Wer braucht überhaupt noch Religion?

Vergangene Woche fand in Berlin der Evangelische Kirchentag statt und für mich persönlich hatte diese Veranstaltung auf mehreren Ebenen befremdliche Elemente. Zum einen, weil ich die enge Verknüpfung von Politik und Religion in einem säkulären Staat stets kritische beäuge – Bundeskanzlerin Merkel, Bundespräsident Steinmeier und Ex-US-Präsident Obama sprachen auf dem Podium –, zum anderen aber auch, weil die offensichtliche Suche nach einem moralischen Kompass selten so deutlich vor meinen Augen ablief, als in jenen Momenten, als hunderte Menschen mit den orangenen Statement-Schals zum Brandenburger Tor pilgerten, um das Geschehen live mitzuerleben.

Politik, Gesellschaft und Moral – theoretisch verknüpft, praktisch im Widerspruch

Religion ist immer ein funktionales System. Sie bietet Orientierung, Erziehung, Integration in eine Gemeinde und sozialen Frieden durch ein klares Regelwerk. Ich bin selbst nicht einmal getauft, habe aber im niedersächsischen Bildungssystem 13 Jahre lang einen reflektierten und modernen Religionsunterricht miterlebt, der klar zeigt, dass die deutsche Gesellschaft historisch auf moralischen Grundpfeilern fußt, die durch den Glauben bestimmt sind. Nichtsdestotrotz ist der Widerspruch zum Glauben so tief in der Gesellschaft angekommen, dass es schwierig ist, ernsthaft zu bleiben, wenn Durchschnittsbürger, Publizisten oder Politiker sich als gläubige Christen darstellen oder die „abendländisch-christliche Kultur“ herbeireden. Diese müsste der Theorie nach auf Grundwerten wie Solidarität, Vergebung, Barmherzigkeit und Nächstenliebe basieren. Häufig sind jedoch genau die Verfechter ebendieser vermeintlichen „Leitkultur“ diejenigen, die gegen Flüchtlinge wettern oder sich gegen die Unschuldsvermutung im rechtlichen Sinne aussprechen – die sich ebenfalls aus christlichen Ideen entwickelte. In meiner Bibel stand, dass Jesus alle Menschen liebt.

Aber man muss gar nicht so weit gehen und die gesellschaftspolitischen Diskurse betrachten, um zu merken, dass Deutschland ein widersprüchliches Verhältnis zum Glauben hat. In den 10 geboten steht, man solle nicht Ehebrechen – die Scheidungsraten und soziologischen Untersuchungen zum Fremdgehen zeigen ein anderes Bild. Man solle außerdem nicht die die Frau oder den Besitz seines nächsten begehren – aber mal ehrlich, sind Neid und Gier nicht mittlerweile für viele der Motor ihrer Selbstverwirklichung geworden? Ich würde behaupten, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung sich der sieben Todsünden Hochmut, Geiz, Wollust, Jähzorn, Völlerei, Neid und Faulheit auf irgendeine Weise schuldig gemacht hat – wir leben schließlich in materialistischen und hedonistischen Zeiten. Konfetti für alle!

Wenn ich mir darüber hinaus die unzähligen Artikel in Magazinen und Zeitungen über die Liebesmoral der sogenannten Generation Y durchlese oder darüber nachdenke, dass Michael Nast mit seinen Lesungen zum Buch „Generation Beziehungsunfähig“ tatsächlich Hallen mit liebeshungrigen Singles gefüllt hat, scheint die Bibel im 1. Korintherbrief die Norm für das zu geben, was Liebe eigentlich sein sollte:

Die Liebe ist langmütig,
die Liebe ist gütig.
Sie ereifert sich nicht,
sie prahlt nicht,
sie bläht sich nicht auf.
Sie handelt nicht ungehörig,
sucht nicht ihren Vorteil,
lässt sich nicht zum Zorn reizen,
trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht,
sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles,
glaubt alles,
hofft alles,
hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.

Ich stelle mir gerade vor, wie Hipster in urbanen Gegenden mit der Bibel anstatt mit Nasts Buch durch die Gegend laufen, um sich Inspiration und Hoffnung zu holen. Welch urkomische Vorstellung! Urkomisch, weil sich in Liebesdingen sehr viele Menschen aktuell über fehlende Intimität, Ehrlichkeit und Verbindung beschweren, aber lieber auf Tinder nach rechts swipen, anstatt ihre eigenen Herangehensweisen zu reflektieren.

