Sind Frauen wirklich unpolitischer als Männer?

Jan Strohdiek (CC BY-NC-ND 2.0)

Frauen interessieren sich weniger für Politik und haben weniger Wissen darüber – so das Ergebnis einer internationalen Studie des britischen Economic and Social Research Council (ESRC) aus dem Jahr 2013. In 10 Ländern aus verschiedenen Regionen der Welt (insgesamt 10.000 Teilnehmer) wurden Vergleichsstudien zwischen Männern und Frauen zur politischen Bildung durchgeführt mit dem Ergebnis, dass überall die Frauen schlechter abschnitten – kurioserweise waren die Unterschiede in westlichen Ländern, die Frauen aktiv unterstützen wie Norwegen, Großbritannien und Kanada besonders groß. Dort wussten die befragten Frauen knapp 30% weniger als die Männer.

Dies brachte mich zum Nachdenken – interessieren sich Frauen wirklich weniger für Politik? Und wenn ja – kann man diesem Trend entgegenwirken? Dass Frauen Politik verstehen ist wichtig. Das sage ich nicht aus einer quotenpolitischen Überlegung, noch mit dem Ziel eine Grundsatzdiskussion loszutreten darüber was weiblich, männlich, deterministisch, konstruktivistisch oder sonstig auf Menschen wirkt, das ist nicht mein Punkt. Vielmehr geht es mir darum, dass ich als politisch interessierter Mensch glaube, dass alle Bürger ein ähnliches Maß an politischem Verständnis haben sollten, denn Politik durchdringt alle Lebensbereich, egal wer man ist. Politik bildet die Rahmenbedingungen dafür, wie unsere Gehälter sind, wie und wie viel wir arbeiten, ob der Zugang zu medizinischer Versorgung gesichert ist, wie und was wir konsumieren, ob es Kinderbetreuung gibt, wie Chancengleichheit in der Bildung erreicht werden kann, etc. Die Liste könnte man ewig fortführen. Als mündiger Bürger mit eigener Meinung macht es also Sinn zu wissen, was einen selbst betrifft.

Klassische Politik ist unsexy

Zugegeben – Politik ist im Allgemeinen kein Thema, mit dem man den Hund hinter dem Ofen hervorlockt. Man muss sich relativ viel Wissen aneignen, um Zusammenhänge zu verstehen, im Grunde ständig auf dem Laufenden bleiben und sich für die Nachrichten interessieren. Die Themen sind meistens ernst – oft geht es um Armut, Krieg, Korruption. Das sind keine Inhalte, über die man sich freut. Ich kann es nachvollziehen, wenn Menschen sich dafür entscheiden sich anderen (positiveren) Interessen und Hobbys zu widmen. Dennoch: woher diese Diskrepanz zwischen den Geschlechtern?

In Folge der Veröffentlichung der Studie gab es mehrere Erklärungsansätze: Frauen seien zu schlecht in der Politik repräsentiert und das würde sie davon abhalten, sich dafür zu interessieren. Das stimmt so aber nicht ganz. In Norwegen beispielsweise wurde die Studie während des Parlamentswahlkampfes durchgeführt – von den elf Parteien hatten fünf eine Spitzenkandidatin, knapp 40% der Abgeordneten sind Frauen. Dennoch sind in dem skandinavischen Land Frauen merklich weniger politisch bewandert als ihre männlichen Landsleute. Das ESRC fügt allerdings hinzu: wenn man mediale Debatten verfolgt, gibt es einen starken Hang dazu, Männer als Experten zu Politik zu befragen. Frauen hingegen werden auch im politischen Kontext als weicher und sensibler dargestellt (jeder, der sich mit Margaret Thatcher oder Marine Le Pen befasst hat, weiß, dass dies nicht stimmt) oder eher zu Lifestyle-Themen befragt.

Meine Einschätzung – und sie resultiert aus Beobachtungen, die ich in den vergangenen Jahren gesammelt habe – ist, dass vor allem in der Parteipolitik, die einen wesentlichen Teil ausmacht, die Kommunikationsstrukturen unattraktiv und weniger durchlässig sind für Frauen. Oft sind die Prozesse steif, man muss mit Ellenbogen darum kämpfen gehört zu werden. Die Diskussionen sind bissig und kompetitiv, man wird schnell verbales Angriffsziel. Ich kann zwar nur für mich sprechen, aber ich habe lange gebraucht, um das politische streiten zu lernen und zu realisieren, dass Respekt und gravierende Meinungsunterschiede dennoch einhergehen können. Dies führt offenbar dazu, dass politisch interessierte Frauen sich eher im Nonprofit-Bereich bewegen. Etwa drei Viertel der Beschäftigten in NGOs, Stiftungen und anderen Nonprofit-Institutionen sind weiblich, sie behandeln ebenfalls politische – oft sozialpolitische – Themen mit einem gemeinnützigen Zweck. Der Fokus verlagert sich folglich von den „hard facts“ der Innen- und Außenpolitik zu Nischenthemen und Teilinteressen.

