Medien, Rechtsextreme und Ignoranz – ernüchternde Erkenntnisse aus 2016

2016 war politisch und gesellschaftlich ein anstrengendes Jahr, egal welche Position man vertritt. Die ganze Hässlichkeit und Aggression normaler Bürger schien wie aus einem vereiterten, geschwollen Pickel an die Oberfläche zu drängen und wurde auf dem modernen Schlachtfeld quasi zwischen Nachbarn ausgetragen – in den sozialen Medien. Allein der Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump war auch auf dieser Seite des Atlantiks schwer zu ertragen und an Unsachlichkeit kaum zu übertreffen. Allerdings offenbarte dieses Jahr auch viele Erkenntnisse über den Zeitgeist und die Menschen im 21. Jahrhundert.

Globalisierung spaltet tief

Die Tatsache, dass heutzutage ähnliche Herausforderungen in unterschiedlichen Regionen der Welt die Menschen herausfordern, zeigt wie tief die ökonomische und soziale Globalisierung vorangeschritten sind. Ob in den USA, Großbritannien oder Österreich – die Spaltung zwischen Progressiven und Traditionalisten entlang der Frage, ob Globalisierung gut oder schlecht ist, ist tiefer geworden.

Die Bertelsmann Stiftung befragte im Rahmen der Studie „Eupinions – Fear not Values. Public Opinion and the Populist Vote in Europe“ 15.000 Menschen aus den 28 EU-Mitgliedsstaaten nach ihren Einstellungen und kam zu einem weniger überraschenden Ergebnis: die allermeisten Gesellschaften haben keine klaren Mehrheiten in Bezug auf Globalisierung und Wertesysteme. Lediglich 55% der Europäer sehen Globalisierung als Chance, 45% als Herausforderung. Damit gehen weniger ökonomische Bedenken, als Wertefragen einher. Progressive Haltungen, die bspw. die gleichgeschlechtliche Ehe oder Multikulturalismus unterstützen, prallen auf traditionalistisch-nationalkonservative Vorstellungen, nach denen klassische Rollenbilder und geschlossene Grenzen die Prämisse eines Landes sein sollten. Alter, soziale Klasse und Bildungsniveau spielen dabei eine besondere Rolle – junge, gut situierte und gebildete Menschen vertreten wie erwartet tendenziell progressive Werte. Vor allem junge Leute müssen die bittere Pille schlucken: es gibt keine eindeutige Mehrheit für progressive Werte in Europa.

Was niemand eindeutig erklären kann, ist, wie Globalisierung zu solch einer Bedrohung werden konnte, die eine zunehmend krassere Polarisierung begünstigt. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass ökonomische Krisen – und wir stecken seit einem Jahrzehnt in einer ziemlich großen Krise – das Fass zum Überlaufen bringen. In Kombination mit der zum Teil maßlosen Dekadenz von internationalen Banken und der Finanzbranche, die mit der Hypotheken- und Immobilienkrise eine Reihe von Arbeitsplätzen vernichtete, kam ein Feindbild hinzu: das „Establishment“ – so diffus es von seinen Gegnern auch charakterisiert wird. Nicht zuletzt akkumuliert sich kultureller und religiöser Hass seit dem 11. September 2001. Ein sensibles Augenmerk wurde seitdem in westlichen Ländern auf fundamentalistische Terrormilizen gelegt. Der Nahe Osten sollte sich allerdings nicht – wie bspw. in der Befürchtung des Politologen Samuel Huntington – zu einem geschlossenen „Kampf der Kulturen“ verbinden, sondern entfachte durch ein kannibalisches Moment die Flüchtlingskrise. So sehr Huntington auch falsch lag, die Denkweise der Kampf der Kulturen hat sich verhärtet. Bei den aus dieser Mischung gemündeten Streitigkeiten zwischen Bürgern geht es im Kern aber nicht um die Auslegung von Krisen – sie sind für alle zweifellos schlecht –, sondern um die Art der Bewältigung. Was mich zum nächsten Punkt führt:

