Was uns verbindet

Verroht, und aggressiv – in letzter Zeit wird in Politik und Medien debattiert, ob unsere Gesellschaft droht auseinanderzubrechen. Grund zur Sorge gibt es genug – Angriffe von links- und rechtsextremer Seite rücken zunehmend in den Fokus. Die sozialen Medien dienen dabei als Spiegel und Katalysator für Unzufriedenheit, Ängste, aber auch Wut und Gewaltbereitschaft. Gleichzeitig ist das politische Klima auch giftiger geworden – politische Feinde, vor allem am jeweiligen Ende des liberal-konservativen Spektrums, bedienen sich einer martialischen Sprache, als würde es darum gehen, einen Endgegner in einem Computerspiel zu neutralisieren. Nur dass der Endgegner dabei eine ganze Gruppe darstellt – eine Gruppe von realen Menschen. „Linksgrüne Gutmenschen“ und „Nazis“ – das sind die Schlagworte, die sich beide Lager gegenseitig leichtfertig vorwerfen.

Im Kern ist dabei eines klar: es gibt immer weniger Elemente, die die Gesellschaft zusammenhalten. Die Institutionen, die den Bürgern einst Sicherheit und kulturelle Zugehörigkeit bescherten, werden dieser Aufgabe nicht mehr gerecht. In der Vergangenheit waren es Arbeit, Vereine und Schulen, die die zur Essenz der Zufriedenheit betrugen: sie schufen Anerkennung, Respekt und Zugehörigkeitsgefühl. Das Zusammenleben und die Begegnungen mit Kollegen, Nachbarn, Freunden und Familie wurde durch diese Institutionen füllte den Rechtsstaat kulturell aus – es waren Wertvorstellungen, soziale Kodizes und Loyalitäten, die die Menschen verbanden.

Durch den wirtschaftlichen Wettbewerb und dem Bruch in den 1960-ern und 1970-ern mit dem bis dahin gängigen sozialen Konsens, war der Weg für den Individualismus geebnet. Das Leistungscredo seit dieser Zeit, welches zunehmend Karriere – in unterschiedlichen Ausprägungen – als Kenngröße für ein erfolgreiches Leben bevorzugte, begünstigte diese Individualisierung. Für konservative Zeitgenossen bedeutet Karriere in einer beruflichen Hierarchie sowohl in puncto Gehalt, als auch Einfluss stärker aufzusteigen. Für die Liberalen wurde die Selbstverwirklichung zum Ziel. Beides erzeugt einen ungemeinen Druck sich selbst zu optimieren und andere Prioritäten hintenanzustellen.

Während die high performer Spitzenleistungen unter diesem Mantra erzielten, ist es für den Rest schwieriger geworden, Wertschätzung zu schöpfen und weiterzugeben. Natürlich – der Arbeitsplatz ist längst keine Begegnungsstätte mehr unterschiedlicher sozialer Klassen, die einen Querschnitt durch die Gesellschaft abbilden. Simple Dienstleistungen werden outgesourced und diese Mitarbeiter – vom Portier bis zum Buchhalter – haben keine Betriebszugehörigkeit. Ihre Arbeit wirkt punktuell abgerufen, während im Unternehmen, das sie beschäftigt, die Ellenbogen gespitzt werden. Dort befinden sich diejenigen mit vergleichbaren Ausbildungen und Ambitionen – und sie wollen nach oben. Großstadtagenturen sind ein gutes Beispiel für diese Lebensart, bei der Berater das Private den Überstunden unterordnen.

Das Ausbluten der Regionen – nicht nur im Osten des Landes – führt dazu, dass Arbeitnehmer, aber auch Schüler häufiger pendeln müssen. Das Zentrum des Zusammenlebens wird immer schwächer. Ob in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg oder Niedersachsen – für kleine Gemeinden wird es immer schwieriger die Altstädte lebendig zu halten, Jugendräume offen zu halten und Arbeitsplätze zu schaffen. Was Menschen allerdings verbindet, sind gemeinsame Erfahrungen und Erlebnisse, Gespräche und Gemeinschaftsorte.

