Unser Umgang mit Armut ist vollkommen falsch!

Es ist nicht leicht, direkt über finanzielle Armut zu reden, ohne paternalistisch oder taktlos zu werden, weswegen man lieber gar nicht darüber redet. Wer die Armen Deutschlands sind, von denen in Armutsberichten und Nachrichten über Ungleichheit gesprochen wird, ist unklar – sie haben kein öffentliches Gesicht. Dabei wird der Anteil der Armutsgefährdeten – also jener Menschen, die weniger als 60% des Durchschnittseinkommens erhalten – auf bis zu 15% geschätzt. Natürlich – diese Definition ist trügerisch, da sie die regionalen Unterschiede nicht abbildet, Preise in München sind schließlich nicht mit denen in Chemnitz zu vergleichen, genauso wenig wie Gehälter. Nichtsdestotrotz gibt es auch in Deutschland Fälle von dieser relativen Armut, die einen großen Einfluss auf unsere Gesellschaft und die Politik haben.

Arme Menschen denken anders

Der Psychologe Eldar Shafir (Universität Princeton) und Sendhil Mullainathan, Professor der Volkswirtschaftslehre (Universität Harvard) haben ein sehr kontroverses Buch herausgebracht: „Scarcity: The New Science of Having Less and How It Defines Our Lives“. In diesem legen sie die Ergebnisse diverser Untersuchungen vor, die alle zum selben Schluss kommen: Knappheit einer Ressource verändert unsere Hirnfunktion, unsere kognitiven Fähigkeiten sowie der Art der Wahrnehmung. Dabei spannen die Wissenschaftler den Bogen von beschäftigten Menschen, die scheinbar nie ihre Zeit gut einteilen können, zu den Armen, die schlechtere finanzielle Entscheidungen treffen. Menschen tendieren offenbar stets dazu, sich auf den Mangel zu konzentrieren und verlieren die sachliche Perspektive und langfristige Sicht auf ihre Situation.

Um den Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten zu messen, untersuchten Shafir und Mullainathan unter anderem Landwirte auf Zuckerrohrplantagen vor und nach der Ernte – diese Berufsgruppe erwirtschaftet nämlich ca. 60% ihres jährlichen Einkommens zur Erntezeit, kurz davor sei das Geld knapp. Durchschnittlich betrug der Unterschied 12 IQ-Punkte – das entspricht dem Effekt einer schlaflosen Nacht und jeder weiß, wie langsam und unorganisiert man sich ohne Schlaf fühlt. Sobald die Phase der Armut beendet war, regenerierte sich die geistige Fitness, da das Gehirn nicht mehr ausschließlich auf die Mangelerfahrung und die Notwendigkeit der Beschaffung der knappen Ressource Geld fixiert war.

Was in der Denke armer Menschen – logischerweise! – vordergründig ist, ist die Befriedigung der akuten Bedürfnisse nach Nahrung, Sicherheit und Zufriedenheit. Den Forschern zufolge erklärt dies, weshalb arme Menschen tendenziell weniger langfristig denken, ungesunde Lifestyle-Entscheidungen zu Ernährung oder Konsum treffen und ihre Armut somit reproduzieren. Während nämlich die finanzielle Elite stets – und zutreffender Weise – dafür kritisiert wird, dass sich die kleinen Zirkel der Oberschicht untereinander aushelfen und niemanden in ihr Umfeld zulassen, gibt es nämlich auch die andere Seite der Medaille: die Handlungen armer Menschen hindern sie häufig daran, die soziale Leiter aufzusteigen. Wer jetzt mit Schuldzuweisungen um die Ecke kommen will, hat den Kern bisher nicht begriffen: unsere Lebenssituation formt unser Denken, das ist ein unterbewusster verhaltenspsychologischer Prozess, der weder bei Reichen, noch bei Armen so leicht durchbrochen werden kann. Unsere Gehirne sind fehleranfällig und alles andere als stets rational.

Politische Lösungen werden schwieriger

Was bedeuten diese Untersuchungen für die Politik? Zunächst einmal lautet die Diagnose, dass sowohl Linke als auch Marktliberale naiv und auf dem Holzweg sind. Wie der niederländische Autor Rutger Bregman in seinem TED-Talk richtig anmerkt, ist der politische Umgang mit Armut stets von dem Gedanken dominiert, dass mit Armen an sich etwas nicht stimmen würde und man sie „reparieren“ müsse. Zudem seien deshalb die Methoden zur Armutsbekämpfung vollkommen unangemessen und alles andere als nachhaltig. Während die politische Linke mit einem unreflektierten Helfersyndrom brilliert und Hilfsmaßnahmen und Finanzpakete zur Verfügung stellen möchte, um Fähigkeiten auszubilden, tappen die Liberalen genauso im Dunkeln: der vermeintlich noble Gedanke, dass Menschen alle gleich sind in ihren Fähigkeiten, führt zu einer Arroganz, die alle verurteilt, die keinen Erfolg haben – sie seien ja selbst Schuld. Margaret Thatcher äußerte sich 1978 in einem Interview unverblühmt über Armut wie folgt:

All right, there may be poverty because people don’t know how to budget, don’t know how to spend their earnings, but now you are left with the really hard fundamental character—personality defect.

