Einwanderer, die AfD wählen

Ich bin gespannt auf die Wahlanalysen in einer Woche – ob wohl ein besonderer Blick auf die Menschen mit Migrationshintergrund und deren Wahlentscheidungen erfolgen wird? Rauskommen wird, dass die CDU und die SPD bei Deutschrussen und Deutsch-Türken Stimmen eingebüßt haben, mehr bei der ersten Gruppe, als bei der zweiten. Die AfD hat sich besonders um die Bürger der ehemaligen UdSSR gekümmert – hätten es die anderen Parteien im gleichen Ausmaß getan, wäre es ein Eingeständnis dafür, dass die Integration nicht immer gut klappte. Warum müsste man sonst Wahlkampf auf einer anderen Sprache als der deutschen machen, wenn die Menschen, die seit vielen Jahren in Deutschland leben gut integriert wären?

Rassismus unter Migranten

Es ist ein schmerzhafter Punkt für mich zu sehen, wie viel Rassismus unter Menschen mit Migrationshintergrund existiert. Ich dachte immer, die Gemeinsamkeit der Einwanderungsgeschichte würde Brücken bauen, einander annähern – die meisten hatten es doch die ersten Jahre schwer. Tatsächlich verbindet diese Erfahrung jedoch nicht, wenn Religion und Ethnie ein Problem darstellen – die Vorurteile sind vor allem bei denjenigen mit importiert worden, die erst als Erwachsene nach Deutschland gekommen sind. Ich habe festgestellt, dass viele Osteuropäer keine Moslems mögen und niemand mag so wirklich Roma. Rassismus unter Einwanderern ist nicht neu. Ich erinnere mich an eine Situation vor einigen Jahren, in denen ich mich in einem Flugzeug mit einem Polen unterhielt. Es muss 2013 gewesen sein, als die Einschränkungen für die Einreise und Arbeit in der EU für Bulgaren und Rumänen fielen. Er sagte sinngemäß zu mir, dass dies die Gemüter ja erhitzen würde, weil niemand so viele Bulgaren haben möchte, nur um dann den Satz anzuschließen: „Aber Sie wissen ja, dass diese Einstellung keine gebildeten, weißen Frauen betrifft, sondern nur die faulen Zigeuner“.

Genau diese Vorurteile greift die AfD auf – gegen „Armutsmigration“ (damit hat sich Bernd Lucke bereits 2013 schon profiliert) und gegen Moslems! Damit kann man auch Einwanderer locken, die mit autoritärer oder nationalistischer Prägung aufgewachsen sind und sich mit einem liberalen und offenen System nicht wohlfühlen. Der Konservatismus, der bei manchen Einwanderern dazu führt, dass sie Veränderungen jeglicher Art ablehnen, treibt sie umso mehr in die Hände jener Partei, deren Bundestagskandidaten auch Parolen wie „Deutschland den Deutschen“ herausposaunen.

Abgrenzung, Sozialneid und Ängste

Es ist ironisch, dass gerade AfD-Kandidat Dubravko Mandic, der in Sarajevo (Bosnien und Herzegowina) geboren wurde, „Deutschland den Deutschen“ fordert, aber es bedient ein Muster, das ich häufig beobachtet habe. Diejenigen, die sich abgemüht haben als Deutsche zu gelten, wollen sich von denjenigen abgrenzen, die im Zweifel ihren Ruf beschädigen können. (Noch) nicht integrierte Ausländer, die die deutschen Kodizes nicht kennen, können durch unangemessenes Verhalten den Ruf aller Einwanderer zerstören. Auch wenn Mandic angibt, dass er aufgrund der Erfahrungen mit dem Zerfall Jugoslawiens getrieben sei, wirkt sein krampfhafter Versuch als Deutscher zu gelten wie angstgetriebener und opportunistischer Aktionismus – ist der Kuchen vielleicht doch nicht groß genug für alle? Man möchte besser sein und wirken als die „unkultivierten Migranten“, die kriminell und arm sind, man steht ja als gut integrierter Menschen über diesen Dingen und distanziert sich von „denen“. Man ist kein „krimineller Bulgare“, kein „islamistischer Terrorist“, kein „schmarotzender Osteuropäer“ – man ist anders, besser, integrierter, klüger, gebildeter, fleißiger, deutscher. Was es über Deutschland sagt, wenn Einwanderer die Stereotype gegen ihre eigenen Herkunftsstaaten verinnerlichen, sei an dieser Stelle mal dahingestellt.

