Hört auf mir zu sagen was meine Heimat ist!

Viniclus Serafim (CC BY-NC-ND 2.0)

In vier Wochen fliege ich nach Bulgarien und unterhielt mich mit einer Freundin über die bevorstehende Reise. Ich meinte „ich fliege in die Heimat“, sie meinte „du fliegst in den Urlaub, du bist doch Deutsche.“ Solche Sätze habe ich bereits oft gehört und sie sind für mich sehr geladen, ähnlich wie „du sprichst aber gut Deutsch“ (klar, ich bin ja auch seit 1992 in Deutschland). Das ist zwar meistens nett gemeint, stört mich aber aus diversen Gründen.

Ich entscheide was meine Heimat ist

Wenn man mich fragt, woher ich komme, dann entgegne ich meistens etwas von einer gespaltenen Identität, weil ich mich nicht gerne auf eine Nationalität festlege – ich bin deutsch, bulgarisch, europäisch. Häufig sagt man mir „ach, du bist doch Deutsche, bist ja hier aufgewachsen“ und mir ist bewusst, dass man das als Kompliment meint, im Sinne von „du bist gut integriert“. Dankeschön. Bin ich. Zugleich führen solche Aussagen aber auch dazu, dass mein Heimatgefühl fremdbestimmt wird und zum anderen, dass es eine leise negative Konnotation zu allem „Ausländischen“ mitschwingt.

Natürlich, es gibt Menschen mit Migrationshintergrund, die Deutschland als ihre alleinige Heimat empfinden und das ist auch in Ordnung, aber dieses Gefühl trifft mit Sicherheit nicht auf alle zu. Für mich ist es so: ich sehe mich als Deutsche, weiß jedoch dass ich bulgarisch geprägt bin durch meine Familie, meine Sprachkenntnisse, meine kulinarischen Vorlieben und die Migrationserfahrung. Wenn ich Deutschland als einzige Heimat betrachten würde, hieße es für mich, dass ich durch die Assimilation all diese Punkte, die meine Identität geformt haben, zurücklasse. Das kann und will ich allerdings nicht.

Assimilation im Falle von Migration ist eine utopische Forderung – sie geht davon voraus, dass Menschen, die einwandern, dazu fähig sind, Erfahrungen und Erinnerungen komplett loszulassen, um sich vollständig an eine neue Gesellschaft anzupassen. Diese Idee kann allerdings nicht funktionieren, wenn man noch einen realen Bezug zum Herkunftsland hat, sei es die Familie oder eben Erinnerungen. Außerdem kann genau diese Erwartungshaltung frustrieren, da die Prämisse Deutschland als einziges Heimatland zu betrachten, in der Folge heißt, dass man auch nur dann ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft sein kann, wenn man einen Teil von sich verbirgt. Dass manche sich dann viel stärker in Ghettos und Subkulturen verstecken, ist leider die Konsequenz davon.

Außer wenn es um einen westeuropäischen oder nordamerikanischen Migrationshintergrund geht, heißen Sätze im halb scherzhaften, halb ernsten Tonfall wie „du bist doch Deutsche“ zwischen den Zeilen „zum Glück bist du deutsch, deswegen bist du ein Teil von uns“. Über die allermeisten Länder und Kulturen gibt es genug negative Klischees, dass man darauf festgenagelt werden kann, wenn man sich nicht zum Deutschsein bekennt – dabei ist es egal, ob man von „den Osteuropäern“, „den Afrikanern“ oder „den Arabern“ spricht.

Man kann mehr als nur eine Heimat haben

Es ist für viele wahrscheinlich schwer nachvollziehbar, aber es ist tatsächlich möglich sich an mehr als einem Ort zu Haus zu fühlen. Auch wenn man jedoch ein neues Leben aufgebaut hat, das deutsche Schulsystem durchläuft oder einem Beruf nachgeht und sich im Umfeld wohl fühlt, vergisst man ja nicht was man im anderen Land mag. Meiner Meinung nach sollte man Menschen diesen Freiraum geben, selbst zu entscheiden, wie sie sich in welchen Facetten womit identifizieren. Manche haben eine sehr starke nationale Identität und Bindung, andere wiederum nicht. Es ist keine Bedrohung für die vielbeschworene „abendländische Tradition“, wenn jemand sich als Deutscher UND etwas anderes fühlt.

Was mich wirklich wurmt ist aber tatsächlich, dass aktuell das Leitmotiv der „Heimat“ von Parteien und zum Teil auch Medien wieder so stark aufgegriffen wird ohne dabei wirklich in den Dialog mit denjenigen zu treten, die sich wirklich damit auseinandersetzen müssen. Und ja, das müssen alle, die Interesse daran haben, ein gutes Leben zu führen – das geht nämlich nur als Teil der Gesellschaft. Mittendrin statt nur dabei quasi. Der Diskurs wird stattdessen von Politikern bestimmt, die sich selbst nie entscheiden mussten, wie sie sich identifizieren. Höchstens wird von Islamverbänden einmal wieder erwartet, dass sie sich vom Terrorismus distanzieren und das war’s. Eigentlich waren wir in Deutschland mal über diesen Punkt hinweg, in dem Assimilation wieder eine realistische politische und gesellschaftliche Forderung war.

Tatsache ist, dass in Deutschland noch nie so viele Menschen mit Migrationshintergrund gelebt haben wie heute – jeder Fünfte hat inzwischen einen (das schließt auch Menschen ein, die hier geboren sind und deren Großeltern hier eingewandert sind). Dennoch kommt es mir manchmal so vor, als gäbe es nur eine diffuse Vorstellung von „den Ausländern“, zusätzlich sehen zunehmend mehr Menschen den „Multi-Kulti“-Ansatz als gescheitert. Dass die Vorstellung fehlerhaft war, dass unterschiedliche Kulturen automatisch nebeneinander existieren können, wurde oft genug deutlich, aber darüber zu meckern oder neue Konzepte unbedacht aufzustülpen, ist weder lösungsorientiert, noch realitätsnah.

Ich habe es satt, dass noch immer ein düsteres Bild vom räuberischen, sozialschmarotzenden, unkultivierten Migranten gibt und diejenigen, die gut integriert sind, nicht als Beispiele dafür gesehen werden, dass es klappen kann, sich sowohl in Deutschland zu Haus zu fühlen und die Werte anzunehmen, aber zugleich zu seinen Wurzeln zu stehen. Es kann einfach nicht sein, dass heutzutage noch immer prominente Persönlichkeiten mit Migrationshintergrund wie z.B. SPD-Politikerin Yasmin Fahimi oder Dunja Hayali, die hier geboren und aufgewachsen sind, auf Facebook mit Beleidigungen bombardiert werden, dass sie sich in „ihren“ Kulturkreis verpissen sollen.

Heimat ist inzwischen nicht mehr exklusiv, das weiß jeder, der längere Zeit im Ausland gelebt hat oder Freunde hat, die sich nicht nur deutsch fühlen. Lasst den Menschen die Wahlmöglichkeit zu entscheiden und zu erklären wie sie sich in dieser Gesellschaft sehen, ohne ihnen die Pistole auf die Brust zu legen, damit sie sich für eine Heimat entscheiden.

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