Warum geht es uns nach Trennungen so dreckig?

Die einen machen einen Filmmarathon mit kitschigen Romanzen und einem riesigen Becher Schokoladeneis, die anderen stürzen sich ins Partyleben und betrinken sich und wieder andere liegen in Fötus-Kauerstellung im Bett während sie Colplay, Bon Iver, Kodaline oder Adele in Dauerschleife hören. Die Sache ist klar: akuter Liebeskummer. Aber warum geht es uns so schlecht nach einer Trennung – selbst wenn die Beziehung schlecht lief oder man selbst Schluss gemacht hat?

Das Gehirn auf Entzug und Achterbahnfahrt – die neurologischen Gründe

Liebe sei eine Droge, heißt es häufig. Die Metapher stimmt zu großen Teilen, wenn wir unser Gehirn anschauen, denn eine Trennung bedeutet häufig eins: Entzugserscheinungen. Die Anthropologin Helen Fisher hat mit einem Team von Neurowissenschaftlern Gehirnscans von Menschen durchgeführt, die eine Trennung durchmachen und fand heraus, dass dieselben Hirnregionen aktiv sind wie bei Menschen, die einen Kokainentzug erleben.

Drei Beobachtungen waren besonders spannend: Erstens werden Hirnregionen aktiviert, die zu körperlichem Unwohlsein führen können, wenn man beispielsweise das Foto des Ex-Partners anschaut. Der „Herzschmerz“ kann ein sehr reales Ausmaß annehmen und man kann körperliche Beschwerden aufgrund von Liebeskummer entwickeln. Zweitens hat sich das Gehirn an die Verbindung zwischen Person X und Belohnung gewöhnt – wenn diese Belohnung nicht erreicht werden kann, führt das zu Wut und Frust. Drittens macht ein von Liebeskummer geplagter Mensch in Folge dieser Hirnprozesse ein Hormonchaos durch – das „Stresshormon“ Kortison wird vermehrt ausgeschüttet, während das „Glückshormon“ Dopamin nicht ausreichend produziert wird und Oxytocin, das einem in Beziehungen das wohlige Gefühl der Verbundenheit und Geborgenheit gibt, fällt nach einer Trennung. Diese Umstellung muss man erst verarbeiten.

Der Geist ist verwirrt – die psychologischen Gründe

Realisiert man die Trennung, wird man wehmütig, denkt ständig an den ehemaligen Partner und hinterfragt, warum es so weit kam und ob es richtig war sich zu trennen. Die Gedanken plagen viele Betroffene, sodass sie Leere, Trauer, Unkonzentriertheit, Rastlosigkeit oder Erschöpfung fühlen. Die Prozesse im Gehirn haben nämlich einen direkten Einfluss auf die Psyche und eine Reihe unterschiedlicher Effekte tritt faszinierenderweise ein.

Ein Effekt, der zugegebenermaßen wissenschaftlich schwer haltbar ist, aber Sinn ergibt, ist der Zeigarnik-Effekt. Demnach erinnert man sich schlicht an die Erlebnisse besser, die nicht abgeschlossen sind, als an jene, die ein sauberes Ende gefunden haben. Dass die Erinnerung an einen traumhaften Sommerurlaub schneller verblasst, als an eine Trennung könnte folglich daran liegen, dass man im ersteren Fall einen geplanten, logischen Abschluss hatte, was beim Schlussmachen selten der Fall ist.

Der Psychologe Robert Firestone hat vor allem schlechte Beziehungen untersucht, in denen Menschen aneinander vorbeileben, aber durch die Beziehung ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit gewinnen. Wenn dies endet, bezieht sich die Trauer nicht auf die Person, sondern auf den Verlust des Sicherheitsgefühls. Daran schließt sich an, dass der abrupte Abbruch von Gewohnheiten ein emotionales Unbehagen hervorruft.

Eine große Menge von kognitiven Verzerrungen reiht sich zusätzlich ein – die Erinnerung und Wahrnehmung des Betroffenen sind fehlerhaft. Sie sehen, bzw. erinnern sich an das, was sie wollen und sind nicht imstande ein vollständiges Bild ihrer ehemaligen Beziehung – mit allen schlechten Seiten – abzubilden oder idealisieren sogar den Verflossenen. Die Überbewertung der eigenen Emotionen oder Angst vor Veränderungen spielen dabei eine bedeutende Rolle.

In extremen Situationen kann Liebeskummer tatsächlich zu einer ausgewachsenen Depression führen. Menschen können im Allgemeinen schlecht mit Verlusten umgehen – sie zweifeln an sich selbst und sind leicht aus dem inneren Gleichgewicht gebracht. Das Gute ist allerdings: unsere Psyche (also auch unser Gehirn) ist dazu imstande sich mit zeitlichem Abstand von Trauer und Verlust zu erholen – das wird sogar zur Priorität.

