„Dann verkaufe ich eben meine Eizellen“

Die Wirtschaftskrise ist real, vielleicht nicht spürbar in Deutschland, aber in Spanien ist sie angekommen, auch in der eigentlich recht wohlhabenden Hauptstadt Madrid.

Dass in der Eurozone in modernen Ländern sich die Umstände durch die Wirtschaftskrise für die Menschen tatsächlich verändert haben, ist in Deutschland kaum vorstellbar. Ich hielt es zu erst auch nicht für möglich. An der Gran Via, der Haupstraße Madrids, sieht man hippe, junge Menschen, zahllose Modeläden, teure Restaurants, viel Bewegung, wie man es von einer Großstadt erwartet. Spricht man jedoch mit den Menschen, sieht man, dass es mehr dahinter gibt.

Arbeitslosenquote in Europa, Quelle Bundeszentrale für politische Bildung
Arbeitslosenquote in Europa, Quelle Bundeszentrale für politische Bildung

Meine Kommilitonen kommen teilweise nicht in die Uni, weil sie für ein lächerliches Gehalt arbeiten müssen. Auch wenn alle bei ihren Eltern wohnen, sind die Ausgaben zu hoch, um einfach nur studieren zu können. Heute erzählte mir ein Mädchen, sie würde Eizellen spenden, weil man ihr dafür 1000 Euro zahlen würde. In Spanien ist das erlaubt und verläuft ganz offiziell. Warum sie das tut? Der Job in der Pizzeria wird mit vier Euro pro Stunde vergütet, das Geld reicht nicht und das sei eine einfache und schnelle Methode, um sich etwas dazuzuverdienen. Mich hat das geschockt – in einem Land, in dem Ehe und Familie noch so viel mehr wert zu sein scheinen als in anderen westlichen Ländern, spenden junge Frauen ihre Fruchtbarkeit. Einige Formulare und Anrufe, ein wenig Vorbereitung, fertig.

Entgegen der abwertenden Klischees, Spanier seien faul, unpünktlich oder arbeitsscheu, versucht die junge Generation wirklich etwas zu erreichen und sich durchzukämpfen. Der Frustund die Wut sind allerdings deutlich zu spüren. Von der Regierung vor vollendeten Tatsachen gestellt, ohne Erklärung der Sparmaßnahmen und ohen Perspektiven ist die Jugend des Landes desillusioniert.

Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung ist Spanien das Land mit der höchsten Arbeitslosenquote in Europa – ganze 20 Prozent der Menschen finden keine Arbeit, darunter sind 50% jünger als 35. In Gegenden wie Andalusien ist die Lage am schimmsten.

Einwanderungsquote in Europa
Einwanderungsquote in Europa, Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Dass in Folge der Immobilienkrise ein wichtiger Sektor der spanischen Wirtschaft getroffen wurde, ist nur ein Aspekt, der die gegenwärtigen Umstände prägt. Teilweise verschwenderisch wird mit öffentlichen Geldern umgegangen (die Straßen u.a. in Madrid und Barcelona werden regelmäßig nachts mit Wasser gespült), aber dieses Land hat in Europa auch die höchste Einwanderungsquote, Immigranten aus aller Welt, vor allem Afrika und Südamerika, müssen von der Regierung berücksichtigt werden.

Wie es weitergeht, ist hier ungewiss, doch klar wird, dass eine Generation in Sorge ist und mit Sicherheit nicht an Siesta, oder gar Fiesta denkt – dafür ist nämlich nicht so viel Geld übrig.