Verdammt, sind wir versnobbt!

Unsplash.com; Shamim Nakhai

Letzte Woche, Samstagnacht, irgendwann zwischen Mitternacht und Morgendämmerung in einer Kneipe im Berliner Wedding: Die Stimmung ist ausgelassen, eine große Gruppe feiert einen Geburtstag, es wird viel getrunken und zu den 90-er Pop-Perlen aus der Jukebox getanzt. Einer aus der Gruppe geht an die Theke, bestellt noch ein paar Bier. Die drei jungen Männer, Mitte-Ende Zwanzig, sitzen am Tresen und fühlen sich von ihm gestört. Alle vier Männer beginnen zu pöbeln und sich mit aggressivem Blick anzustarren. Der Tonfall wird harscher – ob sie das nicht draußen regeln wollen, fragt einer aus dem Dreiergespann. Die Situation eskaliert in diesem Moment nicht, aber blieb angespannt.

Nachdem das frische Bier serviert und verteilt wurde, drehte ich mich zu den drei Männern und fragte vorsichtig, ob es ein Problem gäbe und dass es mir leidtäte, falls jemand aus der Gruppe gestört hätte – wir würden ja einfach nur Geburtstag feiern. Es war ein Versuch die Wogen zu glätten, weil ich wirklich keine Lust auf unnötigen Stress hatte. Zu mir waren die drei Herrschaften bedeutend freundlicher und fingen an zu erzählen. „Der Arrogante da will Stress und hat echt paar Dinge gesagt, die nicht korrekt waren. Hätte ihm dafür gern eine geklatscht“, meinte der eine zu mir. Ich bedankte mich dafür, dass er friedlich geblieben war, aber auf Nachfrage konnte oder wollte er mir nicht genau sagen, was gesagt worden war. Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und meinte, dass es bestimmt nur ein dummer Spruch gewesen war.

„Weißt du, was das Problem ist?“, fing meine neue Bekanntschaft erneut an. „Das sind genau diese Typen, die hier einfach herkommen und dahinziehen, wo wir schon immer wohnen, dann werden die Mieten teurer und wir zahlen jedes Jahr nur drauf, drauf, drauf oder müssen woanders hin.“ Da war also der springende Punkt – es ging gar nicht in diesem Moment gar nicht um den Platz an der Theke, es ging um etwas viel Tieferes. Die drei Weddinger versicherten mir, dass sie keinen Krawall machen wollten, aber sie hätten genug von Hipstern, Studenten und jungen Berufstätigen, die aus ganz Deutschland in die noch relativ günstigen Wohnungen des nordwestlichen Stadtteils ziehen. Ich fühle mich angesprochen – und schuldig. Ich war Teil eines Feindbildes, in welchem ich mich selbst – natürlich – gar nicht sah. Ich war in ihrer Wahrnehmung Teil einer privilegierten Gruppe von jungen Leuten, die Glück hatten, weil sie ein cooles Studium absolviert hatten und ihren Lebensunterhalt mit Tätigkeiten verdienen, die sie mindestens okay finden.

Je mehr ich darüber nachdachte und mit Freunden über den kurzen Moment sprach, umso klarer wurde es: wir sind Snobs, aber bei weitem nicht nur wir. Ein Snob fühlt sich erhaben, weil er gebildet oder finanziell gut situiert ist, er denkt herablassend über diejenigen, die diesen Lebensstil nicht teilen. Und vielmehr als um Geld, geht es um Lebensstil. Ein freischaffender Fotograf kann genauso ein Snob sein, auch wenn er wenig Geld zur Verfügung hat – er lebt nämlich in einem urbanen, modernen, gebildeten Lebensstil. Freiwillige, die für Flüchtlinge größte Toleranz und Verständnis aufbringen können, können dieselbe Empathie nicht für arme Menschen aufbringen – sie seien schließlich „Assis“. Und das Klischee von Unternehmern, Bankern, Anwälten und allen anderen, die von gut bezahlten Jobs leben, greift erstaunlich oft – sie wollen mit dem „Pack“ nichts zu tun haben, ihre Sorgen wirken für viele lächerlich.

Der Grund dafür ist, dass sich in den letzten Jahrzehnten der Glaube eingestellt hat, dass man seines eigenen Glückes Schmied sei – vollkommen unabhängig von widrigen Umständen. Wenn man sich anstrengt und hart arbeitet, hat man Chancen – so die Annahme. Im Umkehrschluss heißt es, dass diejenigen, die es nicht geschafft haben, sich einen bestimmten Lebensstil zu erarbeiten schlicht selbst Schuld sind. Diese Schuldzuweisungen trifft man in ausnahmslos allen Parteien an. Natürlich sind nicht alle reichen oder urbanen Menschen Snobs, aber die Tendenz der schwindenden Solidarität prägt das Gesamtbild.