Menschen brauchen Moral

Nein, ich will die Religion nicht bedingungslos loben – dafür wurde viel zu viel Quatsch in pervertierten Formen von Glaubensrichtungen gemacht. Ob Christentum, Islam, Judentum – die Instrumentalisierung radikaler Gläubiger hat nie zu einem guten Ende geführt, vor allem, wenn man sie mit (ethno-)nationalistischen Gedanken paarte. Religionskritik ist absolut berechtigt, weil historisch gesehen sehr viel Ausbeute, Unterdrückung und Gewalt unter dem Deckmantel eines vermeintlich friedlichen Glauben stattfand. Trotzdem glaube ich, dass bei allen Tücken, Gesellschaften stimmige moralische Konzepte brauchen. Menschen suchen nicht umsonst nach Spiritualität und Ersatzreligionen – im popkulturellen Sinn kann das der Schönheitswahn oder der obsessive Zwang zu einem vermeintlich gesunden Lebensstil sein, politisch kann man sich im unreflektierten Liberalismus austoben und dabei ignorieren, dass Freiheit auch immer Regeln braucht, oder ein zynischer Leninist werden, der die gesellschaftliche Ordnung blutig überwinden möchte.

Wozu das Ganze? Je nach Standpunkt suchen sich Menschen diejenige Ideologie oder Ersatzreligion aus, die ihnen persönliche Wertschätzung sowie eine Anleitung gibt, wie es ihnen selbst besser ergehen kann und sie sich auf der Welt relevant fühlen können. Die Frage nach Lebenssinn und Orientierung ist ebenfalls vordergründig. Menschen sind erstaunlich schlecht darin, selbstständig und verantwortungsbewusst zu denken und zu handeln. Die Inspiration und Rechtfertigung für ihr Handeln, muss daher häufig in irgendeiner Form moralisch untermauert sein.

Ein „gutes Leben“ möchten schließlich alle führen – niemand lebt freiwillig in einer Misere. Was heute allerdings passiert, ist, dass sich Menschen aus der Fülle von Teilinformationen eine eigene selbstgerechte Ideologie basteln. Häufig kommen dabei Verschwörungstheorien heraus oder sogar bedrohlicher Schwachsinn – wie eine wirre vegane Bewegung, die erklärt, dass die weibliche Menstruation kein normaler Zustand ist und durch „richtige“ Ernährung übersprungen werden kann. Zwar handelt es sich im letzteren Fall um gesundheitsbedrohliche Mangelernährung, aber das ist egal, weil sich die Idee in eine geschlossene Erzählung einreiht.

Dunkler Morast der „Leitkultur“

Jenseits der vielen persönlichen Fragen, die man sich als Mensch stellt, ist unverkennbar, dass Moral auch stets einen Einfluss auf die gesamte Gesellschaft hat. Man interagiert schließlich ständig mit Menschen, Kinder werden nach bestimmten Leitlinien erzogen, man hat außerdem ein tiefes Verständnis dafür, was „Gut“ und „Böse“ bedeutet. Dadurch, dass niemand sein moralisches Verständnis in einem Vakuum auslebt, kommt man zwangsläufig an den Punkt, an dem man über die Gesellschaft nachdenken muss.

Ich hasse die Debatte um Leitkultur, weil sie häufig so wirkt, als könne man eine Anleitung und Definition für das „Deutschsein“ geben könnte, aber spricht man über Moral, kommt man an diesem Thema nicht vorbei. Warum? Weil Menschen sich von anderen Lebensstilen oft abgestoßen fühlen – dies führt zu gesellschaftlichem Zwist. Die große Ausnahme besteht nur, wenn der moralische Grundkonsens darin besteht, in einer Gesellschaft Toleranz, Humanismus und Offenheit hochzuhängen. In diesem Fall bieten unterschiedliche moralische Konzepte auch weniger Herausforderungen, jedoch sind Toleranz und Offenheit keine Selbstverständlichkeit, sondern Ergebnis eines gesellschaftlichen Diskurses, den die Bürger bereitwillig annehmen. Schwierig wird es mittlerweile, wenn man eine moralischen Konzept mit Zwang implementieren muss – das hat die Kirche zwar über Jahrhunderte getan, aber die Zeiten haben sich nun geändert.

Da man irgendwie an vielen Stellen des Zusammenlebens darauf spekuliert, dass man sein Gegenüber versteht, ist die Frage berechtigt, wie Bürger zukünftig ihre moralischen Vorstellungen aufbauen werden. Die Kirche scheint in ihrer Außenwirkung häufig verstaubt, das Internet hingegen ist voller Halbwahrheiten, die zudem nicht die Sehnsucht nach Gemeinschaft vollwertig auffangen können. Deswegen scheinen immer mehr Menschen auf das Wirtschaftssystem zu schielen, um sich ihre Legitimation und Inspiration für das Leben zu suchen: hart arbeiten, in der Karriere aufsteigen, Teil eines sozialen Systems sein, Anerkennung von der Autorität – dem Chef oder Vorstand – erhalten, auf seinen eigenen Vorteil bedacht sein und auf jeden Fall richtig viel Geld verdienen. Wenn sich dieses Wertesystem noch tiefer verankert, dann stehen uns wahrscheinlich innovative, aber kaltherzige Zeiten bevor.

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