Braucht Deutschland Feindbilder für seine Identität?

Es ist interessant, wie man in Deutschland mit der eigenen Vergangenheitsbewältigung umgeht: 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges werden Prozesse gegen Mitschuldige am Holocaust geführt, in Schulen werden Besichtigungen von Konzentrationslagern organisiert und gegenüber der jüdischen Bevölkerung gilt – zumindest in der Öffentlichkeit – eine strenge political correctness. Dies geschieht zurecht, damit sich die unermesslichen Gräueltaten der Shoa nie mehr wiederholen. Umso erstaunlicher ist es, dass immer wieder neue Feindbilder auftauchen – zwar nicht in dem Ausmaß wie im Falle der jüdischen Bevölkerung während des Dritten Reiches, aber ich frage mich manchmal wie sich Roma, Flüchtlinge oder muslemische Männer (bevorzugt mit Bart) in den letzten Jahren in Deutschland gefühlt haben.

Machen wir uns nichts vor – was in der jüngeren Vergangenheit in den Massenmedien und in sozialen Netzwerken stattfand, hatte oft den Duktus von „Hilfe! Hilfe! Die Zigeuner kommen“, „Der Islam ist an sich böse“ oder „Millionen Steuergelder werden für Flüchtlinge verschwendet“. Mit einer bildgewaltigen Sprache wird darauf aufmerksam gemacht, dass eine Gruppe innerhalb der deutschen Gesellschaft existiert, die nicht dazu gehört. Das Muster zieht sich durch alle sozialen Schichten. Besonders im Zeitalter der Hasstiraden im Internet könnte man schlicht sagen „Don’t feed the trolls“, aber so einfach ist es nicht. Seit 1990 starben über 180 Menschen durch rechte Gewalt, 1992 brannte in Rostock-Lichtenhagen ein Wohnheim für vietnamesische Asylbewerber, wobei bis zu 3000 Menschen applaudierend zuschauten und allein im April 2015 brannten drei Flüchtlingsunterkünfte in Hamburg, Berlin und Tröglitz. Es scheinen wiederkehrende Muster zu sein und um die Frage nach dem Warum zu beantworten, ist es nötig zu verstehen, wie wichtig Identität für eine Gesellschaft ist.

Feindbilder haben eine Funktion – auch in einer Gesellschaft

In der Psychologie, Soziologie und Sicherheitsstudien haben Feindbilder durchaus eine logische Erklärung. Die Annahme liegt zugrunde, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und ständig in Interaktion zu anderen steht. Während es zur Zeit unserer primitiver Vorfahren wesentlich war, Teil einer Gruppe zu sein, um sich von Bedrohungen zu schützen, sind soziale Netzwerke in Form von Familienbanden, Clans oder professionellen Gemeinschaften bis heute wichtig, um ökonomisch und privat erfolgreich zu sein. Manche nennen es soziales Kapital, andere Networking, der Kern ist immer derselbe: man will sich und seine Gruppe von anderen abgrenzen und überlegen sein. Die eigene Sicherheit kann man dabei am besten sicherstellen, wenn man Teil einer Gruppe ist, welche dieselben Ansichten wie man selbst teilt.

Auch politisch war eine gemeinsame Identität stets wichtig, um Machtkämpfe auszutragen, sei es zwischen Klassen oder Staaten. „Wir gegen die anderen“ war eine erfolgreiche Devise, die wie ein Motor den Gruppenzusammenhalt gestärkt und darüber hinaus Werteorientierung geboten hat. Man wusste wohin man gehört, wofür man eintritt, wie man sich abgrenzt. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wehte als Konsequenz der brachialen Zerstörung ein anderer Wind: Kooperation und Multikulturalismus sollte das Credo der modernen Nachkriegsgesellschaft sein.

Das Problem mit der deutschen Identität

Mit der gefühlten „deutschen Erbsünde“ im Nacken, schwinden Grenzkontrollen, schlecht geplanter Migrationspolitik und einer vertieften EU-Integration, verlor die nationale Identität an Bedeutung – nicht nur in Deutschland. Der anhaltende Frieden auf EU-Territorium ist ein beispielloser Erfolg und hängt auch mit der vertieften Kooperation zwischen den Nationalstaaten zusammen. Wozu dann die Feindbilder wenn kulturelle Nähe funktionieren kann? Die Gründe dafür sind ein komplexes Gewebe aus innerstaatlichen und internationalen Herausforderungen.

