Wie viel Religion verträgt ein Staat?

Wie redet man über den Einfluss und die Grenzen von Religion, wenn man nicht alle Weltreligionen über Jahre studiert hat? In der Regel gar nicht. Aus gutem Grund: Religion gilt als Privatsache, wir leben in einem säkularen Staat, aber viel wichtiger ist, dass wir keine religiösen Gefühle verletzten wollen. Religion ist ein derart intimer Teil des Lebens, das man diesen Bereich nicht berühren möchte. Dennoch wundere ich mich, wie es möglich ist, dass Menschen Raketen ins All schießen, die DNA von Lebewesen modifizieren oder physikalische Elementarteilchen zählen, aber seit über tausend Jahren keinen langfristigen Frieden zwischen und innerhalb von Religionsgemeinschaften schließen können.

Gewalt, Verachtung, Unterdrückung und Liebe

Es ist kurios – alle gläubigen Menschen erklären, ihre Religion stünde für Liebe, Solidarität, Fairness und Gemeinschaft. Ob Christentum, Islam oder Judentum – man findet Trost, Hoffnung, Orientierung und Sinn in den heiligen Schriften. Das ist der schöne Effekt, den Religion auf Menschen haben kann, aber was ist mit Gewaltverbrechen, die die Täter mit ihrem Glauben rechtfertigen? Sind das lediglich vorgeschobene Gründe für tiefere zugrundeliegende Probleme? Sicher – in einigen Beispielen wie dem Jugoslawien-Konflikt brachte die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen den Gemeinschaften das Fass zum Überlaufen. In anderen Fällen ging es um den Erhalt der Identität und der eigenen wohlig-vertrauten Lebenswelt.

Egal, welche Religion – sie wird als Anlass für Homophobie, der Unterdrückung von Frauenrechten und Zerstörung benutzt. Wenn die allermeisten beim Lesen dieser Zeile an den IS, Boko Haram oder möglicherweise die Burka-und-Burkini-Diskussion denken würden, wäre kein Wunder – die Medien und Politiker legen den Finger regelmäßig in diese Wunde. Andere Glaubensrichtungen zeigten sich in der Vergangenheit ebenfalls feindselig: orthodoxe Juden behaupten unter anderem, es sei „gefährlich“, wenn Frauen einen höheren Bildungsweg einschlugen, weil dies nicht mit der Thora vereinbar sei. Darüber hinaus war es eine christliche Miliz in der Zentralafrikanischen Republik, die tausende Moslems gewaltsam vertrieben hat und nahezu alle Moscheen im Land zerstörte, in Uganda ist Homosexualität strafbar, da sie laut Bibel eine Sünde sei und in den USA gab es seit den 1980-ern nahezu 40 Fälle von christlich motivierten gewaltsamen Angriffen und auch Mord von Personal in Abtreibungskliniken. Ebenfalls liegt der Nordirlandkonflikt zwischen Katholiken und Protestanten nur wenige Jahrzehnte zurück. Konflikte, Kriege und Vernichtung zwischen den Glaubensgemeinschaften konnten sowieso nie eingedämmt werden – Lessings Ringparabel zum Trotz.

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flickr.com – Rusty Stewart (CC BY-NC-ND 2.0) – Konflikt in Belfast

Religion wird vielerorts stark durch den Staat geschützt. In Russland wurde nach dem kontroversen Auftritt von Pussy Riot in einer orthodoxen Kirche ein Blasphemiegesetz erlassen, das auf die Beleidigung religiöser Gefühle bis zu drei Jahren Haft vorsieht. Verletzte religiöse Gefühle wurden auch als Grund für die relativ harten Strafen der Interpretinnen aufgeführt. Religion ist nun einmal für viele heilig und persönlich, aber genau diese Emotionalität macht es so verdammt schwierig darüber zu sprechen. Auf andere zeigen, ist immer leicht. Sich mit der eigenen Religion auseinanderzusetzen, zu erkennen, dass nahezu alle Glaubensrichtungen Sexualität zu etwas Schmutzigem und Beschämendem degradieren oder die Idee der frommen Keuschheit der Frau sich bis heute durch die kulturelle Prägung zieht, ist hingegen schwierig.

