Vorbei an der gesellschaftlichen Mitte: Kritische Auseinandersetzung mit dem Islam

Wenn ein ehemaliger Hassprediger, ein liberaler Autor und eine Politologin zusammenkommen, um über den Islam in Deutschland zu debattieren, verspricht dies viel Gesprächsstoff und Reibungspotenzial. Am Montagabend trafen Imam Abdul Adhim Kamouss, Autor Ahmad Mansour und Politologin Pinar Çetin bei der gut besuchten Diskussionsveranstaltung der Initiative „Discussing World Politics“ in der Landeszentrale für politische Bildung aufeinander und waren sich über eine Sache einig: Der Islam gehöre zu Deutschland, dies zu hinterfragen sei töricht und beleidigend.

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Ahmad Mansour (*1976, Israel) lebt und arbeitet als 2004 in Deutschland und engagiert sich in Projekten gegen Radikalisierung und Unterdrückung. Foto: Screenshot; YouTube

Mansour, der nicht zuletzt durch sein Buch „Generation Allah“ Prominenz erlangte, plädiert für die Reformation des Islam aus dem Inneren heraus – konservative Lesarten, die zur Tabuisierung und Unterdrückung der Sexualität und einer übersensiblen Opfermentalität führen würden, seien der Grundstein für Radikalisierung und Terrorismus. Er betont zwar, dass sowohl die Gesellschaft, als auch die Politik versagen würden, merkt jedoch an, dass es bemerkenswert sei, dass gerade Moslems – selbst wenn sie im Westen geboren und aufgewachsen sind – für Radikalisierung anfällig seien.

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Abdul Adhim Kamouss (*1977, Marokko) lebt und arbeitet seit 1997 in Deutschland. Er galt lange als Hassprediger der Salafisten-Szene, distanziert sich mittlerweile von diesem Islamverständnis. Foto: Screenshot; YouTube

„Diejenigen, die uns [Moslems] schützen wollen, sind nicht zu einem kritischen Dialog fähig“, betont Mansour. Seiner Ansicht nach müsse man den Finger in die Wunde legen, anstatt fälschlicherweise auch verfassungsfeindliche Tendenzen des Islam zu dulden. Imam Kamouss stimmte Mansour an dieser Stelle zu. Beide kennen sich. Der Marokkaner Kamouss war bis vor kurzem einer der berühmtesten fundamentalistischen Prediger der Salafistenszene in Deutschland und stand in Verbindung mit dem deutschen IS-Kämpfer Dennis Cuspert. In der Al-Nur-Moschee in Berlin habe sich auch Mansour unter Predigt von Kamouss radikalisiert, bis er sich vollständig von diesem Islamverständnis distanzierte. Auch Kamouss, der viele Jugendliche auch auf seinem YouTube-Kanal anspricht, sieht sich mittlerweile als gemäßigter Vertreter des Islam und begründet seine früheren Predigten mit einer oberflächlichen Lesart. Morddrohungen seien die direkte Folge dieses Wandels, behauptet der Imam.

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Pinar Cetin (*1982, Berlin) ist Politologin, kandidierte für das Berliner Abgeordnetenhaus und engagiert sich in der Sehitlik-Moschee; Foto: Pinar Cetin (Facebook)

Die dritte im Bunde, die ehemaligen Kandidatin für das Berliner Abgeordnetenhaus Pinar Çetin, hingegen betont, dass der Islam für Frieden stünde. Bei ihrer Kandidatur für das Berliner Abgeordnetenhaus warb sie für Bildung, Chancengleichheit, bezahlbare Mieten und Vielfalt. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DİTİB), zu der ihre Neuköllner Gemeinde gehört, stand allerdings mehrfach in der Kritik auch extreme Inhalte so propagieren. Çetin allerdings sieht allerdings eine Vermengung von Religion und Kritik an der Politik der Türkei – dies würde zu einer kritischen Begutachtung der türkischstämmigen Moslems führen. Ferner berichtete sie von Islamophobie, die in Beleidigungen und Angriffen mündet. Kamouss und Mansour griffen die engagierte Muslima, die in der Sehitlik-Moschee Führungen anbietet, dafür an, dass sie zu blauäugig wäre und den Islam per se verteidigen würde.

Während ich den Austausch zwischen den Referenten und dem Publikum beobachtete, stellte ich fest, dass die meisten Punkte der Debatte nachvollziehbar sind, aber dass ich mich unendlich weit davon entfernt gefühlt habe. Es leben mittlerweile 4,5 Millionen Moslems in Deutschland und regelmäßig wird der Glaube direkt mit Terrorismus in Verbindung gebracht, der Satz des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, dass der Islam zu Deutschland gehöre, wird nicht überall geteilt. Klar, ich habe moslemische Freunde und ich kenne ihre Einstellungen zu Religion und Politik, aber darüber hinaus bin ich von einem Diskurs weit entfernt. Es fängt bereits damit an, dass Religion für mich nicht explizit identitätsstiftend ist und der Zugang zum Thema daher nicht emotional ist.

Ich wundere mich dabei, wer diesen zähen Islam-Diskurs überhaupt führen kann und soll? Wie wird eine kritische Masse der Öffentlichkeit erreicht?  Offensichtlich gibt es unterschiedliche Erlebnisse und Verständnisse von der Religion sowie der Lesart. Moslems aus unterschiedlichen Ländern unterscheiden sich, genauso wie die Richtungen innerhalb des Glaubens. Der durchschnittliche Bürger hat allerdings zu wenig Ahnung von der Religion, den unterschiedlichen Schulen, die sich daraus ergeben sowie der Glaubensgemeinden in Deutschland. Nahezu jeder Input wäre daher unsachlich, oberflächlich oder eindimensional gefärbt. Ein exklusiv interner Dialog zwischen den unterschiedlichen Gemeinden und Verbänden würde allerdings weder der Bedeutung des Themas, noch dem Anspruch an Integration gerecht werden.

Die Balance zwischen „Finger in die Wunde“ und „Der Islam hat nichts mit Terrorismus zu tun“ ist schwierig – ein offener, aber vor allem fairer Dialog ohne Pauschalbeschuldigungen, aber mit explizitem Problembewusstsein ist nötig. In welchem Format oder Raum solch ein langwieriger, emotional geladener Prozess stattfinden soll, bleibt offen. Formate wie die Veranstaltungen von „Discussing World Politics“ sind wichtig, bieten aber nur ein Forum für eine kleine Gtuppe. Ein wahrscheinliches Szenario ist, dass vieles versickern wird und nur kleine Teilgruppen sich vertieft damit auseinandersetzen werden, welche Rolle der Islam in Deutschland spielt oder wie mit radikalen Strömungen umgegangen wird.