Wie bricht man allerdings den Armutszirkel, wenn man davon ausgeht, dass Ressourcenknappheit das Verhalten so maßgeblich beeinflusst? Bregman fordert das bedingungslose Grundeinkommen (BGE), das Menschen unterhalb der Armutsgrenze ermöglicht, ihre Grundbedürfnisse sorglos zu decken, um ihnen ein nachhaltiges Finanzverständnis zu vermitteln, die sonst nicht fruchten würden. Das BGE wird zumindest in Deutschland jedoch auf keiner Agenda stehen, da der Ansatz als sozialistischer Wahnsinn abgetan wird – unabhängig davon, dass er seit mehreren Jahrhunderten von Philosophen und Wirtschaftsforschern objektiv kalkuliert wurde. Zudem ist das herrschende Narrativ über arme Menschen, dass sie selbst für ihre Misere verantwortlich seien – oder diese gar bewusst gewählt haben! – sehr schwer zu durchbrechen.

Über lang oder kurz wird die Politik sich jedoch etwas einfallen lassen müssen, wenn wir in keiner Welt von Donald Trumps leben möchten, der den Armen genau das versprochen hat, worauf ihr Gehirn anspricht – dem Versprechen nach schnellen Lösungen und somit der akuten Befriedung ihrer Grundbedürfnisse. Dass solch eine politische Agenda, nur in die Irre führt und ineffektiv ist, beweist der Blick über den Atlantik.

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9 Kommentare zu „Unser Umgang mit Armut ist vollkommen falsch!

  1. Das Zitat Thatchers hat mich entsetzt!
    Interessant fand ich die Studie der Landwirte auf Zuckerrohrplantagen.
    Ja, was bedeutet es in Deutschland arm zu sein? Und fühlen sich die Armen arm?

  2. Das scheinen mir ziemlich herzlose Soziologen zu sein, die bei den Armen IQ Verluste nachweisen. Wahrscheinlich haben die Armen andere Sorgen als die IQ Tests der Soziologen zu bestreiten – eventuell sind sie nur müde. Das bedingungslose Grundeinkommen ist wenig hilfreich. Wer allen etwas gibt, kann den wirklich Bedürftigten wenig geben. Da sieht man deutlich bei unserem Sozialsystem. Was wir brauchen ist personalisierte, maßgeschneiderte Hilfe, die sich die Gesellschaft auch leisten will und kann. Unsere Sozialmethoden und – gesetze können personalisierte Hilfe aber ganz offensichtlich nicht leisten.

    PS Zu meiner Schulzeit waren etwa 70 % der Schüler am Gymnasium arm, hatten aber die anspruchsvollen Aufnahmeprüfungen geschafft. Die Reichen mussten ihre weniger begabten Kinder auf ein Internat schicken. Reichtum schadet wohl dem IQ.

  3. Zur geistigen Fitness:
    Ich bin überzeugt und das belegen auch neurowissenschaftliche Studien: Wenn Ich danach trachte, meine kreativen und intellektuellen Anlagen zu fördern – und dies dann auch tue(!), dann bringt das einen bleibenden Fitnessertrag! Das Gehirn „antwortet“ sofort darauf.
    Liegen die zwei genannten Felder brach, weil man sich um „andere“ Dinge zu kümmern hat, ist man im Hintertreffen.
    Allerdings ist auch bekannt, daß es im Krieg Leute gegeben haben wird, die sich mit Kunst und Literatur beschäftigt haben. Und es gab und gibt reiche Kinder, die nichts für ihre geistige Fitness tun.
    Schlußendlich ist das alles also nicht völlig klar für mich.

