Der Kulturkampf kommt – wenn ihr ihn weiterhin heraufbeschwört

Photo by Daniel H. Tong on Unsplash

In Deutschland war es immer schwierig über Migration zu sprechen – man wollte lange Zeit nicht wahrhaben, dass sich die BRD zu einem Einwanderungsland entwickelt hat und ein Anziehungspunkt für europäische Migration ist. Gegenwärtig ist es auch außerordentlich ermüdend, über Migration zu sprechen – dank der Dauerbeschallung von AfD und FDP nach welcher „die Ausländer“ das mit Abstand größte Problem in diesem Land seien.

Es ist vor allem schwierig, wenn man selbst einen Migrationshintergrund hat. Ich bin fast verleitet zu schreiben, „wenn man davon betroffen ist“, denn genauso läuft der Diskurs ab: DIE Migration ist das Problem, Zuwanderung ist unerwünscht. Damit schwingt das Szenario eines Kulturkampfes mit, den ich zwar noch nicht sehe, aber der bald Realität werden könnte, wenn er weiterhin von der Öffentlichkeit beschworen wird. Man legt gerade den Grundstein dafür, dass auch Menschen mit Potenzial sich von der Integration abwenden.

Der Grund liegt meines Erachtens in der Akkumulation von politischer und sozialer Ignoranz, ein Aufeinanderhäufen von Fehlern, die niemals Priorität hatten – bis jetzt. Wenn man sich die Migrationsbewegungen der Nachkriegsgeschichte anschaut – vor allem den Zuzug von angeworbenen Gastarbeitern –, dann schwebt der Begriff „Multikulti“ als Konzept über der Zeit. Die Annahme, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft sich von allein integrieren, friedlich zusammenleben und sich konstruktiv austauschen ist von einer Mischung aus positivem Menschenbild und dem Gedanken „Der Markt wird’s schon richten“ geprägt – klappt nur leider nicht. Es klappt vor allem nicht, weil der Politik das Maß an Empathie fehlte zu begreifen mit wie viel Erniedrigung – bspw. der Diskriminierung bei der Job- oder Wohnungssuche – und emotionalen Herausforderungen die mit Migration verbunden sind. Man muss sich vor Augen halten: niemand verlässt sein Heimatland, seine Familienangehörigen und Freunde, weil es schlicht toll sei.

Dass aufgrund der fehlenden Integrationsmaßnahmen – auch bei der Stadtplanung, um der Ghettoisierung entgegenzuwirken – „Multikulti“ als politisches Konzept scheiterte, kann man von mir aus so stehen lassen. Was aber seit der Wahrnehmung dieses Scheiterns vorherrscht sind Schuldzuweisungen gegen diejenigen, die selbst oder deren Vorfahren nicht in Deutschland geboren wurden. Die Gesellschaft hatte allerdings lange dafür gekämpft, Chancen für diejenigen zu schaffen, die Teil der Gemeinschaft sein wollten – ein Versprechen, das viele Menschen im Ausland mit Deutschland verbinden ist nicht umsonst der Aufstiegsmythos, der dich und deine Vergangenheit bei harter Arbeit und Mühe rehabilitieren kann.

„Du bist ein Teil von uns, wenn du es wirklich möchtest“ – das ist ein Denkmuster, mit dem ich aufgewachsen bin, schließlich ist ein Teil meiner Familie aus der ehemaligen DDR, der andere aus Bulgarien – beide mussten sich in ein neues System integrieren. Die deutschen Institutionen und vor allem mein Umfeld haben mir gezeigt, dass genau das möglich ist – zum Teil des Ganzen werden, sich akzeptiert fühlen, Chancen nutzen. Das war mitnichten ein problemloser Weg und mein größter Wunsch war es lange, dass mein Geburtstort anderen Leuten vollkommen egal ist, aber die wenigsten haben einen leichten Weg und das ist kein Grund zu meckern.

Wesentlich war es dennoch, dass ich stets genug Förderer hatte – Menschen, die an mich geglaubt und mir Mut zugesprochen haben, mir Ratschläge und Orientierung gaben und denen es egal war, dass ich nicht zu „100% deutsch“ bin. Respekt, Akzeptanz und Hoffnung sind Kernkomponenten, die jenseits des eigenen Willens gegeben sein müssen, um sich zu integrieren. Wille und Respekt sind zwei Seiten einer Medaille – man kann einen großen Willen haben, wenn die Empfänglichkeit bei einer Gesellschaft nicht für die eigenen Mühen vorhanden ist, man kann allerdings auch sehr empfänglich sein und es wird nichts bringen, wenn keine Bereitschaft beim Gegenüber vorhanden ist.

