Die Moral der Politik: Was Konservative Linken voraushaben

Bundesarchiv, B 145 Bild-F041437-0013 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

Warum schneiden Konservative tendenziell besser ab bei Bundestagswahlen? Warum verstehen Grüne AfD-Wähler nicht? Weshalb verachten sich zunehmend mehr Bürger wegen unterschiedlicher Meinungen? Warum ist es so unfassbar schwer einen konstruktiven Dialog mit „Andersdenkenden“ zu führen? Wird die Kluft zwischen den Bürgern immer größer? Diese und andere Fragen zur gesellschaftlichen Spaltung und dem Wählerverhalten der vergangenen Jahre haben mich in den letzten Jahren immer wieder beschäftigt. Die Antwort zu allen Fragen scheint zugleich simpel wie komplex zu sein: es liegt an der Moral.

Zuerst die Intuition, dann die Logik

Im umfassenden Buch „The Righteous Mind – Why Good People are Divided by Politics and Religion” des US-amerikanischen Psychologen Jonathan Haidt wird klar, weshalb viele sich von uns über andere denken „was ist bei denen nur schiefgelaufen“. Der Autor kombiniert Ideen aus der Philosophie mit Erkenntnissen und Studien aus der Psychologie, Anthropologie sowie der Neurowissenschaften und kommt zu dem Schluss, dass Menschen ein Moralverständnis „von Natur aus“ haben – wie sich dieses entwickelt, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab und bestimmt unsere Einstellung zu Politik und Gesellschaft. Wir sind alle höchst moralisch – nur auf unterschiedliche Art und Weise.

Haidt bricht die bisherigen Forschungserkenntnisse simpel runter: „intuition first, strategic reasoning second“. Was an einen Wahlspruch erinnert, trifft den Kern unserer Entscheidungsfähigkeit – Menschen bewerten Themen, Situationen, Menschen, Ideen und Konzepte zunächst unterbewusst intuitiv. Sobald dieser Beschluss gefallen ist, übernimmt die Logik oder die Rationalität die Aufgabe für die Entscheidung stimmige Rechtfertigungen zu formulieren sowie Argumente für die eigene Position zu suchen. Zur Veranschaulichung nutzt der Autor die Metapher vom Elefanten mit dem Reiter. Der Elefant steht als großes, wuchtiges, aber auch stilles Tier für die dominanten, unterbewussten emotionalen Prozesse, sein Reiter hingegen für den logischen Kopf, der die Bewegungen und Neigungen des Elefanten erklärt. Da er selbst allerdings sehr viel schwächer ist, kann er das Tier nicht dazu bringen, sich auf bestimmte Art und Weise zu verhalten.

Wie dieses intuitive Moralverständnis sich entwickelt hängt zum einen von genetischen Faktoren ab – Menschen, deren Gehirne mit mehr Glückshormonen auf Veränderung, Diversität und Neues reagieren, neigen dazu politisch links zu sein. Menschen, die kognitiv hingegen sensibler sind für Gefahr und Sicherheit, aber auch für feste Strukturen, sind tendenziell konservativ. Prägend ist zudem das soziale Umfeld – dieses gibt der Ausprägung von Einstellungen den Rahmen. Was beispielsweise in Indien als sehr links gelten kann, würde in den USA unter Umständen als tief konservativ betrachtet werden. Unsere Gehirne bewerten Situationen ständig unterbewusst, sie suchen dabei nach Beweisen dafür, dass das eigene Weltbild korrekt ist.