Religion beeinflusst über Grenzen hinweg

Wie soll man zwischen Glaubensrichtungen einen Diskurs aufführen, wenn eine der Parteien stets sagt, der andere hätte schlicht keine Ahnung und deswegen könne man nicht miteinander reden? Wie tritt man an jemanden heran, der seine Identität auf Religion stützt, aber dabei die humanistischen Prinzipien die Menschenrechte missachtet? Anderen reinreden kann man nicht – warum sollten sie es auch akzeptieren?

Auch wenn sowohl die freie Religionsausübung in Deutschland mit dem säkularen System einhergeht, spielt es sehr wohl eine Rolle, wie die Weltreligionen sich in den unterschiedlichsten Fugen der Welt entwickeln. Genauso wie es für gläubige Christen auf der Welt wesentlich ist, wie der Papst sich bspw. zu Verhütung und Homosexualität äußert, nehmen andere Glaubensrichtungen ebenfalls die Entwicklungen der Subströmungen wahr. US-amerikanische Juden haben mehr als einmal in Protesten ihren Unmut über die orthodoxe Linie der israelischen Regierung geäußert, welche bspw. Aggression gegen Palästina auch mit dem Schutz der jüdischen Religionsgemeinschaft rechtfertigt. Aber sollte ein Staat dabei einschreiten? Einerseits geht es um das Gemeinwohl, um die Ausrichtung der Gesellschaft. Andererseits bleibt es ein höchstprivates Anliegen.

Das Tragische ist, dass wir uns nicht einigen werden. Feindschaften und Skepsis sind mittlerweile über Jahrhunderte tradiert und es gibt bisweilen dazu kein alternatives Modell zum Konflikt. Die selbsternannten Islam-Experten, die süffisant die Überlegenheit des christlichen Wertekanons demonstrieren möchten, sprießen aus dem Boden. Dass das Perpetuieren der intellektuellen Mauern innerhalb und zwischen den Religionsgemeinschaften weder zeitgemäß, noch lösungsorientiert ist, scheint dabei egal – schlussendlich geht es um das Gefühl der moralischen Überlegenheit und dem vermeintlichen Überlebenskampf der eigenen Kultur.

4 Kommentare zu „Wie viel Religion verträgt ein Staat?

  1. Sehr guter Beitrag! Du hast mich echt zum Fan.
    Warum ist die Religion eigentlich so ein schweres Thema? Dasselbe könnte man sicb auch über Politik und alle anderen Themen fragen in welche unterschiedliche Meinungen aufkommen. Ja es stimmt Religion ist eigentlich etwas sehr friedliches und da spielt es keine Rolle auf welche man sich da beruft. Im Grunde fordert jede Gemeinscht, nächsten Liebe, weg vom Haben zum Sein, Vergebung, Vertrauen und so weiter. Alles Werte die wir eigentlich selbstredend in uns tragen sollten und auch leben.

    Doch wie du schon richtig schreibst, nutzen wir unsere Mittel meist nur dazu unsere Fehlverhalten zu rechtfertigen.

    Nicht nur das, wo es Individuen gibt, gibt es Meinungen und diese können zu Konflikten führen. Allerdings nur dann wenn, wir keinen Sinn für Akzeptanz und Toleranz vorweisen können.
    Oftmals können wir nicht akzeptierten, dass eine andere Anschauung nicht bedeuten muss das die eigene falsch ist. Oder das es nicht möglich ist verschiedene Ansichten parallel laufen zu lassen.

    Aber das ist ganz normal, wenn wir bedenken, dass jeder in seiner Realität und Wahrnehmung lebt und wir oftmals vergessen das es auch anders möglich ist. Wir wollen dann andere von unserer Meinung überzeugen, sie dazu verleiten die eigenen Muster anzunehmen.

    Schade, wo doch alles viel einfacher funktionieren würde, wenn wir akzeptieren dass es Vielfalt eben gibt.

    1. Danke, danke! Freut mich sehr, dass dir der Beitrag gefällt.
      Ich sehe es auch so, dass jeder in seiner Umgebung lebt, die ihm auch bei der Identitätsbildung hilft, aber wie kann man mehr Reflexionsvermögen lernen? Durch direkten Kontakt mit anderen? Es wird in einer zunehmend verwobenen Welt eine der großen Herausforderungen sein, diese frontalen Grenzen aufzuweichen, auch wenn ich selbst nicht weiß, wie man das am besten umsetzen kann.

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