Auch wenn die Liberalisierung das die Lockerung von veralteten Normen neue Chancen geschaffen haben, dass mehr Menschen unabhängig ihres familiären Hintergrundes oder ihres Geschlechts, aufsteigen und somit mehr Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen können, sind die Säulen des Zusammenlebens erodiert. Das wäre im Grunde kein Problem, gäbe es einen Konsens dafür, welche neuen Säulen das Zusammenleben definieren würden. Der Konflikt zwischen dem konservativen und liberalen Milieu verstärkt sich zunehmend und es ist leicht, sich zwischen den Polen verloren zu fühlen. Beide Lagen entwerten sich gegenseitig, sprechen abschätzig übereinander und zerstören somit das Fundament für die wichtige gesellschaftliche Mitte, die Elemente aus beiden Lagern in sich vereinte.

Die Spaltung durchdringt Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Vor allem führt diese Spaltung dazu, dass die relevanten Zukunftsthemen und aktuellen Herausforderungen sachlich und lösungsorientiert bewerkstelligt werden können. Dadurch laufen wir in Gefahr, dass unser demokratisches System samt Rechtsstaat lediglich eine formale Hülle wird, die jedoch nicht mehr mit Leben gefüllt wird und auch keiner Identifikation mehr dient. Simpel gesagt: man hält sich an Gesetze, weil es Gesetze sind, nicht weil man den gesellschaftlichen Sinn begreift, dass rechtliche Einschränkungen für ein solidarisches und friedliches Zusammenleben notwendig sind.

Es deutet sich mittlerweile an, dass all diese Entwicklungen dazu geführt haben, dass Mitbürger gegenseitigen Respekt voreinander verloren haben. Die Debatte berührt nahezu alle aktuellen Debatten, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß:

Arbeit und Bildung: die Lücke zwischen den sozialen Schichten hat sich in den letzten Jahrzehnten wieder geöffnet. Mit einer zunehmend anspruchsvollen und diversifizierten Industrie, ist es politisch nachvollziehbar, dass der Trend zum Studium und Dienstleistungsjobs gewünscht war. Diese Entwicklung ging allerdings mit einer kulturellen und moralischen Abwertung von Jobs und Bildungsabschlüssen einher – zwar sympathisiert man gerne mit Pflegern, Kassierern, Leiharbeitern, Friseuren oder Erziehern, aber die Wertschätzung seitens derjenigen, die zu einer höheren sozialen Schicht gehören bleibt oft aus. Damit meine ich nicht primär die finanzielle Wertschätzung, sondern die zwischenmenschliche. Auch wenn man weiß, dass diese Jobs alle wichtig sind, schwinden Kontakt und Augenhöhe zwischen diesen Arbeitsgruppen.

Geschlechtergleichstellung: dieses Thema wird hochemotional geführt. Die Beschuldigungen, die sich Feministinnen und Maskulinisten gegenseitig an die Köpfe werfen, möchte ich nicht wiedergeben. Woher rührt das? Es geht in beiden Fällen um die Sehnsucht nach Anerkennung und Respekt vom anderen Geschlecht. Da allerdings die Gräben in radikalen Beispielen sich eher weiten, als dass sie eine friedliche Gleichstellung forcieren, werden die Verunglimpfungen und die Abscheu zunehmend größer.

Migration und Integration: wenn man sich die Diskussionen der vergangenen Jahre über Migration jeglicher Art anschaut, fällt auf, dass über lange Strecken die extremen Lager den Diskurs bestimmt haben – entweder plädierte man für absolute Abschottung (ob von links oder rechts ist dabei egal) oder für volle Liberalisierung der Einwanderung. Die einen sehen ausschließlich gescheiterte Integration, die anderen leben erfolgreiche Integration. Die Lösungen, die in der Zwischenzeit angeboten und entwickelt wurden, wurden dabei zerrieben.