Orientierungslosigkeit, Naivität, Ignoranz – denn wir wissen es nicht besser

Während Politiker sich den Kopf darüber zerbrechen, wie man mit besagten Krisen umgehen kann, suchen Bürger ihre eigenen Lösungen und fordern vermehrt „starke“ Positionen – eindeutig sozialliberal und progressiv oder eindeutig konservativ und traditionalistisch. Der mittlere Weg der Großen Koalition und die damit einhergehende Erosion der politischen Profile hat das sich entwickelnde Identitätsvakuum und die Orientierungslosigkeit der Bevölkerung zusätzlich verstärkt. Wenn es in einer Gesellschaft keine normativen, identitätsstiftenden Institutionen mehr gibt – so wie es die Kirche über Jahrhunderte war –, so sucht man sich „Ersatzreligionen“ oder alte Lösungen. Lifestyle-Entscheidungen können Ersatzreligionen sein – Obsession mit Ernährungsweisen, dem Beruf, Fitness oder ehrenamtlichem Engagement schaffen in kleinen Teilgesellschaften das Gefühl der Zugehörigkeit und eine Abgrenzung zum Rest. Sie stützen die eigene Identität und Schaffen ein Sicherheitsgefühl, das man gegen „Feinde“ – das können heutzutage vor allem Andersdenkende sein – verteidigen möchte. Diese Ersatzreligionen bedienen aber nur einen Teil der Bevölkerung, der sozial gesichert ist und postmaterielle Ideale anstreben kann. Ein anderer Teil der Gesellschaft flüchtete sich nostalgisch in nationalistische Sehnsüchte und träumt von einem Deutschland, das es nie gab, indem die Vergangenheit idealisiert wird.

Da wir in einer mobilen Gesellschaft leben, die zunehmend sozial ungleicher wird, haben diese Lager keine Berührungspunkte mehr – wo sollte man auch aufeinandertreffen, außer vielleicht im Sportverein? Aber die meisten Vereine locken ein bestimmtes Publikum an, sodass auch dort kein Kennenlernen mehr möglich ist. Durch das Internet haben sich auch genug Foren und Austauschmöglichkeiten gebildet, um sein Bedürfnis nach Dialog zu befriedigen – leider überträgt sich die reale Spaltung auch auf die digitale Welt. Echokammern und digitale Resonanzräume von Meinungen wiederholen je nach Subkultur genau das, was man hören, bzw. lesen will. Die Karrieristen lesen mantrisch Zitate von Steve Jobs und Warren Buffet, die Ökofans eignen sich alternative Heilmethoden an und auf politischer Ebene beansprucht jedes Lager die absolute Wahrheit für sich. Vor allem gibt es überhaupt kein Reflexionsvermögen auf die eigene Position. Dass dies irreführend und toxisch ist, hat sich nach dem Brexit und der Trump-Wahl gezeigt. Die progressiven Bürger haben sich die Augen gerieben, als die Ergebnisse verkündet, genauso wundern sich aber bereits die ersten Trump-Anhänger, dass ihr Kandidat sie bereits zu enttäuschen scheint.

Auf dem Tumblr „Trumpgrets“ sammelt ein Blogger die Beiträge von Trump-Wählern, die sich tatsächlich darüber wundern, dass der baldige Präsident ein Kabinett voller Establishment-Politiker zusammenstellen wird. Und einem ehemaligen Goldman Sachs Banker. Ebenso verkündete Trump, dass er eines seiner zentralen Wahlversprechen nicht umsetzen wolle – die Strafverfolgung von Hillary Clinton, weil er „die Clintons nicht verletzten wolle“ und sie „durch vieles gegangen sei und genug gelitten“ hätte. Oh, welch bittersüße Ironie. Dass die Wähler nun tatsächlich von solchen Entscheidungen überrascht sind, zeigt in welcher ignoranten Welt sie leben, in der sie nicht wahrhaben wollen, was eigentlich geschieht. Es ist im Grunde zu erwarten gewesen, dass ein Immobilienmillionär, der seit Jahrzehnten mit den Clintons befreundet ist, sich in erster Linie selbst bereichern wird. Stattdessen haben Bürger sich nur von den internen Argumenten aus ihrer Filterblase beeindrucken lassen. Das betrifft jedes politische Lager und jede Lifestyle-Bewegung. Es ist das obsessive Element in Subkulturen, das nach Identität sucht, welches die Fakten vernachlässigen lässt. Über die geplatzten linken Echokammern hatte ich bereits nach Trumps Sieg geschrieben.

