Bullshitjobs und Zeitverschwendung: Moderne Arbeit?

Andrew Neel (CC0 1.0)

Ziellose Büroarbeit, mangelnde Konzentration, fehlender Sinn – über die moderne Arbeitswelt wird viel geforscht, vor allem weil die Digitalisierung zukünftig viele Berufe obsolet machen wird. Dass aber auch in Dienstleistungsbranchen viele künstliche Jobs entstanden sind, die Beschäftigung vorgaukeln, wird zunehmend zu einem Problem – die Produktivität stagniert in Deutschland trotz zunehmender Beschäftigung und Überstunden. Bei den Jobs und der Art wie wir heutzutage arbeiten, läuft sehr viel falsch.

Unternehmensberater, Personaler, Marketing-Experte – alles Bullshitjobs?

Im vergangenen Jahr stieß ich auf einen Artikel auf Zeit Online von David Graeber, einem Anthropologen, in welchem er behauptet, dass viele moderne Jobs wie Unternehmens- oder Immobilienberater, Werbe- und Marketing-Experten oder Investmentbanker eigentlich Bullshitjobs sind, da sie weder einem gemeinschaftlichen Zweck dienen, noch produktive Arbeit im Umfang eines Vollzeitjobs bieten. E-Mails checken, Excel-Tabellen aktualisieren, unternehmensinterne Formulare für eine bessere Dokumentation ausfüllen und Projektmanagement-Tools verwalten gehören zum Büroalltag vieler und bringen im Grunde nichts. Der Vollzeitjob wird mit sehr viel Scheinarbeit ausgefüllt.

Wenn Beschäftigte in diesen Branchen streiken würden, dann hätte das denselben Effekt wie wenn in China ein Sack Reis umfällt. Im Gegensatz zu denjenigen, die für die Gemeinschaft essenziell sind: Beschäftigte im Transportwesen, Postangestellte, Krankenpfleger oder Erzieher und Lehrer könnten mit einem Generalstreik die Wirtschaft und den Alltag der Bürger lahmlegen. Vielleicht organisieren sich deswegen immer weniger Leute in Gewerkschaften – weil sie wissen, dass mit dem Wegfall ihres Jobs kein Druck aufgebaut werden kann und weil sie dennoch bedeutend viel mehr Geld verdienen als diejenigen, die eigentlich unersetzlich sind. Paradox. Graeber bezeichnet Beschäftigte in den modernen Dienstleistungsbranchen als „Hofnarren des Kapitalismus“, da sie nur dazu beitragen, dass ihre Kunden im besten Fall effizienter werden und den Profit erhöhen können. Aufgeblasen teure Leistungen wie die Farbwahl bei einem Werbeplakat bringen nur dem Unternehmen einen gewissen Mehrwert, sind aber sonst gesellschaftlich irrelevant.

Schnell fallen in der Debatte Begriffe wie „Generation Y“, welcher man nachsagt, dass sie einen besonders ausgeprägten Sinn für die Suche nach Bedeutung und Impact im Job habe. Allerdings die Sinnsuche in der Arbeit kein Phänomen gelangweilter Mit-20-er. Bereits Karl Marx beobachtete, was Menschen in der Arbeit glücklich und unglücklich macht. Er prägte den Begriff der Entfremdung und bezeichnete damit die Tendenz, dass in zunehmend ausgefeilten marktwirtschaftlichen Systemen Spezialisierung wesentlich ist, um eine höhere Effektivität und Effizienz zu erzielen. Simpel gesagt: man verteilt Teilaufgaben an unterschiedliche Personen, die darin jeweils besser und schneller werden, allerdings vom Gesamtprodukt entfernt sind. Sie sehen das Resultat ihrer Arbeit nicht, sie sind von ihr entfremdet. Diese Art der Arbeit hat allerdings negative Folgen für den einzelnen Arbeitnehmer: Routine stellt sich schnell ein und damit auch die Frustration. Mittlerweile ist untersucht, dass unsere Gehirne hungrig sind, nach neuen Aufgaben und bei Stimulierung mit Neuem, das Glückshormon Dopamin ausschütten.

