„Ich will Europa“ – eine Kampagne gegen die Hoffnungslosigkeit?

„Ich will Europa“  – eine neue Onlienkampagne unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Joachim Gauck ist seit ca. einem Monat online – und sowohl auf der eigenen Internetseite (http://www.ich-will-europa.de/), als auch auf Facebook und gibt es bisher weniger als 6000 Likes.

Eine schlechte Bilanz, trotz der ganzen Mühe. Testimonials wie Ex-Bundespräsident Roman Herzog und Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt (wie immer mit Zigarette) lassen sich fotografieren und geben passende Worte von sich. Auch Unternehmer und Privatpersonen schicken gerne ein Foto ein und erklären, warum sie Europa eigentlich doch ganz gut finden. Selbst Angela Merkel hat sich ein wenig Zeit genommen, um in einer Rede auf der Homepage zu erklären, warum die EU bestehen bleiben sollte und dass eigentlich das zusammengefunden hat, was zusammengehört. Aber warum? Laut der Initiative will die Kampagne zu Denkanstößen anregen und daran erinnern, dass der Luxus an Reisefreiheit und Austausch keine Selbstverständlichkeit sind. Trotz der Europakrise soll man sich auf die Werte und die Idee zurückbesinnen, welche diese Gemeinschaft ausmachen.

Helmut Schmidt; Quelle: Facebook-Seite „Ich will Europa“
Roman Herzog; Quelle: Facebook-Seite „Ich will Europa“

Doch ein wenig Idealismus kann doch nicht einfach der Grund dafür sein? Kommt bei den Politikern vielleicht doch die Kritik der skeptischen Bevölkerung an und wollen sie vielleicht so ihre Entscheidungen in Bezug auf Spanien, Portugal, Griechenland, den ESM und die ganze internationale Wirtschaftspolitik rechtfertigen? Es stehen ja auch bald Wahlen an, da sollte man sich früh darum kümmern, eine gewisse positive Atmosphäre zu kreieren.

Wenn man sich einige Stimmen in den sozialen Netzwerken ansieht (es scheint als seien Menschen hinter ihren Laptops, Smartphones und PC mutiger als im realen Leben), wird klar, dass es fünf nach zwölf ist – Skepsis, Unmut, Wut, aber vor allem Unverständnis über die gegenwärtige Situation Deutschlands und der Europäischen Union werden laut.

„Was ist nur aus dem schönen Deutschland geworden“ fragt da so manch ein Bürger, als würden wir uns plötzlich in einem Drittweltland befinden, trotz zufriedenstellender Arbeitslosen- und Wirtschaftsbilanzen. „Verarsche“ wird die Kampagne genannt, es sei Gehirnwäsche.

Auch auf inoffiziellen Facebook-Seiten der Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt es Kritik und teilweise sogar die Forderung für ihren Rücktritt – all das stößt sogar auf große Zustimmung.

War der europäische Gedanke also nie in der Bevölkerung vorhanden? Ist die EU also nur eine fixe Idee von Politikern oder genauso wie die multikulturelle Gesellschaft lediglich eine „Illusion der Intellektuellen“ (Helmut Schmidt)? Oder ist es die Habgier und das mangelnde Verständnis für die Vorteile, die eine Wirtschaftsgemeinschaft tatsächlich mit sich brachte der Grund für den Zorn? Oder geht es am Ende doch nur darum, dass der Rubel rollt? Muss man sogar eine Wiederkehr der Sympathie nationalistischer Politik befürchten? Hoffentlich nicht!

Europa scheint wie eine polygame Ehe (zugegeben, eine etwas schräge Ehe) zu sein – irgendwie muss man miteinander auskommen, doch insgeheim gönnt man sich gegenseitig nichts. So manch ein Teil dieser Verbindung wünscht sich die Scheidung, doch das kostet immer viel und die letzten Sicherheiten in puncto Sicherheit- und Friedenspolitik würden ja auch schwinden. Achja, und die Kinder – man muss auch an die Kinder denken, die von allem aufgezogen wurden und denen die Trennung am meisten Schmerzen verursachen würde. Die junge Generation ist nämlich daran gewöhnt, nur mit dem Personalausweis in der Tasche, nach Finnland, Frankreich oder Malta zu tingeln.

Ob Liebes – oder Zweckehe – man sitzt nun in der Beziehungskrise und eigentlich muss man diese ja gemeinsam Ausbaden, statt das Handtuch zu werfen. Gerade scheint es allerdings nur so, als würde niemand die Verantwortung übernehmen wollen und schnell sind die schönen gemeinsamen Zeiten vergessen, von denen man einst selbst profitierte.