Destruktive Kritik unter Frauen – was der Fall Jenna Behrends zeigt

Jenna Behrends brachte mich zum Nachdenken. Mit ihrem Blogeintrag auf Edition F über Sexismus in der CDU Berlin erhielt sie von Null auf 100 bundesweite Aufmerksamkeit. Mehrere Punkte an ihrem Text, der Folgedebatte und anderer Positionen von ihr haben mich bewegt – nicht unbedingt auf die gute Art. Ihre Offenbarung über Sexismus in Parteien hat mich hingegen nicht geschockt, nicht einmal überrascht. Wer sich im politiknahen Umfeld bewegt, kennt die paternalistischen Sprüche und sieht, wie die Kombination aus Macht und Überlegenheitsgefühl Menschen – nicht nur Männer! – verändert. Was mich wirklich zum Nachdenken brachte, ist zum einen wie fest unsere Stereotype festsitzen und zum anderen wie sie andere Frauen entwaffnet, indem sie die Stutenbissigkeit und die mangelnde Unterstützung von anderen Damen in der Partei beschrieben hat. Kann man eine Frau – in diesem Fall Jenna Behrends – überhaupt kritisieren, ohne als rückständige Anti-Feministin, unsolidarisch, neidisch oder zickig betrachtet zu werden? Und was sagt uns das über Frauen in der Gesellschaft?

Auf einem #Spaziergang durch #Berlinmitte #eis #vanille #rhabarber #igersberlin #redhead

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  1. Weibliche Betroffenheit generiert Aufmerksamkeit

Warum muss es eigentlich erst so weit kommen, dass eine junge Frau öffentlich Sexismus und prominente Politiker anprangert, damit das Thema auf einen halbwegs ernsten Resonanzraum trifft? Mögen wir als Publikum leidende Frauen in der Öffentlichkeit so sehr? Brauchen wir solche Figuren, die als Spiegel fungieren, damit wir uns selbst reflektieren und erkennen?

Sowohl das Scheitern, als auch Geschichten der Frustration wirken interessant. Aus diesem Grund waren die Medien auch von der Trennung von Angelina Jolie und Brad Pitt gefüllt, während zur selben Zeit Dinge passierten, die im Gegensatz dazu wirklich relevant sind.
Zusätzlich können wir Frauen so herrlich in Extreme kategorisieren: die Frau als zarte Gestalt, liebevoll, fürsorglich, nicht ernst genommen, sexualisiert – ein Mensch, mit dem man sich solidarisiert, da sie zum Opfer wurde. Es geht auch in das andere Extrem: die Frau als Sünderin, Verführerin, Nutznießerin, manipulativ, intrigant, süchtig nach Aufmerksamkeit, sie plante einen perfiden PR-Stunt – ein Mensch, dem man liebend gerne die Schuld zuschiebt.

Über Behrends hat man sich auf beide Weisen eindrücklich geäußert – in der CDU, auf Twitter, unter Freunden. Bisher habe ich tatsächliche keine sachliche Abhandlung mit Sexismus in politischen Institutionen gelesen – primär drehte es sich um die Protagonisten: Behrend, Henkel, Tauber, Cegla. Jenseits der persönlichen Befindlichkeiten ebendieser Personen, bestand das meiste Feedback aus einer Sammlung hässlicher Tweets oder der Kernaussage „Sexismus ist ein strukturelles gesamtgesellschaftliches Problem und besteht auch in anderen Parteien.“ Punkt. Durch diese Polemisierung und boulevardeske Inszenierung, wird wahrscheinlich auch diese Debatte verpuffen wie #Aufschrei vor drei Jahren.