Die Wahrheit ist allerdings, dass egal, wie gut man integriert ist, man für diejenigen, die nationalistisch und völkisch denken, nie ein Teil Deutschlands sein wird. Gerade in AfD-Kreisen sind Fantasien über das „arische Deutschland“ und „sauberes Blut“ geleakt worden. Für Neo-Nazis im hohen Alter sind 15 Aufenthalt in Deutschland Jahre verschwindend gering – als Einwanderer der ersten Generation bleibt man immer ein Neuer. Es ist wie es ist: manche Bürger werden Einwanderer niemals als neue deutsche Mitbürger akzeptieren. Auch wenn der Versuch mehr Akzeptanz durch Assimilation zu erreichen bei einigen klappen kann, so wird man die Hardliner insgeheim nicht überzeugen – auch wenn sie sagen mögen „du bist ja einer von uns“. Man bleibt stets „eine positive Ausnahme“. Dasselbe kann man bei Achille Demagbo aus Benin beobachten – er setzt sich für die AfD in Schleswig-Holstein ein und hatte 2013 beim Aufstieg der Partei selbst noch keine deutsche Staatsangehörigkeit. Selbstverblendung ist ein starker psychologischer Trick, um Selbstschutz und das Gefühl von Zugehörigkeit zu kreieren. Ein Gespräch zwischen Mandic und Achille müsste lustig ablaufen: Madic bezeichnete Barack Obama als „Quotenneger“, Achille wehrt sich gegen die Behauptung er sei genau dies für die AfD.

Richtig skurril wird es, wenn Einwanderer aus Sozialneid die AfD wählen. Sie selbst hätten sich so abgestrampelt, während die Geflüchteten so viele Privilegien erhalten würden. Ich will keine Leidensgeschichte absprechen, aber die vermeintlichen Privilegien, die die AfD taktisch klug im Internet verstreut hat, erregten vor 20 Jahren so manch einen Deutschen – nämlich als die Russlanddeutschen Begrüßungsgeld erhielten. Zur Auffrischung der Erinnerung habe ich einen Artikel in der Zeit aus dem Jahr 1996 gefunden: „Für mich sind das keine Deutschen“. Dass nun geschätzt wird, dass bis zu 40% der Russlanddeutschen für die AfD stimmen könnten grenzt an Realsatire!

Der Kuchen war gefühlt schon immer zu klein

Man könnte nun hinzufügen, dass die diplomatischen Beziehungen zu Russland oder der Türkei so manch einen Einwanderer ärgern und daher veranlassen, die AfD zu wählen. Das stimmt sicherlich für einige, aber meine These ist, dass über die vergangenen Jahrzehnte der gefühlte Kuchen für Einwanderer sowieso zu klein war – man musste doppelt so hart arbeiten, um dieselbe Anerkennung zu erhalten, berichten viele Ältere. Diejenigen, die sich einen mittleren Standard erarbeitet haben, sind häufig kompetitiv und selbstgerecht geworden – sie hätten ja alles komplett allein geschafft. Dass sie blinde Flecken haben, dass der deutsche Staat trotz der Missachtung der Integrationsthematik über viele Jahre Institutionen und Mechanismen geschaffen hat, die Einwanderern überhaupt erst die Möglichkeit geben sich zu entfalten, vergessen ebenfalls viele. Sie wollen, dass andere genauso leiden wie sie es taten – das wäre eine Form der Gerechtigkeit in ihrer Wahrnehmung.

Wenn nächste Woche bei den Analysen aufgeführt wird, dass ein signifikanter Teil von Einwanderern die AfD gewählt haben sollte, dann wird das jedoch nicht ein Armutszeugnis an die Politik sein. Es wird ein Zeichen des Versagens der Gesellschaft sein, die es in mehreren Jahrzehnten nicht geschafft hat, Einwanderern das Gefühl der Zugehörigkeit und Sicherheit zu geben, sodass sie sich im Zweifel nun selbst durch Radikalität schützen möchten. Es wird ein Zeichen des fehlenden Verständnisses von Solidarität und der deutschen Geschichte seitens der Einwanderer sein. Es wird eine Selbstzerfleischung in der Hoffnung auf mehr Härte anderen Menschen gegenüber.

 

 

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