Während zu Marx‘ Zeit die Industrielle Revolution im Fokus stand und die Spitzenklöpplerin das Paradebeispiel für perfektionierter, minutiöser, aber routinierter Arbeit war, gibt es auch heute Fälle von stupider Routine und damit einhergehender Frustration. Man erkennt die Spezielisierung – oder das Verdecken der Absurdität des Berufs – durch zunehmend anspruchsvolle Berufsbezeichnungen wie Office Accounting Specialist. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) untersucht regelmäßig die Zufriedenheit von Arbeitenden und stellte fest, dass mittlerweile 35% keinen oder nur wenig Sinn in ihrer Arbeit für das Gemeinwohl sehen.

Hör auf ständig E-Mails zu lesen – du verschwendest deine Zeit!

Die Qualität der Arbeit hat aber nicht nur damit zu tun, was wir arbeiten sondern wie. Cal Newport, IT-Professor an der Universität Georgetown, hat der Frage der Ineffizienz ein ganzes Buch gewidmet – „Deep Work“ heißt es. Er beschreibt darin ausführlich, wie wenig wir mittlerweile daran gewöhnt sind, konzentriert und tiefgreifend zu arbeiten. Tiefgreifende Arbeit versteht er im intellektuellen Sinn, bei der die geistigen Fähigkeiten der Beschäftigten die größte Ressource für den Arbeitgeber sind. Vor allem Ablenkung durch Kommunikationsmedien sieht als größte Gefahr für produktive und gute Arbeit.

Newport bezieht sich auf Studien, die zeigen, dass man für einen Prozess des tiefgreifenden Arbeitens, der im Schnitt 60 bis 90 Minuten dauert, bereits 20 Minuten benötigt, um seine Konzentration auf einen komplexen Sachverhalt zu richten und diesen zu durchdringen. Erst dann ist man kognitiv imstande, innovativ, kreativ und produktiv zu arbeiten. Wenn allerdings E-Mails, Facebook- oder Whatsapp-Nachrichten zwischendurch auf dem Smartphone blinken, richten wir unsere Konzentration auf ebendiese Störung. Die Krux liegt dabei in der Intensität der Beschäftigung. Whatsapp-Nachrichten schreiben erfordert eine niedrige Intensität an Konzentration, komplexe Analysen hingegen eine hohe Intensität. Das Gehirn ist allerdings nicht imstande zwischen niedriger und hoher Intensität schnell zu wechseln. Einmal aus dem Level der hohen Konzentration geraten, braucht es wieder Zeit, um sich in die jeweilige konzentrationsintensivere Aufgabe einzuarbeiten. Das kostet Zeit und führt zu durchwachsenen Ergebnissen.

Vielleicht lässt sich dadurch erklären, weshalb die Produktivität im Dienstleistungssektor seit Jahren stagniert. Unser Medienverhalten ist dabei entscheidend: durch schnell geschnittene Videos, blinkende Nachrichten und das Abschweifen zu anderen unterhaltsamen Websites zwischen den einzelnen Schritten, sind viele Menschen nicht mehr darin geübt, ihre Konzentration aufrechtzuhalten, ihr Gehirn möchte immer schneller neue Reize. Newport empfiehlt daher Radikalkuren: das Deinstallieren von Messengern und Nachrichtendiensten, die regelmäßig Push-Nachrichten schicken sowie das Schließen des E-Mail-Postfachs während eines Arbeitsprozesses. Der Wissenschaftler erklärt, dass digitale Kommunikation in uns die Verhaltensweisen der analogen Kommunikation hervorrufen, die allerdings nicht angemessen sind. Was er damit meint: in einem persönlichen Gespräch, muss man sofort antworten – alles andere wäre unhöflich oder destruktiv. Bei der digitalen Kommunikation sind Antworten selten dringend. Dennoch reagiert man reflexartig mit dem Tippen einer Antwort, um nicht die negativen Konsequenzen zu spüren, die man bei einem persönlichen Gespräch hätte.