Haidt fasst zusammen, dass sich aufgrund von Bildung, Kultur, wirtschaftliche Lage und sozialem Umfeld drei unterschiedliche Moralsysteme ausbilden. Das erste Moralsystem ist die Autonomie. Sie ist gerade in westlichen, reichen, demokratischen, industrialisierten Ländern mit hoher Bildungsquote ausgebildet und entwickelte Konzepte wie Gerechtigkeit, Freiheit, Menschenrechte, Gleichheit und Individualismus – leben und leben lassen, sodass die Autonomie eines jeden Individuums unversehrt bleibt. Das zweite Moralsystem ist die Gemeinschaft, in der Konzepte wie Hierarchie, Respekt, Pflicht, Patriotismus und Reputation entwickelt wurden, um den höchsten Wert – die Gemeinschaft – zu schützen. Das dritte Moralsystem ist die Göttlichkeit, die Lebewesen als wertvoll betrachtet, weil sie von einer Gottheit erschaffen wurden. Um die Gottheiten zu schützen entwickelten sich Konzepte von Sünde und Heiligtum sowie Reinheit und Beschmutzung. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass sich die Moralsysteme natürlich auch vermischen können.

Alle drei Moralsysteme sind funktional und ergeben Sinn – das soziale System, in dem sich die Menschen mit ihren Wertesystemen befinden, soll bestehen bleiben, um schlussendlich auch sich selbst zu schützen. Interessanterweise findet man auch innerhalb von Industriestaaten unterschiedliche Moralsysteme – Haidt erklärt beispielsweise den krassen Unterschied zwischen Universitätsstudenten einer Stadt im Vergleich zur Arbeiterklasse nur wenige Straßen weiter. Innerhalb der Arbeiterschicht war die Gemeinschaft der Kern der Wertvorstellungen, während bei den Studierenden die Autonomie priorisiert war. Die Wertvorstellungen beeinflussen fundamental wie Entscheidungen getroffen werden, denn sie sind die Grundlage von dem, was Menschen als richtig und falsch betrachten. Individualismus kann in einem sehr gemeinschaftlichen Umfeld beispielsweise als schädlich und betrachtet werden, da das Wohl der Gemeinschaft wichtiger ist als der Vorteil des Einzelnen.

Dialog sticht Bildung aus

Wer nun meint, dass es eine Frage der Intelligenz oder Bildung sei, welchem Moralsystem man sich anschließt, der trügt. Der Gedanke selbst besser, klüger und im Recht zu sein, gibt Menschen jedoch solch eine Befriedigung, dass sie nicht realisieren wollen, dass Entscheidungen und Wertvorstellungen schlicht auf unterschiedlichen Moralsystemen basieren, die in sich vollkommen logisch sein können. Rationale Argumente der Gegenseite werden daher selten akzeptiert – der mentale Reiter auf dem Elefanten ist ja ununterbrochen dabei neue Argumente für seinen Elefanten zu finden. Der Intelligenzquotient führt lediglich dazu, dass der Reiter mehr Argumente in kürzerer Zeit sucht, nicht aber, dass sich der moralische Elefant umorientiert.

Was allerdings einen großen Unterschied macht, ist Dialog zu Andersdenkenden. Damit meine ich keine drei patzige Tweets („linksgrün versiffte Gutmenschen“ vs. „Nazis“) oder gar einen ellenlangen Hasspost auf Facebook, sondern der längere und wiederholte Austausch. Unweigerlich entwickeln wir nämlich Empathie für unsere Mitmenschen, mit denen wir sprechen. Empathie ist der Schlüssel dazu, die Sichtweise des anderen nicht nur zu begreifen, sondern sie auch nachzuempfinden. Haidt beschreibt in seinem Buch sehr eindrücklich seine Erfahrungen in Indien – als autonomer, individualistischer Wissenschaftler lebte er für einige Monate in einem System, das die Gemeinschaft über die Rechte und Freiheiten des anderen setzt. Was zuerst befremdlich war, wurde immer nachvollziehbarer, selbst wenn damit Probleme wie die Unterdrückung von Frauen oder von Menschen aus armen Schichten einherging – sozialer Aufstieg ist daher für viele unmöglich, denn jeder hat seine klare Rolle in der Gemeinschaft. Haidt begriff dennoch, dass dieses in sich geschlossene System für sich funktionerte.

