Zwischen Nostalgie und Überfremdung: Deutschland in der Midlife-Crisis

Ich beginne diesen Artikel mit einem kleinen „Quiz“ über Nationalidentität und Kultur – um welches Land handelt es sich?

„Ich stamme ursprünglich aus einem Land, dessen Zivilisationsgrad vor noch nicht allzu langer Zeit von vielen Staaten der westlichen Welt belächelt und interessiert, aber von oben herab zur Kenntnis genommen wurde. Kein Wunder: Ganz in der Nähe gab es beispielsweise noch Stämme, die die Schädel ihrer verstorbenen Kinder bemalten (!) und sammelten.

Meine Großmutter, eine Eingeborene, hatte sechzehn Geschwister. Das Wasser kam selbstverständlich aus dem Dorfbrunnen statt wie heute aus dem Wasserhahn. Wenn es einmal regnete, würde das Wasser eifrig gesammelt. Elektrizität hatte damals im Dorf kaum jemand. Auch heute noch kämpfen wir mit den in unserer Gegend üblichen Problemen. Korrupte Politiker, ethnische Konflikte (was vielleicht kein Wunder ist, denn die Grenzen meines Landes waren noch nie länger als zwei Generationen dieselben), hohe Verschuldung und so weiter. In den letzten paar Jahrzehnten hat mein Land aber einen enormen Schritt nach vorne gemacht. Inzwischen ist es politisch recht stabil, und es kann heute auf einiges stolz sein [Auswahl]:

  • Seit ungefähr zehn Jahren [Stand: 2008] gibt es bei uns flächendeckend Festnetz-Telefonanschlüsse. Das war noch bis weit in die 1990er Jahre hinein kaum vorstellbar.
  • Eine Episode der Militärdiktatur, in die einzelne Stammesgebiete zeitweise zurückfielen, konnte unblutig (!) beendet werden.
  • Die größte Herausforderung, die die Zivilisierung (die zugegebenermaßen durch äußere Kräfte erwirkt wurde) mit sich brachte, war für uns wohl der Umgang mit der Demokratie. Diesen meistern wir heute vorbildlich. Obgleich wir quasi „zu unserem Glück gezwungen“ wurden, konnten wir eine spektakuläre positive wirtschaftliche und sozialpolitische Tendenz verzeichnen, die nicht zuletzt auf jahrelange umfangreiche Lieferung von Hilfsgütern, staatsbildende Entwicklungshilfe und auch militärische Präsenz fortschrittlicher, zumeist westlicher Staaten zurückzuführen ist. Die neuen Landesgrenzen, die wie bei vielen afrikanischen Ländern nicht durch unseren Staat selbst, sondern durch die Regierungen anderer Länder gezogen worden sind, wurden durch die Regierung unseres Landes im Jahr 1990 sogar offiziell anerkannt.“

Es ist keine große Überraschung, dass es sich dabei um Deutschland handelt. Dieses „Quiz“ ist aus der Einleitung von Noah Sows Buch „Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus“ (2009, Goldmann Verlag) entnommen und zeigt unsere verquere Wahrnehmung auf Deutschland und seine Kultur. Mit untypischem Wording und einer Sammlung von Fakten, die inzwischen vollkommen absurd wirken, erklärt sie, dass die Wahrnehmung von Deutschland mit Diskrepanzen gespickt ist. Warum das wichtig ist? Weil wir Teenager in diesem Land haben, die eine schwangere Somalierin krankenhausreif schlagen, weil sich Menschen erdreisten auf Kindern zu urinieren und mehr als genug Flüchtlingsheime bereits abgebrannt sind – alles wegen der vermeintlichen Angst vor „Überfremdung“ und dem Verlust der deutschen Kultur.

Sow schreibt konkret von Bayern: in der Umgebung – Tirol – wurden früher tatsächlich Schädel bemalt, in den neuen Bundesländern gab es bis in die Mitte der 1990er tatsächlich keine vollständige Infrastruktur für Telefonanschlüsse und sowohl Demokratie als auch die wirtschaftliche Entwicklung waren zu bedeutenden Teilen die Folge amerikanischer Politik. Das Land, dessen Kultur gerade an Europas Außengrenzen verteidigt werden soll, besteht erst gerade seit 25 Jahren – von welcher Kultur reden wir eigentlich? Von welcher Kultur reden Pegida und die AfD?

„Typisch Deutsch“ – oder etwa doch nicht?