  1. Die Vergangenheitsbewältigung: Der Umgang mit dem Nationalsozialismus hat zu einer gesunden, kritischen Haltung gegenüber Nationalismus geführt. Was Teil einer sinnvollen Reflexion dessen ist, hat eine wütende Gegenreaktion hervorgerufen, die zunächst die NPD, heute zum Teil PEGIDA und die AfD nährt – man solle sich ja nicht für sein Land schämen und sich mit Stolz auf das Deutschsein berufen können.
  2. Gescheiterter Multikulturalismus: Bis in die 1990-er wurden gravierende Fehler bei der Migrationspolitik gemacht. Besonders schwerwiegend sind die Defizite in der Siedlungsplanung. Dass in manchen Vierteln der Migrationsanteil auffällig hoch ist, ist auch eine Konsequenz der Preis- und Verteilungspolitik. Lang genug dominierte die Idee, dass unterschiedliche Kulturen friedlich nebeneinander existieren können, anstatt miteinander in Kontakt zu kommen. Die daraus resultierten Integrationsdefizite, sowohl auf Seiten der Migranten, als auch der deutschen Gesellschaft, sind bis heute zu spüren.
  3. Ökonomische Verantwortung: In den Krisenjahren wird Deutschlands Wert als Export-Schwergewicht und Motor der europäischen Industrie besonders hervorgehoben. Dieser Fokus auf den wirtschaftlichen Wert Deutschlands, hat hässlich-polemische Seiten in der Politik und der Bevölkerung hervorgerufen, was sich nicht zuletzt in den Teilerfolgen der AfD ablesen lässt. Als verbindendes Element steht die Wirtschaftskraft. „Wir, die Deutschen, sind fleißig und tüchtig und zahlen für die ganzen faulen Südnationen“, eine gängige Meinung, die Jan Böhmermann sinngemäß in seinem Varoufakis-Satiresong erfolgreich parodiert hat.
  4. Individualismus: Sei es der Neoliberalismus, steigender Lebensstandard, gelockerte Sexualmoral oder vertiefte Säkularisierung – es gibt viele Gründe dafür, warum das „Ich“ wichtiger ist als das „Wir“. Identifiziert man sich heute noch mit seiner Staatsbürgerschaft? Wohl kaum. Viel eher steht im Vordergrund, was man tut, in welchen Kreisen man sich bewegt und welche Ziele man hat.

Das Scheitern der Parteien

Es sind nicht nur diese Herausforderungen, welche die Sehnsucht nach Orientierung und Verbundenheit verursacht haben. Auch die Erosion von klassischen Werten und das Ende der mahnenden Intellektuellen tragen zum Gefühl der mangelnden Zugehörigkeit bei. Feindbilder sind mit Sicherheit nicht nötig, um eine Verbindung innerhalb einer Gruppe zu knüpfen, aber sie sind eine der einfachsten, schnellsten und emotionalsten Methoden, um die Suche nach Sicherheit und Stabilität zu stillen. Wenn man sich schon nicht auf gemeinsame Werte einigen kann, dann auf gemeinsamen Hass.

Die Parteien, die im Bundestag vertreten sind, haben verpasst sich den Herausforderungen anzunehmen, die auf die deutsche Identität hereinprasseln. Es mag zwar sein, dass in einer globalisierten und vernetzten Welt, der Wert der Nationalidentität immer geringer wird, dennoch brauchen viele Bürger genau dieses Element, um sich heimisch zu fühlen. CDU, SPD, Grüne und Linke haben versagt, wenn es darum geht, Werte zu vermitteln oder einen Beitrag zu einer Zukunftsvision Deutschlands beizutragen. Die einstige Trennschärfe zwischen den Parteien ist geschwunden – so manch ein ehemals linker Politiker trinkt inzwischen Sekt mit seinen Wirtschaftsfreunden, während die Konservativen gerne die Lorbeeren der Sozialpolitik abgreifen.

Warum das nicht egal ist? Solange wir noch in Dimensionen von Staaten denken, wird es nötig sein, ein Element zu finden, das 80 Millionen Menschen verbindet, um den sozialen Frieden zu wahren. Ich habe keine Lust weitere brennende Flüchtlingsheime, Extremismus, Anfeindungen im Internet und Gleichgültigkeit vor wachsender Ungleichheit zu erleben. Das ist sicherlich nicht die Art von Bundesrepublik, in der die Bürger langfristig miteinander respektvoll umgehen werden.

Photo Credits: flickr.com; User: Stéphane Giner