Was besorgniserregend für Deutschland ist, ist dass zunehmend die Begegnungsstätten wegbrechen, in denen sich Andersdenkende kennenlernen konnten. Damit meine ich vor allem Arbeitsplätze – während sich früher die Mitarbeiter unterschiedlicher Hierarchiestufen langfristig kennenlernten und Teil eines Unternehmens waren, sind nun Outsourcing von Niedriglohnjobs and befristete Verträge vielerorts so normal geworden, dass die Belegschaft sich nicht kennenlernt. Die Soziologin Sabine Pfeiffer warnte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung im Januar vor Parallelgesellschaften von Managern und Arbeitern, die sich nur auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn anonym begegnen.

Haidt erklärt, wie sich abgeschlossene Systeme hingegen immer weiter in ihrem Denken bestätigen – und andere zwangsläufig als dumm, rückständig oder verantwortungslos degradieren. Gesellschaftliche Spaltung kann man nur mit mehr Dialog und Begegnung entgegenwirken, aber während die Wohlsituierten sich in hübsche Vorstadtbezirke zurückziehen und in modernen lichtdurchfluteten Büros tummeln, verbessert sich die Lage der Armen im Land nur langsam, wenn überhaupt – sie sind jedoch in ihrer eigenen Umwelt kaum sichtbar für die Reichen, die auch die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträger sind. Mal im Ernst: wo soll man sich denn begegnen und sich überhaupt miteinander austauschen, wenn soziale Kodizes, Moralvorstellungen und Sprache so unterschiedlich sind?

Warum die Konservativen im Vorteil sind

Die Politik muss sich mit Moralvorstellungen auseinandersetzen – sowohl um die besten Lösungen zu formulieren, als auch um die Bürger überhaupt zum Wählen zu mobilisieren. Haidt erklärt, dass sich im politischen System fünf Säulen entwickelt haben, auf denen das Moralgefühl eines Menschen reagiert – Fürsorge/Schaden, Fairness/Ungerechtigkeit, Loyalität/Betrug, Autorität/Unterwerfung, Heiligkeit/Degradierung. Gute Politik soll jeweils die positiven Teile der Paare hervorbringen. Linke sind besser darin als Konservative soziale Benachteiligung, Ungerechtigkeiten, Unterdrückung und Ungleichheit zu identifizieren und dagegen anzugehen – sie priorisieren schlicht Hierarchien und Pflichten weniger in einer Gesellschaft und bedienen sich tendenziell an den ersten beiden Säulen für ihre politische Agenda. Dabei steht das Individuum mit seiner persönlichen Identität an erster Stelle.

Konservative hingegen bedienen sich an mehr Säulen, indem sie Werte wie Familie, Einigkeit, Ordnung und Sicherheit betonen – häufig sind es sogar alle fünf Säulen, die jeweils unterschiedlich priorisiert werden. Die Fragen nach Sozialsystemen und gesellschaftlicher Gerechtigkeit werden zwar weniger betrachtet, umso stärker punkten Konservative mit ganz persönlichen und emotionalen Motiven. Linke können zwar auch mehr Aspekte bedienen, sie begreifen jedoch aufgrund ihres moralischen Kernwerts der Autonomie häufig nicht, dass die Wichtigkeit und Stärkung von Gemeinschaften ein weit verbreitetes Muster ist. Zudem bindet Individualismus politisch nicht. Man hat es im vergangenen US-Wahlkampf gesehen – während die Demokraten auf identity politics und die Wertschätzung des Individuums in seinen eigenen Facetten setzten, suchten die republikanischen Strategen nach verbindenden Mustern unter den Bürgern. Im Zweifel erfüllt die Nation diesen Zweck – sie ist eine gemeinschaftliche Institution, die alle Bürger betrifft und hierarchisch nach einer klaren Ordnung organisiert ist, bzw. sein sollte.

