Mit Männern über Feminismus reden

Alex Naanu (CC BY-NC-ND 2.0)

Mit Männern über Feminismus und Frauenrechte zu reden fühlt sich für mich fast immer wie ein Eierlauf an, außer ich weiß, dass mein Gegenüber ebenfalls ein Feminist ist. Sonst passiert folgendes: Ich unterhalte mich mit einem Mann über z.B. Alltagssexismus und traditionelle Geschlechterrollen. Ich deute an, dass ich Gleichberechtigung wichtig finde und es auch in Deutschland noch Sexismus gibt und dann beginnt die große Relativierung: Ich deeskaliere, versichere, dass ich keine extremen Einstellungen habe, Männer wirklich nicht hasse und auch nicht beleidigt davon bin, wenn mir ein Date die Tür aufhält. Jedes Wort kann nämlich falsch ausgelegt werden – man sei zu sensibel oder zu hysterisch und in Deutschland ginge es Frauen doch gut. Es sind diese Abwehrhaltung, als würden ich dem Mann einen unsichtbaren Schatz wegnehmen wollen, und solche Sätze, die mich unwillentlich unbewaffnet dastehen lassen – nicht weil mir die Argumente fehlen, sondern weil dann bereits die Schwelle überschritten wurde, bei der ich nicht ernst genommen werde.

Wie der Zeitgeist es aber gerade will, führen sich auf einmal sehr viele Menschen so auf, als hätten sie die Frauenrechte neuentdeckt, die vorher eigentlich davon gesprochen haben, dass es in Deutschland sowas wie Sexismus gar nicht gibt – sowohl Frauen als auch Männer. Und ich lasse an dieser Stelle bewusst die Instrumentalisierung der Politik aus. Ich halte das Thema aber für wichtig, weil es im Grunde um Freiheit und Bürgerrechte geht – Freiheit zu leben wie man möchte. Nach den Übergriffen in Köln versuche ich daher verstärkt auf Männer zuzugehen und sie zu fragen – „sag mal, was hältst du vom Feminismus?“. Natürlich gibt es viele Männer, die Gewalt gegen Frauen genauso verwerflich finden wie ich, aber vor dem Hintergrund, dass bei der Anti-Sexismus- und Anti-Rassismus- Kampagne #ausnahmslos auffällig wenige Männer unterzeichnet haben, wunderte ich mich, wieso dies so war. Dabei waren Männer ebenso wütend und betroffen von den Kölner-Angriffen – nur scheint mir so, als würde der Dialog nicht mit Frauen geführt werden.

Als ich dieses Video sah, fiel mir auf, dass Männer, die gern Beschützer sein wollen, sich über Männer, die als eigentliche Beschützer vermeintlich versagt haben, aufregen, weil andere Männer als Täter übergriffig geworden sind. Diese Situation kann man auch auf Debatten übertragen. Wo sind die Frauen in diesem Szenario, außer dass sie hintergründig als Opfer und Streitgegenstand dienen? Ich wundere mich, ob Väter mit ihren Töchtern oder Frauen darüber reden, ob sie Sexismus in irgendeiner Form erlebt haben, sich je bedrängt gefühlt haben oder ob Frauen ihren Freunden erklären, dass sexualisierte Gewalt alltäglich ist. Mein Eindruck ist, dass solche wichtigen Gespräche kaum stattfinden. Stattdessen kamen unmittelbar nach den ersten Berichten vom Kölner Hauptbahnhof spöttische und abfällige Kommentare – wo der Aufschrei dieses Mal sei, der so unproportioniert aufgeblasen wurde wegen einer kleinen ungeschickten Äußerung eines Politikers, so hieß es. Offenbar haben diese Menschen den #aufschrei von 2013 nicht verstanden.

Merken diese Kritiker des Feminismus nicht, dass es nicht darum geht, nur in Extremfällen zu realisieren, dass geschlechterbezogene Gewalt gegen Frauen existiert und es kein Grabenkampf zwischen den Geschlechtern ist, wenn Frauen bspw. ausdrücken, dass für sie eine persönliche Grenze bei schlüpfrigen Witzen überschritten wird und sie sich dabei unwohl fühlen? Die Vereinten Nationen haben erst im vergangenen Jahr die Kampagne #HeForShe vorgestellt – Männer sollen sich dabei aktiv für Frauen einsetzen und Sexismus nicht tolerieren. Gewaltsame Übergriffe sind kein moslemisches Problem, wie aktuell gern behauptet wird. Es ist nur wenige Jahre her, seitdem die Welt von den brutalen, wiederholten Gruppenvergewaltigungen in Indien empört war. Noch immer werden in vermeintlich streng christlichen Ländern Zentralamerikas Frauen umgebracht, weil sie schlicht keinen Wert haben und in Südafrika statistisch alle 10 Minuten eine Frau vergewaltigt, jeder vierte Mann wurde schon einmal selbst zum Täter – der Anteil der Moslems in Südafrika liegt bei knapp 1%.