Beide Seiten kultivieren sich gegenseitig – niemand entwickelt Motivation sich zu integrieren, wenn die Hoffnung auf die Chance der Akzeptanz nicht gegeben ist. Andererseits kann auch nur ein Klima der Hilfsbereitschaft und Offenheit auch nur langfristig bestehen, wenn es genug Positivbeispiele gibt, die Anlass dafür sind. Es wirkt zwar wie ein Henne-Ei-Problem, ist allerdings ein reziproker Prozess, der im Grunde kollektive Sehnsüchte, aber auch Eitelkeiten befriedigt – die der empfangenden Gesellschaft sowie die der Einwanderer. Im Grunde möchten alle das Gefühl haben, „es richtig gemacht zu haben“.

Ich hatte lange das Gefühl, dass wir in Deutschland einen Punkt erkämpft haben, an dem vieles gut läuft in dieser Hinsicht. Plötzlich hatten jedoch alle nur noch Flüchtlinge im Kopf und hievten das Thema auf die Ebene der allgemeinen Migrationsdebatte. Mittlerweile hat sich die Stimmung dahingehend geändert, dass „die Migranten“ wieder das Problem sind und Deutschland wird als Staat dargestellt, der nichts stemmen kann. Das hat mit Sicherheit mit der Zuwanderung als solcher zu tun, aber auch mit der Vergangenheitsbewältigung, die wie eine moralische Leitlinie wirkt. Zudem – und das darf nicht vergessen werden – fehlte es lange an guten politischen Lösungen für die Integration. Während in einem top-down-Ansatz über „die Migranten“ gesprochen oder über eine Leitkultur fabuliert wird, fällt mir kein Politiker der vergangenen 20 Jahre ein, der wirklich nachvollziehen konnte, weshalb Integration solch eine Herausforderung sein kann. Was für eine psychologische Dynamik und Abschottung in einer Diaspora entstehen kann, ist schwer vorstellbar – vor allem, wenn Gräben bei Gehalt und Bildung klaffen.

Den Gefühlen des fehlenden Respekts und der Isolation mit normativen Forderungen wie der Assimilation an „die Leitkultur“ – wie auch immer man diese definieren mag – zu begegnen, sind mit der Erwartung verbunden, seine Herkunft zu leugnen. Das ist das Gegenteil von Respekt. Das kann eine gewisse Weile klappen, ist aber als Denkfigur zum Scheitern verdammt, weil man sein Wesen nicht auswechseln kann und Menschen einen Komplex anerzieht sich zu schämen, wenn sie nicht vollkommen deutsch im Sinne einer Leitkultur sind. Wie sollen Menschen verantwortungsvolle Bürger werden, wenn sie mit inneren Restriktionen kämpfen müssen und die Befürchtung der mangelnden Akzeptanz stets besteht? Unter solchen Bedingungen zieht man sich in eine comfort zone zurück.

Die Auswüchse des Schwarz-Weiß-Denkens in puncto Integration – man könne ENTWEDER deutsch ODER ausländisch in seiner Identität sein – tun ihren Rest. Man kann jedoch Heimatliebe zu Deutschland empfinden und zu Haus auf einer anderen Sprache reden – es geht tatsächlich! Da gegenwärtig von diversen Medien und Parteien allerdings die Botschaft nach außen getragen wird, dass die Zuwanderung an sich ein gravierendes Problem in Deutschland ist, bin ich mir sicher, dass der Kulturkampf, der von der AfD befürchtet wird, gerade zusammengebraut wird – er wird zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Dass Christian Lindner die Sondierungsverhandlungen zur Regierungsbildung auch damit beendet hat, indem er die Zuwanderung als solche als unüberbrückbare Differenz hochstilisiert hat, befeuert die leisen Gedanken der Ablehnung des Fremden, die in vielen Köpfen zunehmend lauter werden. Man verprellt infolgedessen diejenigen, die Potenzial haben etwas in diesem Land zu erreichen, wenn man ihnen Schuldgefühle einimpft und den Eindruck vermittelt, dass sie in dieser Gesellschaft unerwünscht sind.

Etwas Gutes hat die Debatte gerade dennoch: ich bin positiver Dinge, dass mehr Menschen begreifen werden, dass Integration kein linearer und kurzzeitiger Prozess ist, den man mit kosmetischen Maßnahmen über die Bühne bringen kann und dann einfach abgeschlossen ist. Nein, es gibt stets Rückschritte und solch ein Prozess erfordert Kraftanstrengung gerade von denen, die hier neu angekommen sind, lange Zeit in Deutschland als integrierte Bürger leben, aber auch von denen, die überhaupt nichts mit Ausländern zu tun haben möchten. Leicht ist dies nicht, aber wahrscheinlich gehört es zum Reifeprozess der Gesellschaft zu erkennen, dass in den vergangenen Jahrzehnten Menschen nach Deutschland gekommen sind, die sich hier verliebt und Kinder geboren haben, täglich malochen und eine Heimat gefunden haben. Die Tatsachen sind geschaffen und die Uhren kann man auch nicht zurückdrehen – das einzige verantwortungsbewusste Entscheidung wird in diesem Bereich sein, dass die Integration stärker in den Fokus rückt als das eigentliche Momentum von Migration.

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