Die Moslems sind böse – die Deutschen aber auch

Alvaro Tapia (CC BY-NC-ND 2.0)

Es sind gute Zeiten für Humanisten und Zyniker. Die einen glauben an die Gleichwertigkeit aller Menschen unabhängig von ihrem kulturellen, sozio-ökonomischen oder religiösen Hintergrund, die anderen gehen stets vom Schlechten aus. Bei der aktuellen gesellschaftlichen Stimmung kollidieren beide Ansätze und bilden eine wunderschöne Symbiose, denn Menschen sind in der Tat überall gleich – gleich schlecht.

Ich beobachte in meinem Umfeld und den sozialen Medien Angst vor dem Islam. Er sei barbarisch, rückschrittlich, frauenfeindlich, rassistisch und würde zu Gewalt aufrufen – pauschal, weil es einfach so sei. Der Islam müsse erst einmal reformiert und modernisiert werden, um sich an die deutsche Kultur – der Wiege der Denker und Dichter – anpassen zu können. Nun gut, ich bin keine Islam-Expertin und anstatt mich hinter Argumenten zu verklausulieren, lasse ich es. Sicher – es kann zu Konflikten zwischen radikalen Moslems und der westlichen Gesellschaft kommen, genauso wie es zwischen radikalen und moderaten Moslems der Fall ist. Sicher – es gibt rückständige Menschen, die schwer zu erreichen sind. Sicher – man darf Konflikte nicht totschweigen. Aber woher kommt eigentlich diese herablassende Haltung, mit der über den Islam kategorisch gesprochen wird, als ob die Deutschen (bleiben wir an dieser Stelle bewusst bei Pauschalisierungen und fehlender Differenzierung!) in Unschuld baden?

Würde man die Logik der Pauschalisierung ernst nehmen, dann hätte man den Eindruck, die Deutschen seien inzwischen islamfeindliche, gewaltbereite, tierquälende Vandalen. Was in den letzten Wochen und Monaten passiert ist, verstört mich. Es wird so getan, als hätten wir eine reine, unschuldige Kultur und wenn etwas passiert, reden alle nur von tragischen Einzelfällen von radikalen Verrückten. Eine Summe von Einzelfällen bildet aber dennoch eine Masse. 1+1 ist schließlich nicht gleich 1.

Was meine ich genau:

  • Letzten Sommer uriniert ein Mann auf zwei Kinder in der S-Bahn aus rassistischen Motiven
  • Eine hochschwangere Frau aus Somalia wurde krankenhausreif geprügelt
  • Über 1000 Flüchtlingsheime wurden angegriffen (es würde sich um Einzelfälle, wenn man die Zerstörung an einer Hand abzählen könnte)
  • Kneipen und Gaststätten wurden aus politischen Motiven zerstört
  • Es wurde auf ein AfD-Mitglied geschossen
  • Ein Schwein wurde getötet und mit der Aufschrift „Mutti Merkel“ auf die Baustelle einer Moschee in Leipzig gelegt (besonders paradoxer fun fact: die Islam-Kritiker bezeichnen Moslems gerne als Tierquäler wegen der Schächtung von Tieren, ignorieren aber solche symbolischen Aktionen oder die Tatsache, dass in Deutschland täglich unzählige Küken geschreddert werden)

Die Deutschen benehmen sich kurzum unzivilisiert und impulsgesteuert und rechtfertigen die Zerstörungswut mit Frustration gegenüber der Politik. Vielmehr – Zerstörung sei ein Zeichen der direkten Demokratie, wie das Video von Pegida-Anhängern zeigt:

Ich frage mich dabei, ob in solchen Fällen jemand das Prinzip der direkten Demokratie nicht begriffen hat, oder schlicht eine Ausrede für Vandalismus und Aggressionsbereitschaft sucht. Dies ist kein rechtsradikales Problem, auch linksradikale beschädigen vorsätzlich Lokalitäten von politischen Gegnern. All diese Taten sind verwerflich, aber auch so unfassbar verlogen und auf tragische Weise ironisch, wenn sie in einem Zug mit Islamkritik genannt werden – frei nach der Devise „Wasser predigen, Wein saufen“. Gewalt kann man auch nicht auf die ach so böse Politik schieben, wie es viele gerne tun – das ist schlicht feige und verantwortungslos. Zudem hieße es im Umkehrschluss auch, dass die Deutschen nicht selbst denken können und sich leicht zu Aktionismus verleiten, wenn alles nur die Schuld der Politik sei. Von Bürgerverantwortung keine Spur. Oder befinden wir uns lediglich auf den Spuren der christlich-abendländischen Kultur, die auf einem Buch basiert, welches gefüllt ist mit Mord, Totschlag, Inzest und Vergewaltigung?

Aber gut, anstatt Menschen zuzutrauen sich von ihrer Religion abstrahieren zu können – so wie es im Zuge der Säkularisation in Europa passiert ist – stopft man lieber den Knebel der Pauschalisierung in die Münder der Moslems, fasst Verbrecher und Opfer in eine Kategorie zusammen und freut sich über die bevorstehenden Abschiebungswellen oder Tweets von Erika Steinbach. Dann kann man sich selbst auf die Schulter klopfen, dass man die reine und unschuldige Heimat vor Eindringlingen geschützt hat.