Manipulation der sozialen Medien, Populismus und Scheinobjektivität

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, ist auch eine Folge der Manipulation der sozialen Medien –  konkret durch Bots, Algorithmen und Mikrotargeting. Wir Menschen sind nämlich sehr leicht zu verführen und noch leichter zu beeinflussen. Netzpolitik schlüsselte kürzlich in einem Artikel die Methoden auf, mit denen man Wähler allein durch technische Instrumente erreichen und mobilisieren kann und wie man den Eindruck von Unterstützung und einer Mehrheitsmeinung schafft. Es sind Social Bots, die menschliches Verhalten nachahmen und suggerieren, man hätte einen realen Diskussionspartner. Sie verstreuen dabei gezielte Inhalte. Es sind gekaufte Likes und Follower, die Usern das Gefühl geben, in der Mehrheit zu sein – einige Tausende Klicks sind billig online zu kaufen.

Das Interview in „Das Magazin“ mit Psychometrie-Forscher Michal Kosinski deckte zudem auf, wie perfide Algorithmen für den Wahlkampf benutzt werden: durch die Sammlung von Daten werden genaue Persönlichkeitsprofile erstellt. Entsprechend dieser Grundtypen werden bis auf das kleinste Detail Botschaften gebastelt, die psychologische Reaktionen reizen. Sie können Wähler mobilisieren, aber auch vom Wählen des Kontrahenten abhalten – so geschehen bei der Trump-Kampagne. Der Konzern SCL – Strategic Communications Laboratories hat nicht nur den Wahlkampf für ihn, sondern auch für das Brexit-Lager geführt – mit erstaunlichem Erfolg. Das ist ein massives Problem, denn zunehmend wird Politik davon entschieden, welche Partei die besten Coder hat, anstatt welche Maßnahmen für politische Lösungen geplant sind. Dadurch schafft der politische Betrieb die vollständige Entkopplung von der Realität und lässt Wähler in einer digitalen Blase der Illusionen schweben, in der willkürlich Feindbilder und Siegertypen gebastelt werden können.

Sicherlich hängt diese Entwicklung auch mit der Veränderung der klassischen Medienlandschaft zusammen. Da Konsumenten kein Interesse mehr daran haben, für qualitative Recherche Geld auszugeben – wie es im Fall der Tageszeitungen ist – bleiben scheinbar immer weniger Ressourcen für investigative Arbeit und Faktenchecks. Selbst wenn eine große Leistung erbracht wird wie im Falle der Panama Papers, bleibt dies erstaunlich unbeachtet. Das Thema ist trotz der pikanten Enthüllungen in Deutschland weg vom Tisch. Die klassischen Medien werden von ihren Kritikern für Subjektivität, Emotionalisierung und fehlende Erarbeitung eigener Nachrichten angegriffen – die Presseagenturen Reuters und DPA haben das Zepter bei kurzfristiger, aktueller Berichterstattung in der Hand.

Aus Frustration mancher Bürger wurden „alternative Medien“ aufgebaut, die Nachrichtenjournalismus suggerieren, aber eigentlich nur Neuigkeitenblogs sind. Häufig diskreditieren sie die klassischen Medien, der Begriff „Lügenpresse“ ist sogar bis in die USA geschwappt und die Artikel bauen häufig eine feindselige Haltung auf. Der Unterschied in den Artikeln ist fein, aber wesentlich. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten und Russia Today sind sehr gute Beispiele dafür, wie Meinungen impliziert werden. Selbst wenn ich es wichtig finde, dass das Meinungsspektrum in seiner ganzen Breite in einer Demokratie abgebildet werden kann und etwas dagegen getan wird, dass fast ausschließlich negativ über Russland berichtet wird, tut Russia Today uns keinen Gefallen damit, selbst Nachrichten zu verkürzen und zu emotionalisieren. Das befördert eher die Abwärtsspirale in der Qualität, anstatt Anreize zu bieten, hochwertigen Journalismus zu machen. Was genau meine ich im Falle von RT? Unsachlichkeit und Reduktion sind genauso Gang und Gebe wie bei den Leitmedien, die RT kritisiert. Zunächst ist die Themenwahl auffällig – Außenpolitik und Kommentare über deutsche Politik dominieren. Dafür, dass das Medium „Russia Today“ heißt, erfahre ich ziemlich wenig, was heute in Russland passiert, welche innerpolitischen Reformen implementiert werden, wie sich Bildungs- und Rentenniveau entwickeln oder ob es innovative Wirtschaftszweige gibt. Nachdem ich im Oktober in Russland war und mit einem Journalisten des oppositionellen Fernsehsenders „Dozhd“ gesprochen habe und wie eingeschüchtert kritische Journalisten sich fühlen, bin ich natürlich extra penibel.

