Die politische Frau

Kein Recht, kein Stück Freiheit waren für Frauen selbstverständlich. Vor 99 Jahren erhielten Frauen das Wahlrecht in Deutschland und dies markierte den Beginn verstärkter politischer Aktivität. Im vergangenen Jahrhundert wurden viele Meilensteine erzielt in Bezug auf die Arbeitsmöglichkeiten, Ausbildung und Gesundheitsversorgung von Frauen – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Beispielsweise ist die Müttersterblichkeit in Industrienationen von Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute von 300 auf 8-12 Fälle pro 100.000 Geburten gesunken, Frauen bekleiden mächtige politische Ämter in Politik und Wirtschaft und sind so gut ausgebildet wie noch nie. Nichtsdestotrotz ist die Politik bis heute nicht das leichteste Terrain für Frauen.

Weniger Ämter – weniger Interesse?

Im vergangenen Jahr schrieb ich einen ausführlichen Artikel darüber, wie das politische Interesse und die Aktivitäten von Frauen sich von den männlichen Verhaltensmustern unterscheiden. Frauen bilden im Durchschnitt später ein starkes politisches Interesse als Männer aus und weniger Frauen sind an Politik interessiert. Ort und Kultur spielen für dieses Verhalten allerdings eine Rolle – Ruanda und Bolivien haben überdurchschnittlich hohe Anteile von weiblichen Parlamentsabgeordneten (über 60%, bzw. über 50%), während Deutschland lediglich 37% der Bundestagsabgeordneten weiblich sind. Selbstverständlich spielt in Ruanda der Völkermord 1994 eine Rolle, in Bolivien sind hingegen viele Frauen direkt von Diskriminierung betroffen, was sie zur politischen Aktivität motiviert.

Die konservative Kultur in Deutschland, die arbeitende Frauen bis in die 1990-er als Rabenmütter brandmarkte und folglich weibliche Ambition erst spät belohnte, trägt sicherlich einen Teil zu dieser Entwicklung bei. Der Frauenanteil im Bundestag erlaubt jedoch keine direkten und vollständigen Rückschlüsse auf das politische Engagement. Wenn man sich den Non-Profit-Sektor anschaut, wird deutlich, dass Frauen durchaus politisch sind, aber auf anderer Ebene. Nahezu 80% der Beschäftigten bei NGOs sind weiblich – viele Organisationen verfolgen zivilgesellschaftliche und politische Ziele in den Bereichen Menschenrechte, Umwelt oder Entwicklungszusammenarbeit.

Sprich richtig!

Was jenseits des intrinsischen Interesses eine relevante Rolle spielt, ist das Spiel zwischen Autorität und Sympathie. Häufig liest man, dass es für Frauen wichtig sei, gemocht zu werden – mehr als für Männer. Das rührt auch daher, dass sie in der öffentlichen Meinung stärker seziert und kritisiert werden. The Economist berichtete im vergangenen Juli über die Forschung des US-amerikanischen Sprachwissenschaftlers Mark Liberman, welcher Herausfand, dass Frauen in der Politik ein herausfordernder Schwebeakt gelingen muss. Tiefere Stimmen werden mit Autorität verbunden, höhere Stimmen hingegen mit Wärme und führen somit zu Sympathie. Frauen mit tiefen Stimmen werden zwar häufiger ernst genommen, jedoch sowohl von Männern, als auch von Frauen weniger gemocht. Schwankungen in der Sprachmelodie werden bei Frauen als unseriöse Emotionalität ausgelegt – Hillary Clinton hatte bei Auftritten vor großem Publikum häufig das Problem, dass ihr diese Schwankungen als Anfälle von Hysterie angekreidet wurden. Auch Margareth Thatcher übte zu Beginn ihrer Amtszeit als Premierministerin tiefer, langsam und mit weniger Schwankung zu reden, um seriöser zu wirken. Männer mit ähnlichen Schwankungen hingegen werden nicht auf dieselbe Art bewertet. Die Tiefe der Stimmlage war auch kein Hindernis für ihre Sympathie.

Bevor man allerdings denkt, dass man es als Frau so oder so falsch macht, sollte man sich den Fall der Ersten Ministerin Schottlands, Nicola Sturgeon, anschauen. Sie schafft es durch ihre Sprachmuster sowohl stark zu wirken – sie unterbricht Redner und andere Politiker häufig, was tendenziell bei Männern beobachtet wird – und dennoch Wärme zu übermitteln. Dies fanden die Wissenschaftlerinnen Deborah Cameron und Sylvia Shaw 2015 heraus. Weiblichkeit scheint in der Tat nicht immer von Vorteil zu sein in der Politik – Großbritanniens Premierministerin Theresa May stach ihre Konkurrentin Andrea Leadsom auch aus, weil Leadsom von den Medien thematisch stark in ihrer Mutterrolle skizziert wurde und häufig darüber sprach, wie wichtig ihre Kinder für ihre politische Karriere seien.

Eine Frage der Wertschätzung

Frauen sind rechtlich zwar gleichgestellt, aber Gleichstellung beinhaltet auch eine große gesellschaftliche Komponente. Es geht dabei nicht um Gleichmacherei zwischen den Geschlechtern oder das Kopieren von männlichen Verhaltensmustern, es geht um Respekt und Wertschätzung für Fähigkeiten, Ambitionen, Charakteren und Kenntnissen – sowohl von Männern, als auch von Frauen. Es gibt für die Lösung des Dilemmas zwischen Autorität und Sympathie zwei Möglichkeiten: Entweder verlagern Frauen bewusst ihre Prioritäten davon gemocht zu werden zu dem Ziel, respektiert zu werden oder langfristig muss die Gesellschaft akzeptieren, dass feminine Rede- und Verhaltensmuster nicht Inkompetenz bedeuten. Letzteres wäre langfristig das logischere.

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