Gewalt – ob psychischer oder physischer Natur – gegen Frauen ist ein strukturelles Problem, das man überwinden kann, aber dafür müssen auch die Männer bewusst mit im Boot sitzen. Zu oft habe ich gehört, dass in Deutschland die Diskriminierung bereits vollkommen überwunden sei und man sich über „Lappalien“ nicht aufregen sollte in Relation zu Vergewaltigung und Femizid. Dennoch werden jährlich ca. 8000 Vergewaltigungen in Deutschland angezeigt. Was bringt es außerdem die Taten in Relation zu setzen, wenn sie im Kern schlicht falsch sind. „Weniger schlimm“ ist kein Argument. Genauso wie ein gebrochener Finger wie eine Nichtigkeit wirkt im Vergleich zu einer Querschnittslähmung, ist diese Verletzung dennoch schmerzhaft und hinderlich. So verhält es sich auch mit Alltagssexismus in Form von sexuellen „Witzen“, die unter die Gürtellinie gehen, offensivem Grapschen oder Beleidigungen als „Schlampe“ oder „Bitch“, wenn eine Frau sich sexuell auslebt oder beruflich bestimmt handelt. Vielleicht ist es auch nur die Bezeichnung „Feminismus“, die abschreckt. Ich fragte, ob mein Vater sich als Feminist fühlt. Für mich ist er einer – er hat meine Mutter und mich stets unterstützt, mir hat er erzählt, ich könne alles erreichen, müsse mich meiner Meinung nicht schämen und mir den Lebensweg aussuchen, der mir gefällt, ohne mich in traditionelle Rollen zu drängen. Auf meine Frage hin schaute er mich nur verdutzt an und wusste nicht, was er darauf sagen soll – als sei es ein peinliches, offenes Geheimnis, das aber pro forma weiterhin gehütet werden muss.

In meinem Umfeld fragte ich auch rum – warum ist es für so viele Männer offenbar so schwer, sich offen gegen Sexismus einzusetzen? Ich hörte unterschiedliche Erklärungsversuche – man könnte sich Sexismus eh nicht vorstellen, weil man als Mann nicht auf diese Art und Weise betroffen sein kann, man bevorzuge es aus Schuldgefühlen zu schweigen, weil man sich selbst mal im alkoholisierten Zustand respektlos verhalten hat oder weil man insgeheim die traditionelle Rollenverteilung bevorzugt, in der die Frau fürsorglich hinter dem Mann steht anstatt neben ihm mitzulaufen. Alternativ erkennt man gelegentliches Grapschen nicht als Sexismus an und betrachtet sexuelle Sprüche als missglückte Flirtversuche. Oder es ist ihm schlicht egal. Ja, es ist richtig, dass platte Bemerkungen oder die Überschreitung der physischen Grenze normal sind (das weiß jeder, der als Teenager eine Diskothek besucht hat), aber das darf kein Grund für Passivität sein.

Es geht bei dem Thema nicht um absolute Verdammnis – Männer sind nicht nur chauvinistische Machos oder Feministen bzw. Täter oder Beschützer. Fehler kann – und muss – man Verzeihen, Missverständnisse kann man klären. Gerade die deutsche Gesellschaft lebt von dem Glauben an soziale Rehabilitation und Lernprozessen. ­­­Außerdem glaube ich sehr wohl, dass Männer viele Probleme nachvollziehen können – Erwartungen an ein „männliches“ Auftreten, Angst vor Gewalt oder sie wurden selbst zum Opfer – jedes Vierte Opfer häuslicher Gewalt ist ein Mann. Aber ich weiß bereits jetzt was in einigen Wochen passieren wird: niemand wird mehr über Sexismus reden, weil es inzwischen genug Frauen gibt, die glauben, dass weil ihnen selbst nichts Schlechtes wiederfahren ist, es für alle Frauen gilt und weil Männer wieder den Bezug zum Thema verlieren werden, weil ihrem Wissensstand nach keine Frau aus ihrem direkten Umfeld betroffen war. Wenn wir jetzt nicht anfangen miteinander über bestehende Probleme zu reden, heißt es in einigen Wochen: „Stell dich doch nicht so an, das war als Kompliment gemeint“, „Frauen wollen doch nur Bevorzugung im Job“ oder „Diese Gleichmacher-Feministinnen wollen, dass Frauen Männer dominieren“. Dann sind wir keinen Schritt weiter und die ganzen Neufeministen begegnem dem Thema Sexismus wie bisher: mit Gleichgültigkeit.