Zu einem gewissen Teil kann man auch die Klimapolitik als Beispiel aufführen, jedoch schärfen sich an dieser Stelle erst die Positionen zwischen radikaler Skepsis und akuter Panik.

Zwischen diesen Konflikten ist es leicht das Gefühl zu bekommen, dass Deutschland feindlich, unsicher und schwierig geworden ist und niemand mehr dem anderen vertraut. Glücklicherweise ist der analoge Alltag vieler Menschen noch friedlich, gemeinschaftlich und normal, allerdings zeichnet sich der Trend ab, der die USA seit Jahrzehnten prägt – eine zunehmend starke Fragmentierung der Gesellschaft, in der Partikularinteressen lauter und radikaler gefordert werden.

Was kann uns verbinden?

Wenn man davon ausgeht, dass die vier Hauptsozialisationsinstanzen die Familie, Schule, das Umfeld (peer group) und die Medien sind, kann an den meisten Stellen noch nachjustiert werden. Entscheidend ist zu begreifen, dass Kulturen sich stets verändern, aber nicht die Politik oder die Wirtschaft aushandelt, in welche Richtung es geht, sondern die Bürger untereinander – auch wenn der Einfluss „von oben“ natürlich eine Rolle spielt.

Schulen und Bildungseinrichtung werden essenziell sein, um das Land zusammenzuhalten. Einerseits sind bereits jetzt digitale Medienkompetenzen unfassbar wichtig, um billige Fake News und Verschwörungsblogs von sachlich recherchierten Nachrichten zu unterscheiden. Andererseits müssen Bildungseinrichtungen weiterhin als Begegnungsstätte dienen, in denen Kinder und Jugendliche lernen Konflikte auszuhandeln und gewissen Spielregeln zu folgen. Dass die Kita-Gebühren in Deutschland wegfallen, ist dabei ein wichtiger Schritt, um allen Kindern den Zugang zu einer Gemeinschaft von klein auf zu ermöglichen.

Zusätzlich muss die politische und historische Bildung gestärkt werden. Als Bürger eines Landes braucht es ein gewisses Grundwissen, um zu verstehen, was die Parameter unserer Gesellschaft sind, wie Politik funktioniert und aus welchen Werten unser System überhaupt erwachsen ist. Das Verständnis dafür, weshalb sich eine Gesellschaft auf eine bestimmte Art und Weise entwickelt hat, ist unabdinglich für das Selbstverständnis als mündigen Bürger.

Welchen Einfluss das Zusammenbrechen des Umfeldes besonders für jugendliche haben kann, beschrieb der US-Politologe Robert Putnam in seinem 2015 erschienen Buch „Our Kids“. Bevor Donald Trump gewählt wurde, untersuchte er ländliche Regionen, in denen die staatliche Förderung für Nachmittagsbetreuung und Jugendangebote gestrichen wurde. Wohlhabende Eltern konnten ihren Kindern Nachhilfe, Sport- und Musikkurse anbieten, während die Kinder aus schlecht situierten Familien buchstäblich auf der Straße blieben. Über zwei Generationen verschärften sich die Unterschiede zwischen den Schichten. Bei den Gruppen, die keine Betreuungsangebote wahrnehmen konnten, an denen Fairness und Disziplin unterstützt wurden, schossen Gewalt, Drogenkonsum, Schulabbruch und Teenager-Schwangerschaften in die Höhe. Starke kommunale Angebote können einen großen Unterschied machen.

