Rechte Tendenzen beim Nachbarn – polnische Integrationsschwierigkeiten

Far-right demonstrators outside Palace of Culture, Warsaw

Es ist in einem Einwanderungsland wie Deutschland manchmal schwer vorstellbar, wie es wäre, wenn die Bevölkerung vollkommen homogen wäre und nicht so vielfältige ethnische und kulturelle Einflüsse in der Gesellschaft vorhanden wären. Leider erzeugen diese zwar immer noch auch Reibungen und Konflikte, allerdings gibt es insgesamt keine großen radikalen rassistischen Strömungen. Auch wenn Integrationsmaßnahmen und Akzeptanz noch ausbaufähig sind, merkt man, wie viel eigentlich schon erreicht wurde, wenn man auf den Nachbarn Polen schaut, über den man im Zusammenhang mit Migration oft nur die Zuwanderung nach Deutschland oder England verbindet.

Polen ist ein sehr homogenes Land, das lange Zeit unter zwei Prozent Einwanderer unter seinen Bewohnern zählte – die niedrigste Quote in der Europäischen Union. Da sich das Land wirtschaftlich relativ stabil entwickelt, ist es als Mitglied der EU natürlich auch interessanter für Einwanderer geworden, auch wenn es insgesamt sehr wenige sind. In Ballungszentren gibt es daher Bürger aus nahezu allen europäischen und vielen außereuropäischen Staaten, die entweder studieren oder bereits Arbeit gefunden haben. Darüber hinaus wirbt Polen zur Zeit armenische Arbeiter an – vielleicht auch als Statement gegen Moskau – um den Verlust durch Auswanderung an Arbeitskräften auszugleichen.

Diese neue Entwicklung führt zu Spannungen, die schwer nachvollziehbar wirken. Auch wenn es viele aufgeschlossene, hilfsbereite und neugierige Menschen gibt, passieren zum Teil Situationen mit denen man nicht unbedingt umzugehen weiß: Freunde von mir, die ein für hiesige Verhältnisse „exotisches“ Aussehen haben, werden nicht nur angestarrt, ein Mädchen aus Indien wurde bspw. angesprochen, sie sei wie Jasmin aus dem Aladdin-Märchen. Viel krasser geht es dabei gegenwärtig in Nachtclubs zu. Die neugegründete Polska Liga Obrony (deut.: Polnische Liga für Verteidigung/ Abwehr), eine Gruppe junger Männer patrouilliert seit kurzem in einigen Städten durch das Nachtleben. Dabei suchen sie gezielt nach „muslimisch aussehenden“ jungen Männern, die sich mit polnischen Frauen unterhalten. Diese sollen dann entweder aus dem Lokal verschreckt werden oder die Frauen werden über die „Gefahr“, die von muslimischen Männern ausgeht, „aufgeklärt“. Ziel der Aktion sei es, „das zu beschützen, was ihnen gehört“. Besonders junge Männer aus ländlichen Gegenden sympathisieren mit der Idee. Sexismus und Rassismus sind auf widerliche Art vereint, allerdings gibt es zum Glück inzwischen eine Gegenbewegung, die mit dem Slogan wirbt: „Sichere Party – Mädchen, sprecht nicht mit Nationalisten“.

Weniger verwunderlich, aber genauso erschreckend ist der Umgang mit Roma in Breslau. Wie in vielen anderen Staaten der EU, ist Xenophobie, die sich gegen Roma richtet, nahezu salonfähig. Seit acht Jahren gibt es Roma in der Stadt, die sich dort niederließen, wo sie Platz gefunden haben. Auf Druck von Amnesty International, wurden nun Sozialwohnungen bereitgestellt, da die vorherigen Lebensumstände der Roma prekär waren. Im Viertel, wo die Roma umgesiedelt werden sollen, haben die Menschen Angst vor Diebstahl, Gewalt und erhöhter Kriminalität. Petitionen und Proteste werden von den Anwohnern organisiert, allerdings braucht Breslau – was Kulturhauptstadt 2016 wird – gute PR für die eigene Stadt. Diese Probleme gibt es nahezu identisch in fast allen Städten, wo sich Roma in den letzten Jahren niedergelassen haben, unabhängig vom Land und der Erfahrung mit Immigration.

Es sind die Spannungen, die überall entstehen, sobald unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen. Das allgemeine Image Polens ist noch nicht attraktiv genug, um signifikante Menschenströme anzulocken, allerdings führt genau dies dazu, dass im kleinen Rahmen ungeachtet und unreflektiert Diskriminierung und Rassismus toleriert werden. Auch wenn es im Allgemeinen keine Schwierigkeiten gibt, weil es zu wenige Menschen sind, die keine polnische Staatsangehörigkeit haben, kann man als Ausländer in diesem Land, wo die nationalkonservative Partei „Recht und Gerechtigkeit“ der Kaczynski-Brüder zweitstärkste Kraft ist, nur vage erahnen, was unter der Oberfläche brodeln könnte. Skepsis und Zweifel gegenüber dem Fremden sind vielleicht die naheliegenden Reaktionen, wenn das Staatssystem die eigenen Bürger zum Teil nicht absichern kann. Dass daraus Ängste und Aggression entstehen, ist nicht überraschend. Die extrem Rechten haben in diesem Land glücklicherweise auch nicht so viele Sympathisanten.

Photo: Far-right demonstrators outside Palace of Culture, Warsaw, flickr.com, User: Tom Spender

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