SPD: Der Schlüssel heißt Begeisterung

Flickt.com (CC BY-NC-ND 2.0) Photo: Philippe Grangeaud

Was heute in der Arena Berlin am Treptower Park für die SPD passierte, hat junge und erfahrene Parteimitglieder umgehauen. Beim außerordentlichen Bundesparteitag stimmten 100% der Delegierten für Martin Schulz als Parteivorsitzenden, es gab Standing Ovations, minutenlangen Applaus und eine Stimmung, die ich selbst noch nie so ausgelassen gesehen habe bei den Genossen. Ja, es war euphorisch und elektrisierend. Kein Vergleich zum Bundesparteitag 2015, bei dem die Atmosphäre über weite Strecken angespannt war. Die Parteibasis wirkt wie ausgewechselt, die Stimmung ist unvergleichbar.

Friede, Freude, Eierkuchen – so könnten es Kritiker süffisant zusammenfassen, aber solche Momente sind wichtig für eine Partei, vor allem für die SPD, die lange im Tal der Tränen steckte. Die selbstzerfleischende Kritik innerhalb der Partei sowie von außen war zwar immer wichtig für die inhaltliche Weiterentwicklung, aber um eine Bewegung zu bilden, braucht es auch Tage wie den heutigen, in denen Geschlossenheit, Freude und Begeisterung gelebt werden. Selfie mit Malu Dreyer? Kein Problem. Plausch mit Yasmin Fahimi? Klar. Der Parteivorstand war lässig, man spürte keine Berührungsängste.

Die 13.000 Neumitglieder zeigen, dass die SPD wieder an Strahlkraft gewonnen hat. Meines Erachtens liegt das an positiven Botschaften – Schulz wird keinen Wahlkampf GEGEN Themen machen, sondern FÜR etwas kämpfen, das ist die Rhetorik seiner Auftritte. Für Bildungsgerechtigkeit, für Europa, für Solidarität und soziale Gerechtigkeit. Nach den vergangenen Jahren haben viele Mitglieder und Bürger in Deutschland genug von negativen Geschichten. Die Einstellung ist klar: es gibt viele Probleme, aber man muss anpacken, um sie zu beseitigen.

Neben Martin Schulz, hat allerdings Sigmar Gabriel besondere Achtung verdient. Der Vizekanzler wurde so oft in die Mangel genommen, sein Wahlergebnis zum Parteivorsitzenden war 2015 ein Zeichen des Misstrauens. Das Rückgrat und die Selbstlosigkeit, die er allerdings mit seinem Rücktritt gezeigt hat und zugleich den neuen Kanzlerkandidaten stützt, hat ihm langfristig wahrscheinlich sogar das Image gerettet. Gabriel hat Format bewiesen und für viele war sein Abschied vom Amt des Parteivorsitzenden emotionaler, als man es noch vor einigen Monaten erwartet hätte.

Man könnte jetzt sagen, dass man bei aller Euphorie die Kritik an der Politik der SPD nicht vergessen darf. Ob Agenda 2010, Flüchtlingspolitik oder Schulz vermeintlicher Populismus – die thematischen und persönlichen Angriffe werden sowieso folgen, diese Auseinandersetzungen sind unvermeidbar und Teil einer jeden gesunden Demokratie. An Tagen wie diesen geht es allerdings ausnahmsweise nicht darum, was alles falsch lief, sondern darum Motivation, Inspiration und den Grundstein für langfristige Narrative zu legen, damit die vielen Neumitglieder sich auch in Zukunft für Werte und Ideen einsetzen können. Der Blick war heute nach vorne gerichtet, denn auch wenn Kritiker behaupten, man bräuchte die soziale Demokratie im Jahre 2017 nicht mehr – Schulz beweist gerade das Gegenteil.

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