Wofür es bisher keine gute Lösung gibt, ist der Umgang mit sozialen Medien. Während die klassischen Medien einst daran beteiligt waren, dass durch transparente Berichterstattung das Vertrauen im Staat gewahrt wird, zerstören sozialen Medien ebendieses. Wieder bekriegen sich die Radikalen am konservativ-liberalen Spektrum und bezichtigen sich gegenseitig der gezielten Propaganda. Die bestehende Vertrauenskrise in Deutschland, nach welcher 60 Prozent der Auffassung sind, das gegenwärtige System würde die Reichen fördern, stellt uns vor die Zerreißprobe – für eine funktionierende Demokratie ist Vertrauen nämlich grundlegend.

Wo finden wir Antworten darauf, was uns verbindet? Sie sind in unserer Geschichte und Kultur eingebettet. Der Kampf zwischen dem Konservativen und Progressiven hat nämlich stets den Fortschritt gekennzeichnet. Man handelte aus, welche Traditionen verworfen und ersetzt werden konnten. Am Beispiel der Emanzipation wird selbst Feminismus-Kritikerin Birgit Kelle zustimmen müssen, dass sie vor 50 Jahren nicht die öffentliche Karriere hätte erreichen können, die sie als Welt-Kolumnistin nun genießt. Schritt für Schritt erreichte man den Konsens, dass Frauen nicht mehr ihre Männer um Erlaubnis fragen müssen, ob sie arbeiten dürfen – diese Entwicklung ist zu einem neuen Konsens geworden, welchem kaum jemand widersprechen würde.

Die Frage ist, was der nächste Schritt ist. Es gibt genug Fragen, die gegenwärtig unter der Oberfläche brodeln. Das ist an sich okay – Konflikte sind nichts Schlechtes. Sie können aber gefährlich werden, wenn sowohl das Verständnis für die eigene Kultur fehlt, als auch die Räume für den Austausch immer knapper werden.

3 Kommentare zu „Was uns verbindet

  1. Vielem kann ich zustimmen, manchem nicht, z.B. löst der Kita-freibeitrag nicht das Problem von zu wenigen Erzieher*innen und damit zu großen Gruppen, löst nicht das Problem der Unterbezahlung selbiger, wie auch Krankenpfleger*innen etc., löst nicht das Problem, dass es gar nicht genügend Kitaplätze gibt, dass das Schulsystem nach neuen Lösungen muss – es gibt mehr nach Nachfragen an Waldorf-, Montessourischulen, als diese bereitstellen können, da es immer mehr Eltern gibt, die ihre Kinder nicht mehr auf eine Regelschule schicken möchten.
    Auch bin ich mir nicht sicher, ob es weniger Möglichkeiten/Räume für den Austausch gibt, ich empfinde es eher mehr als weniger. Ich muss mich auf fb nicht mit Extremist*innen streiten, ob nun von rechts oder links und noch immer empfinde ich die Welt der Blogs als bereichernd für den Austausch und die Inspiration.
    Soweit erst einmal,
    herzliche Grüße
    Ulli

  2. Auch wenn es z. Zt. eher ein Aufregerthema ist, halte ich die Idee der vertieften europäischen Einigung für etwas, was mehr Verbindendes schaffen könnte. Denn wir brauchen etwas, woran wir gemeinsam, mit positivem Elan arbeiten können. In der Nachkriegszeit war das der wirtschaftliche Wiederaufbau. Die Vereinzelung hat begonnen, als ein gewisses Wohlstandsniveau erreicht war und Kooperation nicht mehr so wichtig war. Das Bauen von Europa ist eine Herkulesaufgabe, könnte aber als „Wirtschaftswunder“ funktionieren. Aber es ist wohl so, dass da nichts Relevantes passiert, so lange wirklicher Druck fehlt – und der scheint nur von außen kommen zu können, was dann womöglich eher ungemütlich wäre. Besser wäre es, wir würden die „Zeit der Muße“ unter guten politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nutzen und das vorantreiben. Gerade die junge Generation, die in ihren Biographien vielfach die nationalen Fesseln längst hinter sich gelassen hat, würde davon enorm profitieren. Und die alten weißen Männer (wie Lynx) sollten das unterstützen anstatt zu blockieren.

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