Infografik

Beeinflussen die Lebensumstände das Politikinteresse?

Interessanterweise holen die Frauen bei den Wissenslücken mit dem Alter auf – besonders ab dem 40. Lebensjahr zeigt sich eine deutliche Steigerung des Interesses an Politik. Während viele Befragte in jüngeren Jahren tendenziell seltener Nachrichten lesen/schauen, ändert sich dies ebenfalls mit dem Alter. Eine Erklärung dafür ist, dass in diesem Lebensabschnitt die Mütter in der Statistik wieder mehr Zeit haben, da die Kinder aus dem Gröbsten raus sind. Ferner ist es möglich, dass tatsächlich die Umstände das Politikinteresse bestimmen. In den Ländern wie Kolumbien und Griechenland sind mehr Frauen politikinteressiert, was damit zusammenhängen könnte, dass auf Grund der schwierigeren sozialen und wirtschaftlichen Lage, eine Kenntnis über die das politische System, Korruption und die Gesellschaft notwendig ist, um ein gutes Leben zu führen. Auch in sozial stabileren Ländern müssen sich vor allem Mütter mit dem Alter mehrere Fragen stellen, die politisch geladen sind – arbeite ich? Wenn ja, wie viel? Reicht meine Rente, wenn ich Hausfrau werde? Wie kann ich Kind und Karriereambitionen unter einen Hut bringen?

Was ist außerdem mit der Erziehung? Die Unterschiede zwischen den politisch und wirtschaftlich stabilen und labilen Ländern machen meiner Meinung nach auch einen großen Unterschied aus. Ich saß als Kind oft selbst mit den Erwachsenen am Tisch, als sie sich über die politischen Umbrüche unterhalten haben. Dies hat mir einen selbstverständlichen Zugang zu politischen Themen gelegt. Im Vergleich zu Norwegen und Großbritannien gibt es in Kolumbien und Griechenland größere Herausforderungen – darüber regt man sich zu Haus auf, das bekommen die Kinder mit. Wir Politik vielleicht noch immer als „typisch männliches“ Spiel wahrgenommen, in dem es nur um Macht geht?

Und wie sieht es in Deutschland aus?

Die britische Studie hat keine Erhebung in Deutschland gemacht, allerdings habe ich eine ältere Publikation des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2002 gefunden, welche die Tendenzen bestätigt. Männer interessieren sich mehr für Politik. In der Altersgruppe von 18-29 gaben knapp 40% der Frauen an sich wenig oder überhaupt nicht für politische Inhalte zu interessieren, während dies nur bei 22% der Männer der Fall war. Bei beiden Geschlechtern nimmt das Interesse allerdings mit dem Alter zu.

Ebenfalls sind Frauen weniger bereit, ein politisches Amt zu übernehmen – die Diskrepanz ist wieder besonders groß bei jungen Menschen. Nur 17% der Frauen haben Interesse an einem Mandat, bei den Männern sind es mehr als doppelt so viele (38%). Dieser Unterschied schmilzt zwar mit der Zeit, was aber mit der sinkenden Motivation der Männer zusammenhängt. Dabei deuten die Herausgeber der Studie, dass tatsächlich das Label „politisch“ abschreckt. Mädchen und junge Frauen sind nämlich bereit, Ämter zu übernehmen, die de facto „politische“ Strukturen haben, aber nicht als solche wahrgenommen werden, bspw. in Schulen. Mädchen sind häufiger in Sprecherämtern, mehr Jungen bringen sich überhaupt nicht ein. Wenn das Interesse an „harter Politik“ und somit die Erfahrung sich tatsächlich später entwickeln, erklärt dies, warum im Bundestag nur ca. ein Drittel der Abgeordeneten Frauen sind.

Ein anderes Politikverständnis

Ich muss zugeben, dass ich über Realpolitik häufiger mit Männern diskutiere als mit Frauen, aber bei Frauen beobachte, dass sie für NGOs oder andere sozialpolitische Initiativen leichter zu begeistern sind. Die Frage ist nun, was man als politisch betrachtet und ob klassische Politik schlicht zu negativ konnotiert ist. Ich persönlich nehme die ganze Bandbreite der Meinungsbildung und Aktivitäten als politisch war – es gibt schließlich ein Ziel, das sich auf das Gemeinwesen bezieht, es gibt Instrumente und man braucht Mitstreiter. Die Strukturen sind an sich ähnlich. Partei- und vor allem Bundespolitik muss wieder ein Stück weit entzaubert werden. Davon hätten alle Bürger etwas. Wenn man realisiert, dass auch Politiker nur Menschen sind, die Fehler machen und Emotionen haben, motiviert es vielleicht die eine oder den anderen sich mehr dafür zu interessieren, wie darüber entschieden wird, wie wir leben.

Was glaubt ihr? Gibt es einen Unterschied zwischen dem Politikinteresse und wenn ja, warum und wie geht man damit um? Einfach hinnehmen oder doch motivieren?