  1. Inhaltliche Debatten sind – wie so oft – zweitrangig

Was wäre, wenn ich Jenna Behrends wirklich kritisieren wollen würde? Könnte ich das, ohne selbst als Zippe abgestempelt zu werden? Was ich nämlich jenseits der Sexismus-Debatte inhaltlich diskussions- und kritikwürdig finde, ist Behrends Beitrag im Tagesspiegel, den sie eine Woche vor dem Edition-F-Blogbeitrag veröffentlich hatte. Die 26-Jährige hatte über konservative Werte in der CDU geschrieben. Ich fand den Artikel argumentativ schwach. Darin schrieb die Autorin: „konservativ zu sein heißt für mich als erstes zuzuhören und Ängste ernstzunehmen“, konservative Politik steht für mich in erster Linie für die Wahrung der Werte unseres Grundgesetzes“, „konservativ sein heißt auch Fehler machen zu dürfen, wenn anschließend daraus gelernt wird“ und „konservativ sein heißt das Grundgesetz und Europa im Herzen zu tragen“ – das sind für mich bedeutungslose Sätze, die genauso auf Grüne, Linke und Sozialdemokraten angewandt werden können. Sie lehnt Ideologie als Werteunterbau von Parteien ab – als Politologin würde ich mich liebend gerne mit ihre darüber streiten. Das wirklich Ärgerliche für mich ist, dass man mit Jenna Behrend in Zukunft wohl kaum noch über inhaltliche Aussagen diskutieren wird, sie wird ab jetzt jahrelang auf diese Sexismus-Geschichte festgenagelt und wird sich davon nicht lösen können. Es geht um die Person, hochstilisiert als Nestbeschmutzerin. Ihre Ideen werden zumindest in der Politik irrelevant sein, man wird sie boykottieren.

  1. Frauen haben eine schlechte Streitkultur

Stichwort Streit. Wieso können wir Frauen eigentlich so schlecht miteinander streiten und konstruktive Kritik voneinander annehmen? Wird man eigentlich in ein passiv aggressives Verhaltensmuster reinsozialisiert?

Ich kenne es von mir selbst: zu meinen Kumpels sage ich schnörkellos, wenn sie etwas Dummes getan haben, meine Freundinnen packe ich in Watte, damit ich sie nicht verletze, ich bin empathischer – und sie tun dasselbe auch bei mir. Das heißt aber auch, dass man Konflikte untereinander nicht richtig auslebt und viel runterschluckt. Das funktioniert in langanhaltenden Freundschaften, in denen Lappalien oft unwichtig sind, aber es ist destruktiv im Job. Damit will ich gar nicht sagen, dass man sich wie ein herrisches, rücksichtsloses, vorwurfsvolles Arschloch verhalten soll – das ist weder bei Männern, noch bei Frauen leicht zu ertragen. Ich will damit sagen, dass wir uns früher – bereits in der Jugend – klarmachen sollten, dass nicht jede Meinungsverschiedenheit ein Vertrauensbruch ist und man keine giftige Schlange ist, wenn man das Produkt der Kollegin schlicht und ergreifend schlecht findet. Genauso ist es aber wichtig, seinen Stolz danach runteruschlucken und füreinander einzustehen, anstatt die Ellenbogen auszufahren.

Fast gelangweilt vom mangelnden Fortschritt

Ich wünschte, ich würde etwas Neues sehen, etwas Unerwartetes in dieser Sexismus-Debatte und nicht das übliche: Tweets von Leuten, die im Kern sagen „Mimimi, stell dich nicht an, in Deutschland haben Frauen es gut“ oder irgendwas, das zwischen Slut Shaming, Victim Blaming und Bedrohungen rangiert. Auf der anderen Seite der Unterstützer wäre es erfrischend, wenn die aktuelle Protagonistin mehr als eine temporäre Erhebung zur unberührbaren Feminismus-Ikone erleben würde, bei der jede Form von Kritik als unsachlich diffamiert wird.

Was gerade wieder passiert, ist ein kurzzeitiger Fokus auf eine Person. Man könnte stattdessen fragen, ob trotz eines guten Zustandes es nicht mehr nötig ist, sich für Verbesserung einzusetzen. Man könnte sich auch wundern, warum man in Großparteien auch in urbanen, liberalen Regionen davon auszugehen scheint, dass politisch erfolgreiche Frauen sich hochschlafen oder aufgrund ihres Geschlechts nicht für die Politik geeignet seien. Man könnte auch untersuchen, ob Männer Sexismus in Parteien erfahren und wie Macht Frauen verändert. Die CDU bietet einige Beispiele dafür. Und überhaupt – kann Frank Henkel von Victim Blaming selbst betroffen sein? Aber nein. So weit sind wir noch nicht. Jenna Behrends wird deshalb wie jede Frau vor ihr, die über Sexismus gesprochen hat, medial und gesellschaftlich seziert werden.