Der Druck von außen – die gesellschaftlichen Gründe

Dass Liebeskummer Menschen innerlich unglücklich machen kann, ist also klar. Jedoch beeinflusst uns auch unsere Umwelt. Wenn eine Beziehung endet, hat man eines der vermeintlich wichtigsten gesellschaftlichen Ziele nicht erreicht: eine monogame, langfristige Partnerschaft aufzubauen, um mit jemandem alt zu werden. Mein Haus, meine Frau, mein Auto, meine Kinder, mein Hund – die scheinbare Idylle. Die mitleidigen Blicke, die Singles manchmal erfahren, können das Selbstbewusstsein durchbohren, denn nur wer vergeben ist, ist wahrlich glücklich. Das sagt man zumindest. Man tut sich allerdings auch keinen Gefallen damit, sein Leben mit dem von Paaren zu vergleichen. Menschen sind in der Tat nicht dafür geschaffen, allein zu sein, aber man ist nicht automatisch allein, wenn man Single ist und kann sich ebenfalls innerhalb einer Beziehung einsam, isoliert und unverstanden fühlen. Wir haben lediglich verlernt, enge Beziehungen zu Familie und Freunden aufrechtzuhalten, die uns in einer Gemeinschaft genauso Untersützung und Sinn geben können.

Unabhängig davon wie dreckig es einem geht – Körper und Psyche sind darauf ausgelegt, sich zu erholen. Wichtig ist, dass man nicht in „Ersatzsüchte“ und Exzesse flüchtet, indem man sich beispielsweise mit Drogen betäubt, denn dies verlangsamt den Prozess der Aufarbeitung und kultiviert dazu neue Entzugserscheinungen, die das Unwohlsein und die emotionale Leere verstärken.

 

 

Diesen Artikel habe ich auf Anfrage von jemandem aus meinem Umfeld geschrieben. Ich recherchiere gerne auch für dich ein Thema, das dich interessiert. Hinterlass‘ mir einfach eine Mail per Kontaktformular oder Kommentar.

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9 Kommentare zu „Warum geht es uns nach Trennungen so dreckig?

  1. Dein Artikel ist sehr schön und sehr schön einfühlsam geschrieben. Mein letzter Liebeskummer ist zwar gottlob schon sehr lange her, aber ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es mir damals gegangen ist. Je länger man zusammen gewesen ist, um so schmerzlicher ist es natürlich auch immer, einen neuen Weg ins Unbekannte zu gehen. Da kann man sich hundertmal einreden, wie spannend das nun werden wird – es fehlt jemand.
    Was noch dazu kommt ist, dass sich oft das gesammte soziale Umfeld dann ändert. Der Freundeskreis teilt sich auf oder schlägt sich unisono auf die Seite vom Expartner. Man hat also dann keinen Partner mehr, sondern auch keine (oder viel weniger) Freunde.
    LG
    Sabienes

    1. Vielen Dank für den Kommentar 🙂
      Ich glaube, man muss den Schmerz auch zulassen und verarbeiten, um überhaupt das Neue richtig annehmen und genießen zu können. Früher oder später renkt sich alles wieder ein.
      Liebe Grüße
      Alice

  2. Schöner Artikel. Einige der Gefühle kenne ich, das Ende vom Lied ist, dass man sich gar nicht mehr so tief auf jemand einlässt. Auch die erste Verliebtheitsphase der ersten 3 Monate wird ja gerne mit einem Drogenrausch verglichen. Eine Zeit, in der man/frau gar nicht mehr so klar denken kann, in der es auf Wolke 7 keine Zweifel gibt. Wäre verwunderlich, dass es nach einer Beziehung nicht eine ähnlich-starke Hormonumstellung gäbe. Aber dass alleine ist es wohl auch nicht: Trennung heißt eben auch Verlust von ganzen Lebensbereichen, die sehr nachhaltig sind: Verlust von Zuhause, Kindern, Zeit mit Kindern, Wohnung, Freunden, Einkommen, Erspartes, Freizeit. Bis das alles wieder im Lot ist gehen nach einer langen Beziehung oft ein paar Jahre ins Land, die traumatisch sein können.

    1. Das ist ein guter Punkt – vor allem, wenn man eine Familie aufgebaut hat, verliert man tatsächlich sehr viele Lebensbereiche und muss dann nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit massiven Einschnitten in der Lebensgestaltung umgehen.

