Don’t touch my doppelte Staatsbürgerschaft!

flickr.com - Chris Fleming (CC BY-SA 2.0)

Wenn ich manchmal durchlese, was für Forderungen von Politikern zu Migrations- und Integrationsthemen kommen, befürchte ich, dass sie sich jenseits der statistischen Berichte verdammt wenig mit den Menschen auseinandergesetzt haben, über die sie reden. So geht es mir gerade wieder bei dem Thema doppelte Staatsbürgerschaft – die Politiker in der CDU/CSU haben sich erneut gegen die Reglung ausgesprochen, um vermeintlich die innere Sicherheit zu wahren. Ich habe zwei Pässe und würde auch keinen abgeben wollen – warum auch? Wer allen Ernstes glaubt, dass Identitäten von einem Reisedokument abhängen, dem fehlt schlicht das Verständnis für Sozialisation und Subkulturen. Es gibt unterschiedliche Fälle, in denen klar wird, dass die formale Staatsangehörigkeit eine geringere Bedeutung spielt, als es gerade seitens der Politik suggeriert wird.

Beispiel 1: Kein deutscher Pass, aber man fühlt sich deutsch

Es gibt so viele Fälle von Menschen, die nach Deutschland ausgewandert sind und nach mehreren Jahren die Staatsbürgerschaft – aus welchen Gründen auch immer – nicht angenommen haben. Sie sprechen deutsch, sie sind im Berufsleben integriert, ihre Kinder gehen in die Schule, das Umfeld ist deutsch. Dieser Mensch hat sich an die deutsche Denkweise und die Bräuche gewöhnt, er fühlt sich hier heimisch, hat aber keinen deutschen Pass – so what? Seine Integration hing nicht davon ab, welche Staatsbürgerschaft er besitzt, weil man in Deutschland auch als Ausländer genug Möglichkeiten hat, normal beschäftigt zu sein und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Beispiel 2: Deutscher Pass, aber Teil einer Subkultur

Was mit dem reißerischen Stichwort „Parallelgesellschaft“ häufig betitelt wird, spiegelt wieder, wie unbedeutend es sein kann, einen deutschen Pass in diesem Land zu besitzen und gar hier geboren und aufgewachsen zu sein. Wenn das Umfeld eine alternative Ordnung bietet, wenn Medien aus anderen Ländern konsumiert werden und Deutschland lediglich einen formalen Rahmen des Zusammenlebens bildet, ist nicht die Frage nach der Staatsangehörigkeit die entscheidende. Wiederum können auch viele Menschen aus pragmatischen Gründen ihre ursprüngliche Staatsbürgerschaft aufgeben, um hier leichteren Zugang zu Arbeit und Wohnungen zu finden. Allerdings schließt das nicht aus, dass man emotional und mental nicht in Deutschland angekommen ist. Wenn es tatsächlich um innere Sicherheit gehen würde, waren die Beispiele der islamistischen Anschläge in Frankreich und Belgien nicht prägend genug? Es waren zum Teil Staatsbürger dieser Länder, die dort geboren und aufgewachsen waren und dennoch radikalisiert wurden.

Beispiel 3: Doppelte Staatsbürgerschaft, Teil beider Kulturen

Was wäre, wenn man die Tatsache, dass man einen gemischten Hintergrund hat, einfach hinnimmt und die Staatsbürgerschaften symbolisch behält? Ich habe bereits zuvor darüber gbeloggt, dass Identitäten sich nicht an Staatsgrenzen festmachen können es möglich ist, gleichzeitig Elemente unterschiedlicher Kulturen wertzuschätzen. Das Zugehörigkeitsgefühl und vor allem die Selbstwahrnehmung hängen viel stärker mit der eigenen Lebenswirklichkeit als mit formalen Gegebenheiten zusammen.

Worum geht es eigentlich?

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flickr.com – Audrey Scott (CC BY-ND 2.0)

Mich verlässt das Gefühl nicht, dass Innenminister de Maizière nicht Menschen wie mich meint, wenn er sich gegen die doppelte Staatsbürgerschaft ausspricht. Ich – ein „Mischling“ mit deutschen Wurzeln und einer zweiten EU-Staatsangehörigkeit. Das ist den allermeisten eh egal. Vielmehr scheint mir die ganze Debatte zwei Zielen zu dienen: 1. Es scheint ein Versuch zu sein die türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland durch formalen Zwang stärker zu integrieren (die Demonstrationen für den türkischen Präsident Erdoğan waren der nötige Aufhänger). 2. Die Vorwehen zum Bundestagswahlkampf setzen ein – die Unionspolitiker bedienen den in einem Teil der Bevölkerung bestehenden Wunsch nach Renationalisierung, indem man sich wieder auf Staatsangehörigkeit einschießt.Offenbar will man auch wieder das nationalkonservative Profil innerhalb der Union stärken – ein nachvollziehbarer Move, ob er funktionieren wird, zeigt sich in einigen Monaten.

Ich kann berechtigte Kritik an Integrationsschwierigkeiten in Deutschland begreifen und nachvollziehen, aber die doppelte Staatsangehörigkeit als Problem darzustellen, welches sie nicht ist, zeugt von mangelnder Zeit und Mühe, genau hinzuschauen und die richtigen Fragen zu stellen. Natürlich macht die doppelte Staatsbürgerschaft nicht bis in alle Ewigkeit Sinn, aber Integrationshürden sind eher andere Aspekte. Man entscheidet sich emotional – und das ist bei patriotischen Einstellungen essenziell – nicht bewusst für oder gegen ein Land, nur weil man eine Staatsbürgerschaft aufgeben muss. Wäre es nicht klüger zu hinterfragen, warum sich – um bei dem Beispiel zu bleiben –  junge Deutsch-Türken in der dritten Generation zum Teil nicht in der hiesigen Gesellschaft angenommen fühlen anstatt eine paternalistische Ferndiagnose zu stellen? Man kann auch anders fragen: was bedeutet überhaupt Toleranz in Deutschland, welche Grenzen und welchen Stellenwert hat sie?

Wieder sehe ich eine verpasste Chance für eine ehrlich geführte und tiefgreifende Diskussion über Integration, die gerade vor dem Hintergrund des Migrationssaldos von Deutschland wieder hilfreich gewesen wäre. Ob wir sie überhaupt jemals führen werden?

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