Trump, Echokammern, linker Populismus und mein AfD-Follower

Es traf mich mehr als erwartet – Donald Trump wird der 45. Präsident der USA. Er hat mit einer beispiellosen Kampagne gegen Hillary Clinton gesiegt. Es ging um Einreisebeschränkungen für Moslems, den Bau einer Mauer an der mexikanischen Grenze, Protektionismus, diplomatische Isolation und den Glauben, dass der Klimawandel nur eine Erfindung der Chinesen ist. Vor allem ging es aber um das Establishment, die politische Elite. Ein Argument, das ich nicht akzeptieren kann – Trump, der Immobilienmilliardär, der seit über 20 Jahren sowohl bei den Republikanern, als auch bei den Demokraten aktiv war, selbst über viele Jahre mit den Clintons befreundet war, gehört für mich genauso zur Elite des Landes. Das ist aber irrelevant, denn er hat eine Nachricht gefunden, die in den Echokammern jener Leute auf Resonanz gestoßen ist, die sich vergessen fühlten. Dass Clinton mit über 200.000 Stimmen eine Wahlmehrheit hat, ist bei dem Wahlmänner-System auch vollkommen egal.

Wie viele andere frage ich mich, wie es so weit kommen konnte. Der Mann, der eine Frau mit einem Baby aus einer Pressekonferenz rausschmiss, sich über Behinderte lustig gemacht hat und puren Chauvinismus und Sexismus als Nichtigkeit abgetan hat, erreichte die Mehrheit der Wahlberechtigten. Eltern versuchen ihre Kinder anständig zu erziehen, sodass sie keine engstirnigen Rüpel werden, aber die US-Amerikaner haben nun einen Präsidenten, der ihren Kindern genau mit dieser Art ein Vorbild sein soll. Die Spaltung in den USA ist tief, so tief, dass ich sie nicht begreifen kann. Die US-Bürger können ihre eignen Mitbürger nicht mehr verstehen – die Hälfte der Republikaner betrachtete das demokratische Programm als Bedrohung und Gefahr und vice versa. Die Kommentarspalten in Politikzeitschriften wie Foreign Policy, Foreign Affairs oder Politico füllen sich mit Artikeln, die die Ahnungslosigkeit zeigen – niemand weiß, wozu Trump in der Lage ist, aber es könnte das Ende der internationalen militärischen und diplomatischen Zusammenarbeit sein, so wie wir sie kennen. Bei der ganzen Schlammschlacht Parallelen zu Deutschland zu ziehen ist einfach – Sozialliberale und Rechtskonservative verstehen sich auch nicht, aber man kann einige Fehler identifizieren und daran arbeiten.

Blinde Flecken, Populismus und Echokammern der Sozialliberalen

Es ist schon erstaunlich – ich habe über 1000 Facebook-Freunde und ich habe niemanden gesehen, der pro Trump war. #ImWithHer hatte die letzten Tage meine Timeline dominiert, die Empörung heute war groß. Eines ist erstaunlich: Clinton, die Frau, die jahrzehntelang wirklich viel für ihr Land getan hat, hat ebenfalls fundamentale politische Fehler begangen. Das ist bei einer so langen politischen Karriere nicht vermeidbar. Vielmehr geriet sie in den USA jedoch in die Kritik wegen der Vorwürfe, dass sie korrupt und Teil eines verwobenen Machtnetzwerkes der Politikelite sei. Das sind schwerwiegende Vorwürfe, die aber nahezu ausgeblendet wurden, denn sie hatte die „vernünftigere“ Ansicht – sie zeigte Respekt vor Minderheiten jeder Art, kämpfte für die Gleichberechtigung, hatte tiefes Fakten- und Hintergrundwissen über Außenpolitik und war schlicht offen und globalisierungsfreundlich. Immigration und progressive Werte stellten für sie keine Herausforderung dar. Darin erkenne ich mich – sicherlich auch die Mehrheit meiner Freunde – wieder. Ich habe keine Angst vor der „Islamisierung des Abendlandes“, ich bin selbst viel gereist und stehe alternativen Lebenskonzept tolerant gegenüber – ist schließlich nicht meine Sache, wer wen liebt oder wie zusammenlebt.