  3. Wieder ein ausgezeichneter Beitrag. Herzlichen Dank dafür. Eine Bemerkung (wieder einmal). Die Hoffnung, wir hätten „lediglich verlernt, enge Beziehungen zu Familie und Freunden aufrechtzuhalten, die uns in einer Gemeinschaft genauso Untersützung und Sinn geben können“, verschiebt die Verantwortlichkeit fälschlich auf den (freien) Willen des Individuums. Es verlernt aber nicht sein natürliches Handeln, dass schon bei Kleinkindern zu beobachten ist: Der Willen zur Kooperation und zum Miteinander in einer Gemeinschaft. Das tatsächliche Drama findet in den Lehr- und Lernanstalten statt, die das Ich in den Mittelpunkt des Handelns und des Seins stellen, es in einer Verhaltensdressur aus Gehorsam, Funktionalität und Individualitätsansprüchen narzisstisch erhöhen und das Bedürfnis nach Gemeinschaft durch den Wettbewerb jeder gegen jeden und alle – und final auch gegen sich selbst – ablöst. Wir sind dressiert, haben aber nichts verlernt.

    1. Hallo und danke für den Kommentar 🙂
      Ich denke, es ist zu simpel auf Lernanstalten allein zu verweisen – wenn wir Medien mit einbeziehen, sind diese eine von vier wesentlichen Sozialisationsinstanzen neben Peer Group und Familie. Dieser Fokus auf den Individualismus kommt mE also aus der Summe von dem, was uns beeinflusst. Außerdem frage ich mich: wenn wir dressiert sind, wo bleiben der freie Wille und das Reflexionsvermögen, um diese Muster zu durchbrechen?

      1. Der sogenannte freie Wille unterliegt immer Motiven und Motivation. Er existiert nicht aus sich selbst, sondern ist (so zumindest meine Interpretation der Begrifflichkeit) Produkt aus Herkunft, Sozialisation, Lernen am Modell, Wertevermittlung usw. usw. Allerdings scheint zumindest Vielfach der Determinismus eine Rolle zu spielen: Ereignisse bestimmen den Gang der Dinge. Im konkreten Fall wird die persönliche Apokalypse beschworen, die keine ist: Es ist eine Erfahrung. Dieser Leidigkeit gibt sich der unfreie Geist (und somit Wille) hin, der Geisel einer Systematik geworden ist, die er nicht verlassen kann oder will. Diese Systematik ist das gesellschaftliche System selbst, dass in der modernen kapitalisitischen Ordnung getragen wird von Anpassungszwang, Selbstoptimierung und Selbstverleugnung. Die findet sich u.a. in der Political Correctness, beim emotionslosen Talk – leicht im Abgang, ohne verbal auf Füße und gegen Schienbeine zu treten – und der fehlenden Verantwortungen gegenüber anderen Menschen. Das wird dressiert. Es beginnt in der Kinderkrippe und den Kampf um die Aufmerksamkeit der Betreuungspersonen, die so fremd sind wie etwas nur fremd sein kann, geht weiter über Kindergarten, Schule, wo der Lehrkörper als Bewertungsmaßstab keinerlei Beziehungsgeflecht darstellt, weil er eben urteilt und bewertet, während sich selbiger der Bewertung und Beurteilung entziehen kann. Die Universitäten, die nciht mehr anhalten zum freien Denken und Handeln, sondern zur Zielerfüllung via Scheinerwerb. Die Ausbildungsstätten, die das Oben und Unten verkörpern wie höchstens ein gericht es schafft, wo Staatsanwalt und Richter allein durch die erhöhte Position verdeutlichen, dass der Individualismus an dieser Stelle bezwungen ist. Ein roter Faden der schauderhaften Verleugung eigener Vorstellungen. Der Reflex bleibt aber eben nicht aus, sondern kehrt sich gegen das Selbst. Die Lüge, man wäre für alles selbstverantwortlich, und dies in einer Welt, deren Komplexität derartig gewaltig ist, dass eben niemand alleine für irgendetwas verantwortlich sein kann, wird von A bis Z durchgespielt. Dieser blanke Unsinn, den allerdings das System als Treibstoff benötigt, um Individualität und Narzissmus zu zementieren, da es eben x-fach leichter fällt, das vereinzelte Wesen zu führen, als eine Gruppe, die sich nicht in Übereinstimmung mit Gegebenheiten befindet. Woher kommt die Angst vor Verlust einer persönlichen Bindung? Doch nicht daher, dass diese das Leben derartig verändert, dass das Leben nicht mehr lebenswert erscheint. Goethe hat sich mit den Leiden des jungen Werthers doch ausführlich beschäftigt. (Tipp: Lest wieder mehr Goethe). Es ist die Hörigkeit, die einer Ersatzhandlung gleicht, um die Leere einer verlorenen Fähigkeit, nämlich das eigene Sein zu bestimmen und andere daran teilhaben zu lassen, solange sie es möchten, zu füllen. Die Antwort sollte sein: Sei unangepasst, sei rebellisch, zeige deine Ablehnung, zeige deine Zuneigung und zeige überhaupt dein Ich – offen, streitbar, ehrlich und ohne Rückversicherungspolice.

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