Schaut man sich an, wie viele Büroräume heutzutage gestaltet sind, merkt man, weshalb Ineffizienz ein Problem ist: Gemeinschaftsbüros und ständig klingelnde Telefone lenken ab, sodass der konzentrierte Arbeitsprozess regelmäßig unterbrochen wird. Auch das ist ein Grund, warum viele Arbeitnehmer Überstunden in den Feierabend machen – dann haben sie Ruhe. Newport betont aber, dass man sowohl die Konzentrationsfähigkeit, als auch die Produktivität üben kann: man müsse nur konsequent sein und Ablenkungen reduzieren, sowie sich aktiv Zeit dafür nehmen, das Gehirn tiefgreifend arbeiten zu lassen – das Lesen eines Buches reicht dabei schon. In den allermeisten Fällen, so der Forscher, seien E-Mails nicht so dringend und man tut sich keinen Gefallen, wenn man der alltäglichen Beschleunigung mit sofortigen Reaktionen sogar entgegenkommt.

Newport betont zudem, wie wichtig Pausen sind – es ist der Zustand, in dem das Gehirn Information sortiert und ruht. Er würde jeden Tag pünktlich Feierabend machen, um genug Zeit mit seiner Familie verbringen zu können, was sich auf seine Lebenszufriedenheit positiv niederschlägt. Qualitative soziale Kontakte sind nach wie vor ein Hauptbestandteil vom Glück und eine gute Art, um sich von Burn-Out zu schützen.

Die Gesellschaft liebt die strikte Arbeitsmoral

Bei der Möglichkeit effizienter zu arbeiten und mit der Perspektive der Digitalisierung, müsste man eigentlich eine verkürzte Arbeitszeit anstreben. Der britische Ökonom John Maynard Keynes prognostizierte für das Jahr 2030 die 15-Stunden-Woche, doch davon ist man meilenweit entfernt. In erster Linie, weil Arbeit mit sozialem Prestige verbunden ist. Wer viel und hart schuftet, erhält Respekt für das Durchhaltevermögen, die Hingabe und Disziplin – selbst wenn man sehr viel Zeit verplempert und eigentlich nichts Gescheites schafft. In manchen Branchen ist die Arbeitszeit der Ersatz für den primitiven – mit Verlaub – Schwanzvergleich. Man ist stolz auf seine Überstunden.

Dass dies volkswirtschaftlicher Quatsch sein kann, weil man sowieso nicht die ganze Zeit konzentriert arbeiten kann und sich wohlmöglich wegen zu geringer Ruhezeiten gesundheitlich schadet, ist dabei egal. Dass zudem auch Mütter in solchen Branchen marginalisiert werden, weil sie schlicht keine Überstunden wegen fehlender Kinderbetreuung nehmen können und damit in Richtung Altersarmut gedrängt werden, scheint ebenfalls vollkommen unterzugehen. Dabei wird man sich in Zukunft ernsthaft damit auseinandersetzen müssen, was passiert, wenn viele Berufe wegfallen und nicht mehr wirtschaftlich sind – treffen wird es viele und zwar nicht nur im produzierenden Gewerbe. Mindestens 15% der Finanzbeamten, ein Großteil der Versicherungsmakler oder Zählerableser werden in Zukunft genauso um ihre Jobs bangen, wie Buchhalter.

Falls sich daraus eine intellektuelle Elite, die sich durch Fachkompetenz oder Kreativität zugleich unersetzbar macht, birgt dies ein enormes Spannungspotenzial für die Gesellschaft. Solange allerdings Arbeit – so viel Schall und Rauch auch dabei sein – einen so hohen Stellenwert in der Gesellschaft hat und der Identifikation dient, werden viele lieber in einem Job mit fancy Titel verharren, der vielleicht wenig zum Gemeinwohl beisteuert, aber beeindrucken klingt, anstatt zu reflektieren, ob die Berufe in der Kranken- und Altenpflege, Müllabfuhr oder Erziehung nicht ebenfalls etwas mehr Anerkennung verdient hätten oder ob Arbeit wirklich alles im Leben ist.

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