Die Vorwürfe über die E-Mail-Hacks oder dass sie korrupt sei, war den allermeisten egal. Man stelle sich vor, solch ein Kandidat wäre in Russland oder der Türkei zum Staatsoberhaupt gewählt worden – die Bewertung wäre eine andere gewesen. Nichtsdestotrotz sind diese Schwächen in der Wahrnehmung der sozialliberalen jungen Menschen nicht mit den menschenverachtenden Aussagen Trumps, seinem widersprüchlichen Programm oder seinem kommenden Verfahren wegen Betruges (!) zu vergleichen. Wir sind sozialisiert, jedem Respekt und Würde entgegenzubringen – so sehr, dass wir uns bedingungslos auf die Seite schwacher Minderheiten stellen können, aber angewidert die Nase rümpfen, wenn es in Freital wieder Übergriffe gibt. Das „Pack“, die vermeintlich ungebildeten, die frustrierten Malocher – wir, überspitzt formuliert, verabscheuen sie, obwohl wir dafür kämpfen, dass die Würde des Menschen unantastbar sei – bedingungslos, für jeden Menschen, unabhängig vom Hintergrund.

Während wir also unseren Mitbürgern attestieren nicht zuzuhören und anfällig für Populismus zu sein, verteidigen viele Sozialliberale Senator Bernie Sanders – absolut unreflektiert. Dass der Mann Hillary Clinton wahrscheinlich mehr geschadet hat, als Trump es jemals hätte tun können, sei kurz beiseitegestellt. Wesentlich ist, dass er ebenfalls ein Populist ist, der linksideologische, utopische Träume verkaufen wollte, ohne dass sie umsetzbar gewesen wären. Er hat den Menschen das gegeben, was sie hören wollten, nur um nach den Wahlen Donald Trump seine Mitarbeit anzubieten. Er hat fundamental das Dogma aufgebaut, dass Establishment und Umverteilung sich gegenseitig ausschließen und es eine soziale und linke Elite nicht geben kann, die bereits an der Macht ist. Zusätzlich feierten wir die Obamas als sympathische, würdige Politfamilie – was sie zweifellos auch sind – ohne zu reflektieren, dass der versprochene „Change“ für viele Bürger während der acht Jahre von Obamas Amtszeit nicht kam. Und jetzt wundern wir uns, dass Trump Präsident werden konnte. Diese Widersprüche sind real, sie existieren, aber sie wurden abgetan, genauso wie Trumps Sexismus abgetan wurde – das bietet Angriffsfläche und zerstört Argumentationsketten. Politik ist keine Wohlfühlveranstaltung, alle müssen sich auch den bitteren Schwierigkeiten ihrer eigenen Denkweise stellen, um zu überzeugen!

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Versteht mich nicht falsch – ich bin grundsätzlich eine starke Verfechterin aller oben genannten Demokraten, weil ich glaube, dass Menschenwürde und Solidarität die Grundpfeiler einer funktionierenden Gesellschaft sind und dass Xenophobie sowie Respektlosigkeit in der Dynamik schlecht einzufangen sind, aber seien wir ehrlich – die Sozialliberalen haben sich mit allen Widersprüchen nicht ernsthaft auseinandergesetzt und wurden so unfassbar angreifbar. Was in den USA passiert, kann man auch auf Deutschland ummünzen. Es werden ideologische – und vor allem verteufelnd normative – Debatten geführt, wie die Politik mit Immigration umgehen soll, kann es sich aber nicht eingestehen, dass nicht jeder per se xenophob ist, der verunsichert ist über einen schnellen Zustrom von Flüchtlingen. Wir setzen von Menschen voraus, dass sie mental Solidarität und Diversität in der Gesellschaft problemlos verbinden können. Ich wünschte, es wäre so, aber nicht alle funktionieren auf diese Art und Weise, aber wir hören nicht wirklich zu, warum dies so ist. Wir haben keine Lösung dafür, dass viele Bürger sich mehr mit denjenigen identifizieren, die ihnen ähnlich sind. Die Toleranz endet sobald jemand nicht ins Bild passt. Das hatte sich schon im Studium angekündigt – man nehme einen ambitionierten BWL-er auf eine Anthropologen-WG-Party mit und lässt die Dinge einfach laufen. Es gibt kaum eine bessere Sozialstudie.