Haidt zeigt zudem den Fehler der Demokraten nach Bill Clinton auf, der sowohl auf Hillary Clinton, als auch auf John Kerry zutraf – die fehlende Ansprache moralischer Muster. Zwar bedienen sich Republikaner tendenziell an mehr moralischen Instanzen, wirken allerdings nicht moralisch, weil sie direkt auf das Bauchgefühl der Wähler abzielen, anstatt auf kalte, rationale Erklärungen, welche wiederum als moralisierend empfunden werden. Ähnliches wird häufig auch den Grünen vorgeworfen – sie seien zu moralisierend, dabei ist ihre Anspreche lediglich fern von der moralischen Prägung der meisten Wähler. Die Freiheit des Individuums ist für die einen zwar das höchste Gut, für andere jedoch noch überzogener Egoismus. Dennoch: für den Autor haben unterschiedliche Moralkonzepte nichts damit zu tun ob Menschen gut oder böse sind. Unabhängig davon, welche Wertvorstellung sie teilen, möchten die allermeisten das beste für eine Gesellschaft – sie sehen jedoch unterschiedliche Lösungsansätze. Die Schwierigkeit besteht gesellschaftlich und politisch jedoch darin, dass unterschiedliche Gruppen sich nicht verachtend gegeneinander aufhetzen.

Pessimismus ist in Deutschland angebracht

Parteimitglieder und -enthusiasten werden verblendeter als andere – sowohl von konservativer als auch von linker oder liberaler Seite. Sie wollen unbedingt im Recht sein und andere darin überführen, dass sie falsch liegen. Mein Empfinden ist, dass das Hochschaukeln von eigenen Moralvorstellungen dazu führte, dass die unterschiedlichen politischen Lager schlicht selbstgerecht geworden sind. Was dies ändern könnte, ist die Schließung der sozialen Schere – Bürger wären dann nicht so unterschiedlich in puncto Gehalt und Bildung und hätten mehr Begegnungsstätten zum Austausch. Mit der zunehmenden Flexibilisierung der Arbeit nehmen die Möglichkeiten dafür ebenfalls ab. Man tummelt sich privat sowieso automatisch dort, wo man Gleichgesinnte findet – dies trifft auch bei der Auswahl von Hobbys und im Nachtleben zu.

Es zeichnet sich für mich ab, dass die Fronten zwischen selbstgerechten Einstellungen sich weiter verhärten. Die AfD arbeitet durch Ausschluss der Presse und der Entwicklung eigener Medienformate, die gegen die von ihnen als „Mainstream“ bezeichneten Regierungsarbeit schießt daran, dass ihr Lager sich intern stärkt bei gleichzeitiger Ausweitung der moralischen Säulen. Dass linke Politiker hingegen den Austausch ebenfalls ablehnen, wird den Dialog auch nicht fördern. Die Medienformate wie Talkshows oder TV-Duelle vor Landtags- oder Bundestagswahlen sind auch vielmehr Demonstrationen dafür, wie Parolen nach außen posaunt werden, anstatt Gespräche zu führen. Ob stattdessen mehr Arbeit an der Basis helfen kann, um die verhärten kann? Es bleibt zu hoffen.

Für die Linke und Sozialliberale werden die nächsten Jahre schwierig – es sei denn, sie lassen sich Ideen und Erzählungen einfallen, die die moralischen Bedürfnisse der Mehrheit befrieden. Da die moralische Wertung nicht nur horizontal zwischen links und rechts verläuft, sondern auch vertikel zwischen arm und reich, ist gerade die SPD gut beraten, sich der Wertvorstellungen von Arbeitern und Angestellten anzunähern. Das würde aus heutiger Sicht zwar bedeuten, dass sie konservatier in Bezug auf die Sicherung der Gemeinschaft werden würde, aber wenn sie anerkennen würde, dass weder Gemeinschaftssinn, noch Individualismus im Kern etwas mit Fortschrittsdenken zu tun haben, könnte sie sich wieder mehr Wählern annähern.

 

Schlussnotiz: Nicht wundern – Jonathan Haidt schreibt in seinem Werk von Liberals und Conservatives, betont jedoch im Vorwort, dass man als europäischer Leser Liberals als linksgerichtete Politiker verstehen soll. Der Einfachheit halber habe ich mich für die „Linke“ und „Konservative“ im Text entschieden. Die Debatte um „Was ist links/ konservativ/ liberal“ habe ich mir an dieser Stelle gespart.

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