Inhaltliche Beispiele gibt es auch: 22.11.2016, Artikel „Europa verabschiedet sich von der Pressefreiheit“. Der Artikel ist voller Ungenauigkeiten, Überspritzungen und Feindbildern. Es geht um die Anti-Propaganda-Resolution, die das Europäische Parlament vor zwei Wochen verabschiedet hat. Darin wird u.a. Russia Today als Propagandainstrument dargestellt, wogegen es Maßnahmen zu ergreifen gäbe. Während RT bereits den Untergang der Pressefreiheit sieht, nebenbei die klassischen Medien dafür kritisiert, dass die Berichtserstattung darüber nicht stattfinde und mit Suggestion die Atmosphäre schafft, dass alles ein abgekapseltes Spiel in Brüssel sei, das nur Geld verschwendet („hinter geschlossenen […] Türen debattiert“; „wie viele Gelder in diesen Bericht geflossen sind“), wird ein wichtiger Punkt ausgelassen: die ganze Resolution des Parlaments ist ziemlich egal. Ja, es handelt sich dabei um ein politisches Symbol, was man durchaus kritisieren kann, aber um nichts weiter. Die Resolution ist weder rechtlich bindend, beinhaltet noch konkrete Maßnahmen – die Redaktionen genießen weiterhin dieselbe Freiheit.

Anderes Beispiel: die Redaktion spielt wieder mit Sprache und Suggestion: 2.12.2016, Artikel „Neues aus den Unterklassen“. Es geht um… ja worum denn genau? RT schreibt von einem „Kahlschlagspaket“ ohne darauf zu verweisen, was genau verabschiedet wurde, verweist jedoch nur auf soziale Kürzungen. Der Artikel beginnt mit einem Zitat, das bestätigen soll, welch Schaden die Bundesregierung anrichtet:

Die Regelung schaffe „eine Gruppe moderner Sklaven, die alle Arbeitsbedingungen und jedes Lohnniveau akzeptieren müssen, um zu überleben“

Das Problem? Es steht nicht, wer diesen Satz gesagt haben soll oder woher er zitiert wurde. Oder ist das jemandes private Meinung? Es geht weiter mit Emotionalisierung:

Ob mit Kindern oder ohne: Für viele dürfte die Neuregelung unter der Brücke enden.

RT kennt sich offenbar nicht mit dem sozialen Netz aus und missachtet Hilfsgelder wie Wohngeld, aber malt dafür ein empörendes Bild eines Kindes unter der Brücke. Da muss man doch auf die Bundesregierung wütend werden. Natürlich muss man dementsprechend so über sie reden: „Die SPD-Abgeordnete Daniela Kolbe jammerte dann auch“. Jammern? Ist das ein sachlicher Begriff für ein Statement oder weiß jemand, dass Frau Kolbe tatsächlich weinerlich im Kabinett gesessen hat?

Genug der Beispiele. Solche Methoden können in nahezu jedem Artikel gefunden werden – das ist auch sehr gut gemacht, weil durch sprachliche Figuren Stimmung geschaffen wird und das zeichnet gute Autoren ja aus. Medienkritik an den dominanten Presse- und Fernsehanstalten ist in einer Demokratie essenziell, aber der Anspruch sollten Transparenz und Sachlichkeit bleiben, wenn man ernst genommen werden will. Bitte, betrachten wir RT bitte als Blog mit einschlägiger Meinung. Nichts ist schlimm daran, wenn dies deutlich kommuniziert wird.

Wenn es nämlich nicht deutlich wird, gewinnen nämlich nur diejenigen im politischen Diskurs, die Meinungen verkürzen und vereinfachen – die Populisten. Klare Feindbilder, Abgrenzungen und Medienspielchen – hat Donald Trump sich nicht damit in die Gunst der Wähler gekämpft? Trumps Hass gegen die klassischen Medien bedient sich ebenfalls dem „Lügepresse“-Narrativ, welches übrigens von Propagandaminister Joseoph Goebbels benutzt wurde. Das rechtsextreme Portal Breitbart hat Trump gestützt und dabei die gefährlichsten Seiten der Menschen offenbart:

„Ich bin kein Nazi, aber…“ Doch, bist du eben doch!

