Mädels, haltet die Beine geschlossen!

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Letztes Wochenende schlug der YouTube-Algorithmus zu: nachdem ich einige Erklärbär-Videos über Volkswirtschaft auf den Kanälen „The School of Life“ und „Crash Course“ (sehr empfehlenswert!) geschaut habe, tauchte in der Spalte mit den Empfehlungen ein animiertes Video mit dem Namen „The Economics of Sex“ auf. Pikant und doch mit vermeintlich wissenschaftlichem Hintergrund, dachte ich. Tatsächlich beschäftigte mich die 10-minütige Animation, denn die Kernthese war, dass Frauen ihr „Lebensziel“ – einen festen Partner finden – eher erreichen, wenn sie sexuell keusch bleiben.

Das Aspen Institute, welches das Video produzierte, erklärt darin, dass Frauen einst die Gatekeeper zu exklusiven Beziehungen waren, indem sie das begehrte Gut, was Männer unbedingt haben wollten, unter Verschluss hielten bis nicht eine ernsthafte Beziehung entstehen konnte. Das begehrte Gut war Sex, was aufgrund der hohen Nachfrage, aber geringen Angebots besonders wertvoll war. Nun leben wir allerdings nicht im puritanischen Mittleren Westen der USA der 1950-er und haben die Pille, Tinder und eine lockere Moral, die Sexualität als menschlich und spaßig betrachtet. Das hat – möchte man der Logik des Videos folgen – große Konsequenzen für die Frauen: sie haben die Deutungshoheit über Sex und Beziehungen verloren und erreichen ihr Lebensziel nun schwieriger. Die Männer sind nämlich diejenigen, die nun aufgrund des vielen verfügbaren Sex darüber bestimmen, wann man eine langfristige Bindung eingeht – Frauen können Männer offenbar nur mit Sex und Katz-und-Maus-Spielchen „locken“. Deshalb steigt vermeintlich das durchschnittliche Alter der ersten Eheschließung. Somit ist heutzutage nicht Sex das knappe und somit wertvolle Gut, sondern die feste Beziehung bei mit dem Alter steigender Nachfrage seitens der Frauen. Seht selbst:

Mich hat dieses Video insofern beschäftigt, weil ich diese Argumentation häufig gelesen habe, sei es auf Maskulisten-Seiten oder als Position konservativer Politiker in den USA und Europa. Die Familienpolitik der CSU und AfD unterscheidet sich von diesem Ansatz nicht und mit Positionen, denen man widerspricht, gilt es sich auseinanderzusetzen. Tatsächlich erkannte ich jedoch einige Muster wieder – Männer, die das Interesse an einer Frau verlieren, wenn es „zu früh“ zum Sex kam, Frauen, die mit Anfang 30 nach einem festen Partner suchen, aber langfristige Schwierigkeiten mit Dating haben. Kurzum: hat die sexuelle Befreiung im Rahmen des Feminismus dazu geführt, dass Frauen sich neue Probleme geschaffen haben und wieder aufgrund ihres Geschlechts gesellschaftlich und sozial unterlegen sind? Eine düstere Interpretation wäre, dass man als Frau immer den Kürzeren gezogen hat – vor dem Feminismus musste man seine Sexualität unterdrücken, um nicht stigmatisiert oder schwanger zu werden, nach der sexuellen Befreiung kann man keine Beziehung finden, weil man „leicht verfügbar“ sei. Feministinnen waren ins Feld gezogen, weil das Lebens als Frau beschränkt war und sie Respekt erkämpfen wollten und nun sollen sie für die Zufriedenheit der Frauen ein Grab geschaufelt haben?

Aber so ganz überzeugte mich die Aussage des Instituts nicht. Wenn man schon wirtschaftlich in emotionalen Angelegenheiten argumentieren möchte, könnte man ebenfalls dafür plädieren, dass durch das hohe Angebot, die möglichst besten Partner zueinander finden, die aufgrund echten Interesses und nicht wegen Kosten-Nutzen-Abschätzungen und Schwangerschaft zusammenbleiben. Angebot schafft die Freiheit, sich den Partner zu suchen, mit dem man eine erfüllte Beziehung führen kann und – evolutionär betrachtet – mit dem man die höchste Wahrscheinlichkeit aufweist, gesunde Nachkommen in die Welt zu setzen. Dass Menschen allerdings schwer mit Freiheit umgehen können, hat wenig mit Wirtschaftslogik zu tun, sondern mit der modernen Gesellschaft, in der man zwar von Optionen überschwemmt ist, aber nicht lernt, wie man verantwortungsbewusste Entscheidungen entsprechend seiner eigenen Bedürfnisse trifft.

