Gute Nachbarschaft? Warum wir Polen so schlecht kennen

Sylwia Bartyzel (CC 0); Straße in Krakau

Spricht man über unseren französischen Nachbarn, scheint es stets so, als wüssten alle Deutschen, wie es im Land aussähe und wie die Menschen ticken – selbst wenn man nie vor Ort war. Der gute französische Wein, die Romantik in Paris, die feine Küche und die charmanten Kavaliere sind schnelle Assoziationen, die man mit dem Land verbindet, das für Generationen nur Sinnbild der Feindseligkeit unter Nachbarn war. Dass die europäische Integration in diesem Fall glückte, ist ein Ergebnis von Diplomatie und beidseitiger Anstrengung, aber wie sieht es mit unserem zweitgrößten Nachbarn auf der anderen Seite aus?

Polen hat fast 40 Millionen Einwohner und teilt mehrere hundert Kilometer Grenzgebiet mit Deutschland, doch die Assoziationen gehen in der Regel leider selten über schnöde Witze über historische Territorialansprüche, Billiglohnarbeit und Kriminalität hinaus. Wie sich die Kultur in dem Land entwickelt hat, wie die Mentalität dieser Nachbarn ist, geschweige denn die politische Position ist meist unbekannt. Während der Erfolg von Marine Le Pen medial ausgiebig debattiert wurde, gab es kaum Reflexionen über den erneuten Erfolg der nationalkonservativen und euroskeptischen PiS, die von Jaroslaw Kaczynski geführt wird und nahezu ein Drittel aller polnischen Stimmen bei den Europawahlen gewonnen hat.

Der Sozialismus wirft bis heute Schatten

Nachdem ich nun ein dreiviertel Jahr in Polen verbracht habe, wurde auch mir deutlich, wie wenig ich über dieses Land wusste und wie groß die Unterschiede trotz der geographischen Nähe sind. Es ist wahrscheinlich der Einfluss des Sozialismus, der im deutschen Bildungssystem und im allgemeinen politischen Diskurs kaum ernst genommen und in erster Linie mit dem wirtschaftlichen Scheitern und dem Ende des Kalten Krieges verbunden wird, der auch dazu führt, dass man sich emotional sehr fern voneinander fühlt. Dass die politischen sozialistischen Strukturen Gräben in die Gesellschaft gerissen haben, die bis heute noch spürbar sind, scheint daher nahezu irrelevant zu sein.

Zweierlei Dinge werden in Polen deutlich: die einstigen politischen Eliten des sozialistischen Systems haben es geschafft, sich Plätze in den höheren Rängen in Wirtschaft und Politik zu sichern, was besonders wichtig ist, wenn man polnische Partner sucht. Der Umgang mit ihnen ist noch immer durch die alte Schule beeinflusst. Zum anderen ist die Ablehnung sozialistischer und staatsgebundener Organisationsstrukturen so intensiv ausgeprägt, dass die wirtschaftliche Denkart ein marktliberales System begrüßt, allerdings sind auch die negativen Erfahrungen mit dem Sozialismus Grund für Misstrauen innerhalb der Bevölkerung.
Dieses grundlegende Verständnis für die Logik des östlichen Nachbarn könnte hilfreich sein, um Partnerschaft auf unterschiedlichen Ebenen besser auszubauen. Polen birgt schließlich Potenzial in mehrerlei Hinsicht – die Akademikerquote gehört zu den höchsten in Europa, das Wirtschaftswachstum ist trotz der Finanz- und Haushaltskrise nicht zusammengebrochen und dank der historischen und kulturellen Vergangenheit des Landes und des Küstengebiets, wäre das Land auch für einen Ausbau des Tourismussektors geeignet.

Eine Brücke zwischen Ost und West?