Bei den Protesten ebendieser Bewegungen handelt es sich zu einem großen Teil um Islamophobie, wie ich bereits im Dezember 2014 geschrieben habe. Die Reaktionen auf Einwanderungen wären anders, wenn eine Million Niederländer sich dazu entschieden hätten nach Deutschland zu migrieren. Doch gerade die Frage was überhaupt bedroht wird und zu verteidigen ist, ist besonders spannend. Um deutsche Tugenden kann es sich nicht mehr handeln – VW und die FIFA haben – zugegebenermaßen unfreiwillig – bewiesen, dass auch die Deutschen Teil von massiver Korruption sein können, obwohl bisher immer mit erhobenem Zeigefinger auf die „unehrlichen Staaten“ im Süden und Osten Europas gezeigt wurde.

Sollen Labskaus und Maultaschen verteidigt werden? Nein, der kulinarische Krieg ist längst verloren – Döner, Falafel, Pizza, Pasta, Burritos, neunmoderne vegetarische und vegane Küche sind auf dem Vormarsch. Die Sinne des Abendlandes sind von Curry, Chili und anderen exotischen Gewürzen bereits betäubt. Aber vielleicht geht es um Musik und Poesie? Deutschland galt schließlich als das Land der Dichter und Denker, das legendäre Komponisten hervorbrachte. Vielleicht sollte man den GIDA-Menschen vor Augen halten, dass die europäische Hymne „Ode an die Freude“ von dem Bonner Komponisten Ludwig von Beethoven kreiert wurde, welcher bewusst ein Gedicht des württembergischen Dichter Schiller als Liedtext wählte, welches die schöne Zeile „alle Menschen werden Brüder“ beinhaltet. Mit solchen Errungenschaften ist Deutschland bekannt.

„Früher war alles besser“

Ein sehr geschätzter Politologe und Freund von mir, vertritt die Ansicht, dass die Erosion des Nationalstaates und somit der traditionellen Identität dazu führt, dass man einerseits Idealbilder des eigenen Landes erschafft, andererseits bereits gesehen hat wie einfach es ist, Werte und kulturelle Normen aufzuweichen. Die Reaktion: Idealisierung. Kaum jemand würde heute wie in Noah Sows Beschreibung Deutschland als ehemaliges Entwicklungsland mehr sehen wollen, sondern als diesen mächtigen Wirtschaftsriesen – einen echten global player. Es ist so, als würde Deutschland in einer Midlife-Crisis stecken und dabei sehnsüchtig und nostalgisch an die vermeintlich bessere Version der Vergangenheit denkt. Vergessen sind der RAF-Terror, der Kalte Krieg, wirtschaftliche Rezessionen, die das Land immer wieder erlebt hat. Wie es sich für eine anständige Midlife-Crisis gehört, kommt Rebellion gegen die gegenwärtigen Veränderungen hinzu – „nein, ich will mich nicht verändern.“

Der Denkfehler liegt dabei zum einen in einem statischen Verständnis von Kultur und Nationalidentität, als würden die Umstände immer dieselben bleiben, bzw. als ob es das einzig Richtige wäre, Altbekanntes zu bewahren. Wenn man sich die deutsche Geschichte ansieht, merkt man, dass ein ständiger Lernprozess von anderen und interne Dynamik zum Erfolg beigetragen haben. Wo wäre das Land, wenn Frauen noch immer ihren Mann um Erlaubnis bitten müssten, wenn sie arbeiten möchten und die züchtigende Tracht Prügel an Schulen noch gängig? Sowas kann ich mir zumindest in diesem Land nicht mehr vorstellen.

Zum anderen glaube ich, dass es gar nicht um Kultur und Überfremdung geht, sondern schlicht um Xenophobie. Bereitwillig kopiert man den US-amerikanischen Lifestyle und feiert Halloween und trinkt bei Starbucks einen Pumpkin Spice Macchiato – auch das trägt dazu bei, dass sich Deutschland verändert. Kultur ist nur das vorgeschobene Argument, um nicht die Wahrheit aussprechen zu müssen: Ressentiments gegen Moslems und anderen Gruppen aus dem arabischen Raum sind der Treibstoff für einen zerstörerischen Rassismus, welcher sich bereits jetzt schon zu tief in Deutschland gefressen und nachhaltig die gesellschaft verändert hat.

Foto: Creative Commons; Storm Crypt

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