Die Filterblase durchbrechen

Sei es in den USA oder in unterschiedlichen EU-Staaten – ich bin immer tiefer erschüttert, wie sehr sich rechtsradikale Positionen durchsetzen, wie sehr Xenophobie und Islamophobie heruntergespielt werden, wie unter fadenscheinigen Argumenten dafür plädiert wird, dass Deutschland deutsch bleibt („wir nehmen aufstrebenden Ländern die besten Arbeitskräfte weg, die ihr Land aufbauen könnten“), aber werden zugleich in unserer Filterblase zunehmend herablassender, polarisierter und weniger bereit zuzuhören. Erst kürzlich habe ich einen Beitrag über das Süddeutsche Zeitung Magazin geschrieben und wie das Social-Media-Team sich auf Facebook süffisant über Menschen lustig macht, die „Integration“ nicht korrekt schreiben können, aber gegen Ausländer wettern. Ist das diese vermeintlich bessere, kultiviertere, intelligentere, sozialere Art mit Herausforderungen umzugehen? Wir sind nahezu betrunken von dem Gefühl der Überlegenheit, der Befriedigung der Erniedrigung des geistigen Gegners – das trifft zweifelsohne auf beide Seiten zu.

Nachdem ich diese Polarisierung in den USA gesehen habe – der Jubel auf einer Seite, das Entsetzen auf anderer Seite – bin ich mir sicher, dass wir unsere Filterblasen gegenseitig durchbrechen müssen, denn so erscheint es, als ob jede politische Entscheidung lediglich eine Glaubensfrage ist. Das darf aber nicht sein – wir haben ein Grundgesetz, wir haben soziale Regeln in der Gesellschaft und daran müssen sich Rechtskonservative wie Sozialliberale halten. Eins ist allerdings klar: wir können keine guten Demokraten sein, wenn wir nur diejenigen Meinungen ernst nehmen, die uns passen.

Die Algorithmen auf Facebook und Twitter haben es in der digitalen Welt erschwert, sich auf Diskurse einzulassen, weil man seine eigenen Echokammern füllt, alles ist viel zu verkürzt und wenn man nebenbei einen Tweet absetzt, hat man auch nicht die geistige Konzentration, um sich auf ein Thema oder einen anonymen Menschen einzulassen.

Wir riskieren auf diese Weise unseren sozialen Frieden gerade in Europa – nicht wegen der Immigration oder steigendem Nationalismus, sondern weil die Mitglieder unserer Gesellschaft nicht mehr füreinander einstehen wollen, kein Interesse daran haben, den anderen zu verstehen, die Fähigkeit der Empathie zunehmend zu verlieren scheinen und sich geistig abschotten. Die Debatten um Teilbereiche der Politik sind ein Symptom für eine viel größere Dynamik, die aktuell niemand wirklich beschreiben kann. Manche führen eine neue Elitendiskussion, andere sehen eine neue Trennungslinie zwischen global-offen und konservativ-geschlossen, wieder andere sprechen von Verlustängsten und finanzieller Existenzangst. Sicherlich ist in allen Ansätzen viel Wahres dran, aber was tatsächlich passiert, werden wir erst rückblickend begreifen.

Mein Tipp an alle: lasst euch mal wieder richtig ärgern von jemandem, der eine komplett andere Meinung hat und ertappt euch dabei, wie ihr wütend werdet, aber versucht zur Abwechslung mal wieder richtig miteinander zu reden. An dieser Stelle möchte ich auch meinem treusten AfD-Twitter-Follower danken, der sich jetzt automatisch angesprochen fühlt. Du nervst mich zwar sehr oft, aber es ist gut, dass mir die argumentativen Schwächen der Sozialliberalen aufzeigst und menschlich bist du eigentlich echt in Ordnung. Danke auch, dass du mir vergegenwärtigst, dass auch AfD-ler von Autonomen zusammengeschlagen werden und Angst haben, ihre Meinung zu äußern. Ich hatte es fast vergessen.

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