Ich frage mich außerdem, ob diese vereinfachte Erklärung Frauen und Männern wirklich gerecht wird. Finden Männer Frauen auch im Jahr 2017 nur im Falle der Exklusivität der weiblichen Genitalien interessant? Wie sieht es mit dem Kinderwunsch aus? Sexuelles Überangebot führt nicht zu Fortpflanzung – sollten der evolutionären Logik nach Männer nicht ebenfalls den Drang haben sich aktiv zu vermehren und nicht nur kurz „ihren Samen zu verstreuen“ (ohne dass er fruchtet)? Wie viele Männer haben überhaupt einen realen Kinderwunsch? Wie viele Männer bevorzugen ein langfristiges Junggesellenleben vor einer stabilen Beziehung? Die absoluten Zahlen der Eheschließungen in Deutschland steigen in den vergangenen Jahren wieder – offenbar funktionieren Beziehungen nämlich auch mit dem modernen Gesellschaftsmodell.

Wie sieht es mit modernen Frauen aus? Wieso wird sie immer noch so portraitiert, als wäre sie bereits in ihren 20-ern todunglücklich bis sie den „Mann ihres Lebens“ findet? Ich muss zugeben, dass ich diesen Drang nach fester Bindung bereits in meinem Umfeld beobachten kann, was aber meines Erachtens auch daran liegt, dass es kein weibliches Pendant zum zufriedenen Junggesellen gibt. Die Frau, die mit 40 eine gute Karriere hat, gilt als alte Jungfer, während ihr männlicher Altersgenosse positiver konnotiert wird – zumindest im westlichen Kulturkreis. In osteuropäischen Ländern ist das Fehlen eines Partners ab einem bestimmten Alter auch bei Männern gesellschaftlich sanktioniert.

Dennoch wirkt es so, als würden Frauen Beziehungen alles unterordnen – ihren beruflichen Erfolg, ihre Selbstverwirklichung, ihre Freiheit. Zum Teil stimmt dies auch – im Durchschnitt ist Frauen ist Work-Life-Balance wichtiger als Männern, um mehr Zeit für ihr Privatleben zu haben, aber ein partnerloses Leben ist nicht automatisch ein schlechtes. Ein Bekannter von mir brachte es gut auf den Punkt: „Ihr Frauen arbeitet in guten Jobs, reist, seid viel unterwegs, feiert und habt selbstbestimmt Sex – ihr lebt wie ein Mann ohne Familie und den würdet ihr wegen dieses Lebensstils doch nicht auch bemitleiden, oder?“ In der Tat ist es kein schlechtes Leben – im Gegenteil! – es wirkt aber so, weil die heutigen Erwachsen aus Westdeutschland mit konservativen Bildern aufgezogen wurden.

Das Handelsblatt veröffentlichte kürzlich eine Studie, die besagt, dass Anfang der 1990-er knapp 80% der Befragten der Aussage zustimmten, dass Kinder im Vorschulalter einen Schaden davontragen, wenn die Mutter arbeitstätig war. Arbeitende Mütter nannte man lange Zeit „Rabenmütter“. 2015 waren es 30%, die derselben Aussage zustimmten. In Ostdeutschland waren die Konnotationen positiver, Frauen arbeiteten, es wurde dennoch geheiratet – genauso in osteuropäischen Ländern, die zwar patriarchalisch geprägt waren, aber in denen Frauen dennoch einen festen Platz im Arbeitsleben hatten.

Was allerdings die ehemalige DDR von der BRD unterschied, war der Einfluss der Kirche. Die katholische Kirche schlief mit im Bett der Eheleute. Ein Beispiel dafür ist das Kranzgeld, welches eine Frau sich einklagen konnte, wenn sie aufgrund eines Eheversprechens ihre Jungfräulichkeit an ihren Verlobten aufgab, er danach aber die Verlobung löste. Sie galt danach schließlich nicht mehr als rein und dies senkte die Wahrscheinlichkeit einen Ehemann zu finden. Besagtes Kranzgeld konnte man sich bis 1998 (!) einklagen, in der DDR wurde es bereits 1957 abgeschafft. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum aktive Verführung und sexuelle Begierde noch so konträr zur braven Bild von Weiblichkeit wirken.

Bei der katholischen Kirche schließt sich der Kreis zum Aspen Institute. Das leitende Personal hat direkte Verbindungen zur katholischen Kirche und spricht sich für die Wahrung katholischer Werte aus. Katholiken mögen es offenbar der Frau einen vergleichbaren monetären Wert zu geben – wie bei einem Objekt, das mit der Zeit verscherbelt werden kann. Damit wäre auch die Frage nach der Objektivität des Videos geklärt. Auch die Vorbilder für moderne Rollenbilder werden sowohl für Männer, als auch Frauen nachwachsen – der Zeit der Orientierungslosigkeit und Verwirrung zu neuen Traditionen werden automatisch auch neue Lösungen folgen. Mich würde dennoch interessieren, was ihr denkt. Hat die sexuelle Befreiung wirklich so viele Nachteile gebracht? Verlieben sich Männer nur, wenn man als Frau die Beine geschlossen hält? Wollen Frauen im Grunde immer noch einen starken Ernährer? Ich bin gespannt!