Lasst die Brüste in den Galerien!

Hylas und die Nymphen von JW Waterhouse

Die Manchester Art Gallery hat das Gemälde Hylas und die Nymphen von JW Waterhouse aus der Ausstellung entfernt. Die Entscheidung wurde unter anderem von den Bewegungen #MeToo und #TimesUp geprägt, die sich gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen richtete. Die Kuratorin Clare Gannaway wollte mit dieser Aktion die Debatte um die Darstellung von Frauen auslösen und sich gegen die viktorianischen Mode stellen, in der Frauen entweder als „passive Dekoration“ oder Femme fatale in Kunstwerken interpretiert wurden. Ich halte diesen Schritt aus folgenden Gründen für fundamental falsch:

  1. Die Kunst ist der beste Spiegel der menschlichen Seele

Kunst ist nicht nur dafür da, um durch Ästhetik Freude zu bereiten oder aktuelle Trends zu konservieren, sie war und ist stets ein Spiegel von Gesellschaft und der menschlichen Seele. Jede Form der Kunst entsteht in einem bestimmten Kontext – persönlicher, sozialer, politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Natur. Es verleiht Emotionen, Gedanken, Ideen und Ereignissen Ausdruck, für die es sonst wenige adäquate Formen gäbe. Dazu gehören auch sexuelle Begierde und Fantasien, die aus dem menschlichen Wesen nicht verschwinden werden, wenn man lediglich die Bühne dafür nimmt.

Vielmehr schafft es Kunst uns näher zu unseren Gedanken zu bringen, die vielleicht nicht leicht auszusprechen oder mit Scham verbunden sind. Das kann manchmal provokativ sein, manchmal politically incorrect, manchmal hässlich – davon kann man jedoch nur lernen. Es wäre vermessen zu glauben, dass es moralisch „richtige“ Kunst gäbe. Sinnvoller als moralische Maßstäbe zu setzen, vermag uns ein Werk Aufschluss über die Zeit, das Umfeld des Künstlers und seine Gedanken zu geben, aber auch über unsere Gesellschaft. Wir sind imstande Kunst in einen Kontext zu setzen und Unterschiede zu unserer heutigen Zeit zu abstrahieren. In dem konkreten Beispiel wäre die Analyse über die viktorianische Zeit und die Stellung der Frau in diesem Zeitgeist viel sinnvoller, als die Zensur.

  1. Ist es heute verpönt eine Femme fatale zu sein?

Die Begründung, dass Frauen als Femme fatale dargestellt wurden, halte ich für sehr schwierig. In dem aktuellen Fall geht es um die Nymphen – Naturgeister, die singen und tanzen und damit Männer verführen. Wenn diese Art der Darstellung der Frau allerdings problematisch ist, dann zeichnet man ein Bild davon, dass Frauen rein, unschuldig, ohne sexuelle Macht und nahezu passiv sind – die Darstellung einer verführerischen Frauengestalt wird als negativ gewertet. Der Umkehrschluss ist, dass der Mann als aktiv, aggressiv, fordernd, tätig begriffen wird. Das halte ich für ausgesprochen rückschrittlich, da es Frauen im gesellschaftlichen in eine Ecke drängt, die nicht aktiv über ihre Sexualität bestimmen oder diese gar gezielt einsetzen.

Das ist das Gegenteil vom Gleichstellungsgedanken und unterbindet im Zweifel die Diskussion über weibliche Begierde, Lust und Sexualität. Man darf jedoch nicht vergessen, dass diese Aspekte Frauen in ihrem Selbstbewusstsein und Auftreten auch bestärken können – das ist die beste Art eines positiven Umgangs mit sich selbst. Zudem kann man auch nicht darüber hinwegsehen, dass Verführung schon immer als Instrument genutzt wurde – auch von Frauen. Die Frage die sich mir stellt, ist, ob das Problem darin liegt, dass früher Frauen als Femme fatale dargestellt wurden oder dass es heute zunehmend inakzeptabel wird, wenn Frauen aktiv versuchen durch Leidenschaft, Aussehen und Präsenz sexuell zu verführen. Es wirkt fast so, als befinde man sich in einer Endlosschleife, in der Respekt für Frauen und sexuelle Macht sich auch noch heute ausschließen würden.

  1. Feminismus wird nie akzeptiert werden, wenn man ihn mit Verboten und Zensur verbindet

Wenn sich solche Aktionen wie in der Manchester Art Gallery einem höheren Ziel – dem Respekt gegenüber der Frau sowie der Gleichstellung – dienen sollen, dann geschieht genau das Gegenteil. Man öffnet kämpferische Gräben, in denen suggeriert wird, dass es einen Krieg der Geschlechter gäbe und das Instrument der „bösen, männerhassenden Feministinnen“ in der Zensur liegt. Im Zweifel überspannt men den Bogen auf eine Art und Weise, die zu Ablehnung der gesamten Gleichstellungsthematik führt.

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