sollte sich das ändern?

Die FDP wählt einen anderen Ansatz: sie hält uns den Spiegel vor, zeigt uns wie sehr sich Angst und Negativschlagzeilen bereits in unsere Köpfe eingebrannt haben. Sätze wie „Kinder stürmen aus der Schule…“, „Ein Jugendlicher geht in ein Einkaufszentrum…“, „Vor einer Konzerthalle greift ein Mann in seine Jacke…“ – werden eingeblendet und lassen sich vor unserem geistigen Auge problemlos mit Horrormeldungen verknüpfen. Stattdessen beendet die FDP sie mit Gelassenheit: die Kinder stürmen in die Ferien, der Jugendliche kauft Turnschuhe, der Mann vor der Konzerthalle holt sein Ticket hervor. Ein netter Twist. Insgeheim stelle ich mir die Frage, wann ich eigentlich so ängstlich und paranoid geworden bin, dass ich auch sofort Waffen und Schüsse assoziiert habe und stelle fest, dass ich dieses flaue Gefühl satt habe.

Probleme erkennen – Stärken aber auch

Ich werde keine Politiker wählen, die mir erzählen wollen, wie furchtbar Deutschland ist, weil es nicht stimmt. Ich entscheide mich dagegen, Entscheidungen von Angst abhängig zu machen, weil mich Mut viel mehr begeistert. Warum sollte man daher eine Partei wählen, die mit einem Negativbild Politik gestalten will, wenn ich mir doch politische Führung von der besonnenen und lösungsorientierten Art wünsche?

Zweifelsohne ist es wichtig, Probleme und Herausforderungen zu erkennen. Dass es schwierig ist, über eine Million traumatisierter Menschen aus einem anderen Kulturkreis zu integrieren, steht außer Frage. Dass die sozialen Gräben zwischend en Menschen wachsen, ist für alle besorgniserregend. Dass die EU-Wirtschaftskrise nicht gebändigt ist und das Fundament der Staatengemeinschaft tiefe Risse bekommen hat, ist ebenfalls keine Neuigkeit, vor der man die Augen verschlossen hat, aber was nützt es eine apokalyptische Stimmung aufzubauen oder eine Opfermentalität zu kultivieren?

Ich hoffe, dass der Berliner Wahlkampf alle Parteien zu mehr Tatendrang für die bevorstehende Bundestagswahl inspirieren wird. Ich bin 26 Jahre alt und habe statistisch gesehen noch ca. 50 Jahre zu leben – ich möchte, dass meine Zukunft von Entscheidungsträgern geprägt wird, die Herausforderungen annehmen, ohne ein pessimistisches Bild zu zeichnen. Dabei muss jede Region, jedes Bundesland mit seinen eigenen Problemen kämpfen, das ist klar. Mecklenburg-Vorpommern hat vollkommen andere Hürden zu meistern als Rheinland-Pfalz oder Hessen, Berlin ist nicht Bamberg und der Osten ist beim Wohlstand noch immer nicht an den Westen angeglichen. Gerade deswegen brauchen wir in Deutschland auch Hoffnung und Rückbesinnung auf die Stärken in diesem Land. Es ist dabei vollkommen egal, ob vom linken oder rechten Rand mit Angst gefischt wird – ich habe keine Lust dies zum Narrativ meines Lebens zu machen. Welche Partei ich wählen werde, weiß ich noch nicht. Aber es wird keine sein, die mich nur als Angstbürgerin für die Wahlurne instrumentalisieren will.