Eines sei gesagt – nicht jeder, der gegen progressive Werte ist, ist fremdenfeindlich. Ich will den Leuten nicht absprechen, konservativ zu sein und ein Bedürfnis nach Sicherheit zu haben. Ich habe häufiger betont, dass Unsicherheit in heutigen Zeiten vollkommen nachvollziehbar ist. Was allerdings vollkommen inakzeptabel ist, dass die Büchse der Pandora geöffnet wurde, für diejenigen, die wirklich rechtsextrem sind, sich aber unter neuen Decknamen tarnen. Die „Alt-right“ Bewegung in den USA, die maßgeblich Trump unterstützt hat, hat ihre Fratze nach seiner Wahl gezeigt. Bei „Alt-right“ handelt es sich um eine Denkrichtung, die seit 2008 immer häufiger Verwendung findet – sie lehnt den Mainstream-Konservatismus ab, bedient sich Xenophobie, Antisemitismus, Homophobie und völkischem Denken. Richard Spencer, einer der Führer der Bewegung, wurde bei einer Rede kürzlich aufgezeichnet, bei der er „Heil Trump! Heil Sieg!“ skandiert, Nazi-Grüße sind im Video zu sehen, Spencer redet von der Überlegenheit der Weißen:

Er ist offenbar nicht der einzige mit solchen Ansichten:

Auch in Großbritannien haben xenophobe Gewalttaten zugenommen, vor allem nach dem Brexit-Referendum:statistik

Bei allem Respekt Sorgen und Ängste, es gilt eine klare Linie zu verfassungsfeindlichen Gesinnungen und Gruppierungen zu ziehen. Nein, nicht jeder ist Nazi, aber diejenigen, die es sind, fühlen sich gerade bestärkt. Das Alt-Right-Medium Breitbart wird nicht umsonst einen deutschen Ableger starten. Die rechten Ränder der AfD, die German Defense League und die Identitäre Bewegung driften ebenfalls in bedenklich Sphären. Wer einerseits Angst vor islamistischer Radikalisierung bekundet und harte Strafen für verfassungsfeindliches Verhalten fordert, sollte dieselben Konsequenzen fürchten.

Man braucht auch nicht lange auf Twitter oder Facebook zu suchen, um Positionen zu lesen, die zu Gewalt oder Mord gegen „Moslems, Neger und Gutmenschen“ (so habe ich es kürzlich in einem Facebook-Kommentar von einem anonymen Nutzer gelesen) aufgerufen wird. Besorgniserregend ist dabei am meisten, dass es mittlerweile normal zu sein scheint, obwohl die eigentlich eine Null-Toleranz-Grenze für Verfassungsfeinde gelten sollte.

Es mangelt an wesentlichen Fähigkeiten

Wie konnte es nur so weit kommen? Diese Frage habe ich mir in diesem Jahr mehrfach gestellt. Ich bin zu einem simplen Schluss gekommen: uns fehlen soziale und fachliche Fähigkeiten, die früher in Schulen, Vereinen oder Universitäten kultiviert wurden: Dialogbereitschaft, Kritikfähigkeit, Reflexionsfähigkeit, Resilienz, emotionale Distanz zu politischen Themen, Hinterfragen der eigenen Meinungen, digitale Medienkompetenz, Quellenanalyse, aber auch Vergebung, Affektkontrolle und Anstand.

Dieser Schluss ist für mich ernüchternd und pessimistisch – aus der jetzigen Situation müsste es eigentlich nur besser werden können, aber es wird tendenziell schlimmer. Wenn Bots und Algorithmen in der Masse eingesetzt werden, bspw. von jeder Partei, jedem Interessensverband und jeder Subkultur, dann werden wir manipulierte Bürger, die sich emotional und sozial noch weiter voneinander entfernen. Die Nationalisten werden dabei wahrscheinlich an Auftrieb gewinnen, weil sie konfrontativer und wütender sind und somit andere zu diesen Emotionen verleiten. Der Schmetterlingseffekt setzt ein.

Was dagegen helfen würde? Mehr Investition in politische Bildung und Digitalkompetenz. Vor allem junge Leute sollten lernen, welche Konsequenzen ihr Handeln im Internet hat, wie man quellenbasiert arbeitet und Inhalte – auch seine eigenen – hinterfragt. Es dauert schließlich maximal fünf Minuten um ein Meme zu basteln, das einen willkürlichen Satz aus einer Studie zitiert und mit einem Foto versieht. Früher brauchte man wenigstens noch Photoshop-Skills.

Bei vielen Erwachsenen sind Hopfen und Malz verloren. Das Internet kehrte langsam mit seinen Freiheiten und Herausforderungen in den Alltag aller Menschen ein, obwohl die meisten0 unvorbereitet waren – jetzt haben wir den Salat! Wenn jemand eine Formel dafür findet, wie man die Wogen wieder glättet und Bürger zusammenbringt, verdient diese Person den Friedensnobelpreis.

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