Die fehlende Verbundenheit zwischen Deutschland und Polen liegt allerdings nicht nur an der mangelnden Information auf deutscher Seite, sondern auch am Kampf mit den eigenen Dämonen der Polen. Bisher wurde in Polen die Chance nicht genutzt, ein Bindeglied zwischen Ost und West zu sein, obwohl das Land aus geopolitischer und historischer Sicht dafür prädestiniert wäre. Allerdings sehen viele Polinnen und Polen ihr Land als Sandwich, das stets zwischen Großmächten (Deutschland und Russland und deren politische Vorgängerstaaten) gedrängt war. Sandwiches werden in der Regel gegessen und dies ist auch zum Teil mit der polnischen Kultur passiert. Der sowjetische Einfluss bis 1989 belastete die Bürger, aber auch die historische deutsche Machtgier hat sich bis heute in das nationale Gedächtnis gebrannt. Dies führte zu einer bis heute andauernden Kontereinstellung, in der das Nationalbewusstsein, Religion und Freiheit von Fremdbestimmung eine wichtige Rolle spielen. Dies gestaltet den interkulturellen Austausch manchmal schwierig, doch der offene Umgang mit Unterschieden hat sich bisher bewährt, um sozialen Frieden zu wahren und selbst dazuzulernen.

 

"Die Zukunft wird nicht gemeistert von denen, die am Vergangenen kleben" - WIlly Brandt; Mauer des WIlly-Brandt-Zentrums in Breslau; Foto: http://www.wbz.uni.wroc.pl
„Die Zukunft wird nicht gemeistert von denen, die am Vergangenen kleben“ – WIlly Brandt; Mauer des WIlly-Brandt-Zentrums in Breslau; Foto: http://www.wbz.uni.wroc.pl

Kleinschrittige, aber notwendige Annäherung?

Während es Institute und Kulturzentren für deutsch-polnischen Austauscht gibt, um diesen Teil der europäischen Integration voranzutreiben, kommt in der breiten Masse nur sehr wenig an von dem Versuch sich nahe zu kommen. Es ist ein langer Prozess, bis sich zwei unterschiedliche Staaten kennenlernen und erfolgreich kooperieren können, allerdings bedarf es an Tiefe bei dieser Transformation der Beziehung, sofern man vermeiden will, dass Zusammenarbeit primär von Wirtschaftsinteressen beeinflusst wird. Auch wenn dies für beide Seiten Vorteile bringen könnte, bestünde weiterhin die Distanz, die effektivere Kooperation erschwert. Vielleicht sind kleine Schritte nötig, um den Stillstand des gegenseitigen Kennenlernens zu vermeiden und regionale Projekte auf beiden Seiten der Grenze zu stärken. Passivität und Entfernung sind auf Dauer keine Lösung. Dafür ist man sich zu nah, dafür besteht zu viel Potenzial.

Auch wenn soziale Normen, die Küche, der Stellenwert von Religion und Nationalbewusstsein sich sehr stark unterscheiden, ist es die junge Generation, die Brücken schlägt. Subkulturen entwickeln sich als Gegenbewegung zu den verkrusteten nationalistischen Strömungen in Polen und bereichern das Gesicht der Städte durch Hipster-Cafés, vegane Hardcore-Restaurants, politische Streetart á la Banksy und pulsierendem Nachtleben in den Studentenvierteln. Dies lockt auch die deutschen Studierenden an – mit dem Erasmusprogramm kommen immer mehr junge Leute nach Warschau, Krakau oder Breslau, um sich davon zu überzeugen, dass es mehr als günstiges Bier und Wodka gibt und es sich lohnen kann, die manchmal ernst blickenden Kommilitoninnen und Kommilitonen zu knacken. Ob dies in Zukunft Früchte tragen wird, wenn es beispielsweise darum geht, die europäische Idee neu zu denken, wird sich spätestens dann zeigen, wenn Generation Erasmus selbst die bedeutungsträchtigen Positionen in Gesellschaft und Wirtschaft erreicht hat.

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