Ein Körper für wenige Tausend Euro – Menschenhandel in Europa

Man hat das Gefühl, es handle sich um das Szenario eines Actionsfilms, der in Südostasien oder Lateinamerika spielt, aber dessen Schauplatz in Wirklichkeit die Europäische Union ist: Der Menschenhandel sei im Zeitraum von zwei Jahren (2008-2010) um 18% auf über 9500 offizielle Fälle in der EU gestiegen, u.a. Der Stern berichtete. Zwangsarbeit, Prostitution und sogar Organhandel, aber auch organisiertes Betteln seien die häufigsten Ausprägungen des Menschenhandels, die an moderne Sklaverei erinnern. Wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind, bleibt weiterhin ungeklärt. Man bekommt offenbar die Quittung der Krise nun auf unerwartete Art: in den Jahren der verschärften Wirtschaftslage wird weniger auf soziale Missstände und Kriminalität in diesem Rahmen geachtet, denn trotz steigender Opferzahl, sind die Verurteilung und Fahndungen gegen die Händler zurückgegangen. Herkunftsländer sind oft Rumänien und Bulgarien.

Sexarbeit, Missbrauch und Pädophilie als treibender Motor der Industrie

Die Organisation „Face to Face Bulgaria“ führt auf ihrer Homepage auf, dass besonders junge Mädchen im Alter von zwölf bis 18 Jahren beliebte Opfer sind. Teenager aus wirtschaftlich und/oder sozial prekären Verhältnissen werden demnach mit Lügen und Versprechungen geködert, ihnen werden bspw. Modeljobs im Ausland versprochen oder sie werden durch Gewalt, Erpressung, Manipulation oder Drogen gefügig gemacht und zur Prostitution oder Arbeit in Stript-Clubs gezwungen. Nach Angaben der Organisation wird geschätzt, dass weltweit mehr als 13 Milliarden US-Dollar jährlich durch Menschenhandel erwirtschaftet werden – ein lukratives Geschäft für skrupellose Banden.
Spezielle Anfragen für das „Anwerben“ minderjähriger Jungen von Seiten pädophiler Gruppen ist ebenfalls keine Seltenheit, wie das Hamburger Abendblatt 2008 berichtete.
Ob Mädchen oder Jungen – wieder sind besonders die Roma gefährdet. Da ein großer Teil der Minderheit von starker Armut betroffen ist, sind Verzweiflungstaten keine Ausnahmen. Was im Laufe der Zeit mit den Opfern passiert, weiß niemand. Selten schaffen sie es, sich aus ihrer Situation zu befreien und zu ihrer Familie zurückzukehren, Äußerungen und Informationen gibt es aus Angst kaum.

Kinderhandel – ein toleriertes Verbrechen

Vor etwa zehn Jahren wurde in Bulgarien der Beschluss gefasst, dass Minderjährige nur mit Zustimmung beider Eltern das Land verlassen dürfen. Dies hatte den Grund, dass die Anzahl des Menschenhandels besonders von Kindern und Jugendlichen in Länder wie Italien oder Griechenland drastisch zugenommen hatte. Vor allem der Verkauf von Säuglingen und Kleinkindern stieg rasant an – kinderlose Paare versuchten sich durch Vermittler und juristische Schlupflöcher für wenige Tausend Euro ein Kind zu beschaffen.

Die Kurzreportage des ZDF zeigt wie im Roma-Viertel der bulgarischen Küstenstadt Burgas junge Frauen mit dem Verkauf ihrer Kinder umgehen und warum sie diesen Schritt wagen. Erneut ist es die wirtschaftliche Not, die sie dazu zwingt. Griechenland ist ein beliebtes Ziel für Händler, da es dort möglich ist, Adoption auf privatem Wege durchzuführen und dafür ist lediglich das Einverständnis der Mutter von Nöten. Die Preise für ein Kind variieren zwischen 2.000 bis zu 30.000 Euro. Das Geld benutzen die Frauen, um ihre Lebensumstände erträglicher zu gestalten.

Vor den Augen aller

Man könnte das Gefühl bekommen, diese Art der Wirtschaft sei nahezu erwünscht in Anbetracht der Tatsache, dass es kaum sichtbare Aktionen und Prävention dagegen gibt. Aufklärungs- und Schutzmaßnahmen in den Ländern, aus denen Menschen besonders häufig „erbeutet“ werden, sind mit Kosten verbunden, die oft nicht zu decken sind und Politik und Verwaltung sehen sich selbst in einer hoffnungslosen Lage im Kampf gegen Korruption und organisierte Kriminalität. Auch Rassismus scheint mitzuschwingen, da ein großer Anteil der verkauften Kinder de facto zu der Volksgruppe der Roma gehören.

Die Zielländer hingegen interessieren sich nicht für Hintergründe und Zusammenhänge, sondern befürchten nur Armutseinwanderung, die die Sozialkassen belasten könnte. Dass bisher ein Großteil der gehandelten Menschen ohne legalen Status, also auch ohne Anspruch Sozialbezüge zu erhalten, wird außer Acht gelassen.

Die Meldung, dass Menschenhandel Teil der sozialen Realität in Europa ist, wird genauso still und schnell verschwinden wie sie gekommen ist. Zu komplex sind Fahndung und Reintegration der Opfer, die lange ohne Stimme und Freiheit gelebt haben und auch ein Patentrezept gegen diese Art der organisierten Kriminalität wird kaum zu finden sein. Lediglich Bewusstsein über Gefahr und Wissen über Schutzmöglichkeiten in den typischen Herkunftsländern in Form von Bildungskampagnen in Schulen, Waisen- und Frauenhäusern könnten vielleicht ein effektiver Schritt sein.