Wenn wir aber von „Schuld“ reden, von der selbstgeschaffenen Misere, von der eigenverantwortlichen Stagnation, dann blenden wir die grundlegendste psychologische Funktionsweise aus, die Menschen haben: den mentalen Filter. Zu jeder Zeit, an jedem Ort kategorisieren wir anderen und bewerten sie unterbewusst. Offensichtlich wird es bei der Hautfarbe, häufiger sind es jedoch Gewohnheiten und Details wie Kleidung, die Art zu reden, Hobbys, Auftreten. Soziale ungeschriebene Normen führen schließlich auch dazu, dass wenige Menschen den direkten Aufstieg in die wirtschaftliche und kulturelle Elite des Landes schaffen. Der Soziologe Michael Hartmann hat zu dem Thema ausführlich geforscht (ein spannendes Interview gibt es im Freitag).

Vor allem blenden wir eine Ungerechtigkeit der heutigen Gesellschaft aus, die direkt ausgesprochen politically incorrect klingt: man braucht ein gewisses Maß an Intelligenz, um sich hochzuarbeiten, denn die ertragreichen Branchen bedürfen mittlerweile hohe Bildung. Aber nicht jeder ist mit einem hohen IQ geboren. Klar, der IQ ist nicht das Maß aller Dinge und wird mit zweifelhaften Methoden erhoben, aber dient zumindest zur Veranschaulichung. Knapp 47% der Bevölkerung haben einen IQ zwischen 70 und 100, erfolgreiche Bachelorabsolventen haben durchschnittlich einen IQ von 110. Das ist zwar ganz heikles Terrain, aber verdeutlicht wie viel heikler man heutzutage mit Menschen umgeht: es grenzt an gesellschaftlichen Sozialdarwinismus, wenn man diejenigen, die mit geringeren kognitiven Fähigkeiten geboren sind, abwertet, ausschließt oder abwertet.

Nein, man lebt nicht in einem Vakuum unabhängig von anderen Menschen und kann sein Leben zu 100% selbst gestalten – die eigenen Fähigkeiten und das Wohlwollen anderer, was wiederum mit sozialen Kodizes zusammenhängt, bestimmen sehr stark, wer Erfolg hat und wer nicht. Fleiß ist zwar eine schöne Tugend, aber sozialer Aufstieg klappt vor allem dann am besten, wenn man aktiv fördert und auch denjenigen Respekt zollt, die schlicht weniger Glück hatten. Am Beispiel der USA wird es deutlich: Jacob S. Hacker und Paul Pierson untersuchten, dass gerade zu den Zeiten des größten sozialen Aufstiegs, aktive Förderung (durch Staat und Gemeinden) parallel zur Marktwirtschaft, wesentlich war.

Das Leistungsdenken hat soziale und solidarische Werte vieler Bürger verkümmern lassen. Auf den Privatsendern schaut man sich lieber Sendungen wie „Frauentausch“ an und amüsiert sich über die zum Teil prekären Lebensverhältnisse, anstatt sich zu fragen, warum eigentlich so viele offenbar keinen Zugang zu Bildung und Aufstieg haben. Unabhängig von welcher Partei man spricht – es gibt wenige realistische Konzepte, um das Dilemma zu lösen. Wer jetzt an die AfD denkt, sollte sich das Grundsatzprogramm vom 1. Mai 2016 durchlesen. Frauke Petry mag noch sehr durch die Bierzelte der Bundesrepublik touren und sich mit den Menschen unterhalten, aber die Partei vertritt ein harsches Leistungsprinzip, das nach mehr Wettbewerb und somit mehr finanziellen Druck für sozial Schwache schreit. Den drei Herrschaften aus der Weddinger Kneipe wäre damit auch nicht geholfen – im Gegenteil.

Was muss aber geschehen, damit die sozialen Gräben nicht tiefer werden? Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht daran, dass die Politik einen Weg dafür weisen sollte, wie Menschen miteinander umgehen. Selbst wenn Instrumente wie die Mietpreisbremse eingeführt werden, scheitern sie häufig schlicht an der Profitgier der Eigentümer. Gewinnmaximierung ist ihr gutes Recht, aber die Konsequenzen für Bewohner sind horrend. Versnobbter Umgang ist kein Problem der Politik, es ist mittlerweile in der Kultur angekommen, die davon ausgeht, dass Erfolg und Wohlstand allein eine Frage der individuellen Mühe seien und überhaupt keinen Zusammenhang mit Familie, Bildungsgrad oder gar Aussehen hätte.