  4. Interessante Untersuchung!
    Wahrscheinlich ist es heutzutage viel schwerer oder zumindest anders, arm zu sein, als früher. Man muss zwar heutzutage seltener verhungern, als noch vor 100 Jahren. Aber man war damals vielleicht als Gruppe von Armen, Unterprivilegierten, Arbeiter Mitglied einer Schicht, innerhalb der man Solidarität hat finden können.
    Außerdem hat man sich früher nicht so sein Hirn mit dem Nachmittagsprogramm der privaten Sender verballern lassen müssen.
    Aber ich gebe zu, dass ich das alles vielleicht viel zu „romantisch“ sehe.
    LG Sabienes

  5. Der Text motiviert, ein Paar Anmerkungen beizufügen:

    ## „Wer die Armen Deutschlands sind, von denen in Armutsberichten und Nachrichten über Ungleichheit gesprochen wird, ist unklar – sie haben kein öffentliches Gesicht.“

    Die Armut kann sich jeder schon lange auf den Straßen, bei den Tafeln und Jobcentern anschauen. Die Obdachlosen werden zum Beispiel bestaunt wie Tiere im Zoo und erfüllen dabei einen wichtigen Zweck: sie führen den vermeintlich nicht armen Menschen vor, was mit ihnen passieren kann, wenn sie nicht funktionieren wie gewünscht. Faktisch wird der Kampf ums Dasein präsentiert.

    ## „Sobald die Phase der Armut beendet war, regenerierte sich die geistige Fitness, da das Gehirn nicht mehr ausschließlich auf die Mangelerfahrung und die Notwendigkeit der Beschaffung der knappen Ressource Geld fixiert war.“

    Geld ist keine Ressource, sondern Tauschmittel und vor allem in hierarchischen Gesellschaften ein Machtinstrument. In herrschaftsfreien Systemen, in denen geteilt wird, was man hat und nicht, was man übrig hat, hat Geld keinerlei Bedeutung, wie man heute noch bei den Mapuche in Chile beobachten kann.

    ## „… die Handlungen armer Menschen hindern sie häufig daran, die soziale Leiter aufzusteigen.“

    In der kapitalisitischen Wettbewerbsgesellschaft gibt es ( immer weniger) Gewinner und (immer mehr) Verlierer. Deshalb sind die eingangs genannten 15% als Diskussionsgrundlage recht untauglich, um die Dimensionen der Armut zu erfassen. Laut EuroStat gibt es in der EU nämlich mittlerweile 119 Millionen arme Menschen. Zu glauben, diese hätten häufig falsch gehandelt, wäre abwegig, genauso abwegig wäre es, zu denken, alle hätten sozial aufsteigen können. Das ist im Kapitalismus gar nicht möglich, sondern wird als Märchen verkauft, um zu Leistung anzutreiben.

    ## “ …. unsere Lebenssituation formt unser Denken, das ist ein unterbewusster verhaltenspsychologischer Prozess, der weder bei Reichen, noch bei Armen so leicht durchbrochen werden kann.“

    Die Lebenssituation beeinflusst das Denken, geformt wird es durch unzählige über die Lebensspannen hinweg gesammelten Erfahrungen. Durch die Extremsituation wird diese Denke mit Leichtigkeit durchbrochen. Nimm einem Reichen alles weg, seine Leibwächter, seine Autos, seine Häuser, seine Putzfrauen, seine Aktien und seine schicken Anzüge und schon ist er ein Niemand, der eine neue Lebenssituation meistern muss und zeigen kann, was er wirklich kann. Das ist in der Arbeitswelt bei sogenannten Top-Managern gut zu beobachten, da diese auf ein so absurdes Niveau geklettert sind, was nur in wenigen globalen Unternehmen anzutreffen ist. Ansonsten braucht kein Mensch und keine Firma solche Typen. Fallen diese also durch das Raster ihrer „Lebenwelt“, in der die Plätze rar sind, sind sie weg und bleiben weg. Geht auch in die andere Richtung.

    ## Zitat von Margaret Thatcher:

    Sie verkörperte das Klassenbewusstsein der Reichen, die die Armen verachten. Die armen Menschen im heutigen Kapitalismus, haben nur ein geringes Klassenbewusst, sonst würde man sich öfter hören und lesen, dass die Reichen und ihre Paladine u.a. in Politik und Bürokratie die Feinde der Gesellschaft sind.

    ## „Das BGE wird zumindest in Deutschland jedoch auf keiner Agenda stehen, …“

    Irrtum: Die BGE Partei, die als monothematische Partei für ein Thema eintritt, nämlich die Einführung des BGE, tritt zur Bundestagswahl an. Somit ist das bedingungslose Grundeinkommen sogar wählbar, wenn man denn noch wählen geht.

    ## „Über lang oder kurz wird die Politik sich jedoch etwas einfallen lassen müssen, wenn wir in keiner Welt von Donald Trumps leben möchten, …“

    Wir? Wer ist denn Wir? Wir Europäer? Wir Deutschen? Oder wir ausgebeuteten Menschen … Wir bedeutet immer, übergeordnete gemeinsame Ziele zu verfolgen – und die sind nur beim Kapital und den Reichen mit ihrem Klassenbewusstsein zu entdecken.

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